Kategorie-Archiv: Allgemein

Starke Frauen zum Festivalauftakt

Beim Filmgespräch auf der Parkinsel

Beim Filmgespräch auf der Parkinsel: Annekathrin Bürger, Ulrike Krumbiegel, Regisseurin Alexandra Sell und Eisläuferin Maria Rogozina (von links).

Von Susanne Schütz

„Die Freude der Menschen, die Schauspieler geworden sind, ist, dass man Dinge tun darf, die man sonst nicht tut – schießen zum Beispiel. Man springt rein in eine Rolle hinein und geht dann abends aber wieder nach Hause“, sagt Schauspielerin Ulrike Krumbiegel beim ersten Filmgespräch auf der Ludwigshafener Parkinsel: Ein Zuschauer hatte sich gewundert, dass die 55-Jährige „in echt“ so ganz anders wirkt als im gerade gesehenen Film „Die Anfängerin“. Weiterlesen

Neu im Kino: „Baby Driver

Baby (Ansel Elgort) ist Anfang 20, redet wenig, lebt bei seiner Großmutter und ist ein besserer Fahrer als Jason Statham in den Filmen der „Transporter“- und der „Fast-and-Fourious“-Serie. Baby ist  Fahrer bei Banküberfällen, der selbst aus ausweglosen Situationen und trotz einer Horde hinterherfahrender Polizeiautos entkommt. Er arbeitet für einen Gangsterboss, dem er Geld schuldet (warum erfährt man nicht), fährt jedes Mal mit anderen Mitfahrern und interessiert sich für nichts. Oder doch: für die Oma und für ein Mädchen, das im Diner bedient. Freunde hat er nicht, das Geld, das er bekommt, braucht er nicht. Er versteckt es in einem Holzbrett am Boden.  Baby ist krank, er hört ein Klingeln im Ohr, deshalb hat er permanent Kopfhörer auf und hört Musik. Der Rhythmus der Musik bestimmt seinen Fahrstil und sein Leben. Sein Mädchen mag seine Musik, sonst würde es nicht funktionieren. Musik, Liebe, Raserei.  Das alles  ist hier wunderbar konsequent und originell von Edgar Wright umgesetzt nach den rhythmischen Vorgaben der Musik von den 60er bis heute. Auch „Baby Diver“ ist ein Song, von Simon & Garfunkel. Aber einer, den nicht jeder kennt – so wie Wright von vielen  Interpreten nicht die Songs genommen hat, die jeder kennt, sondern Häppchen für Feinschmecker. Auch das ist cool.

Großbritannien/USA 2017.  Buch/Regie: Edgar Wright, Kamera: Bill Pope, Musik: Steven Price, mit Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, Jon Bernthal,  Jamie Foxx, 113 Minuten, ab 16.

Andrea Dittgen

Neu im Kino: „Berlin Falling“

Ein Roadmovie. Der junge Mann an der Tankstelle, der nach Berlin mitgenommen werden will, sieht sympathisch aus, also nimmt Frank Balzer ihn mit. Der Ex-Elitesoldat, der schon in Afghanistan  war, kann einen Kumpel gebrauchen, der ihn ablenkt, damit er auf der langen Fahrt nach Berlin nicht wieder zu trinken anfängt. Denn dazu haben ihn die Kriegserlebnisse gebracht. Am Berliner Hauptbahnhof will er seine Frau und seine kleine Tochter treffen.  Das alles weiß sein Anhalter auch, wie sich  herausstellt: Er ist ein IS-Terrorist mit einer Bombe im Gepäck, die er am Berliner Hauptbahnhof detonieren  lassen will. Genauer gesagt, soll Frank das als Selbstmord-Attentäter tun. Frank merkt viel zu spät, wen er sich ins Auto genommen hat – und reagiert panisch, als der IS-Terrorist seine gerade im ICE nach Berlin fahrende Tochter  bedroht, die er mit der Kamera in Echtzeit filmt und ihm permanent vorspielt. Richtig spannend wird der Thriller, wenn es dunkel wird und nur die beiden  Männer im Auto miteinander reden. Das ist großes Genrekino – und  ein gut inszeniertes Kammerspiel. Auch als der Terrorist Frank in ein Versteck zerrt und ihn foltert, ist alles noch gut und glaubhaft. Aber dann verließen Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Ken Duken die guten Geister, und die Geschichte wird fahrig, beliebig und unglaubwürdig.

Andrea Dittgen

Deutschland 2016.  Buch/Regie: Ken Duken, Kamera: Ngo The Chau, Musik: Kriton Klingler-Ioannides, mit Ken Duken, Tom Wlaschiha, Marisa Leonie Bach, Axel Hartwig, Kida Khodr Ramadan,  91 Minuten, ab 16.

Neu im Kino: „Ich, einfach unverbesserlich 3“

Der dritte Film setzt da an, wo der zweite aufhörte: Der Ex-Bösewicht Gru wurde ein guter Mensch. Er wohnt mit den drei kleinen Mädchen, die er adoptierte, und mit Agentin  Lucy zusammen und hat nur noch Gutes im Sinn. Bis  Gru erfahren muss, dass er einen Zwillingsbruder hat namens Dru, von dem er nichts ahnte, da die beiden als Babys getrennt wurden, als die Eltern sich scheiden ließen. Kästners „Doppeltes Lottchen“ lässt grüßen, doch hier sind es zwei Erwachsenen, die sich notgedrungen zusammenraufen. Denn  Dru, der bei dem Bösewicht von Vater aufwuchs, will  nur Böses tun. Gru überredet  Dru jedoch, ihm behilflich zu sein, den Riesendiamanten zurückzuklauen, den der neu eingeführte Bösewicht namens Balthazar Bratt gestohlen hat, woran Gru nicht unschuldig war.  Das ist zwar alles kurzweilig und optisch schön gemacht, aber letztendlich enttäuschend –  nicht nur wegen des typisch amerikanischen permanenten Wir-sind-Familie-Gesäusels.  Denn das Beste an den „Despicable“-Filmen sind nun mal die gelben Männchen, die drolligen Minions, und die haben hier nur ganz wenige Szenen.

Despicable Me 3. USA 2017. Regie: Kyle Balda, Pierre Coffin, Eric Guillon, Buch: Ken Daurio, Cinco Paul, Musik: Heitor Pereira, Animation,  96 Minuten, für jedes Alter.

Andrea Dittgen

Der Verkannte

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

In Italien erwartet man nicht unbedingt eine Hommage an Helmut Käutner (1908-1980). Acht Filme zeigte das Festival von Bologna, bewusst nicht die bekannten, sondern „Große Freiheit Nr. 7“ (1945), „Unter den Brücken“ (1949), „Epilog“ (1950), „Bildnis einer Unbekannten“ (1954), „Ludwig II.“ (1955), „Himmel ohne Sterne“ (1955), „Das Glas Wasser“ (1960) und „Schwarzer Kies“ (1961).– allesamt Meisterwerke, auch wenn das in Deutschland nicht unbedingt so gesehen wird. Dort denkt man vor allem an „Des Teufels General“ (1955) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956). Weiterlesen

Mario Adorf, der wilde Maler

 

Im Festivalkatalog stand nur, dass die Berliner Schauspielerin Eva Renzi (1944-2005) mitspielt, und dass der Film eine Co-Produktion mit  Atze Brauers Berliner Firma CCC Filmkunst war. Als der Film über die Leinwand flimmert, war die CCC Filmkunst getilgt, aber ein neuer Name tauchte auf: Mario Adorf. Dass er in einigen italienischen Filme mitspielte, ist bekannt. Aber dass er im Debütfilm des Trash-Horror-Spezialisten Dario Argento mitwirkte, war schon eine Überraschung. „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ heißt der Film von 1970, der alles andere als Trash ist, sondern ein Thriller erster Güte.

Der US-Schauspieler Tony Musante (1936-2013) spielt die Hauptrolle. Foto. ICR

Der US-Schauspieler Tony Musante (1936-2013) spielt die Hauptrolle. Foto. ICR

Dabei hatte es der Film anfangs schwer, wie der 76-jährige Dario Argento erzählte: „Ich schickte das Drehbuch an verschiedene Produzenten, aber niemand mochte es. Mein Vater, Salvatore Argento, der auch Produzent war, gab mir Geld, und ich fing an zu drehen. Es war mein erster Film als Regisseur, vorher hatte ich nur Drehbücher geschrieben. Ich wollte es diesmal selber machen, weil ich nicht wollte, dass man mir mein Drehbuch verschandelt. Als er Film fertig war, sagten einige Leute, so etwas könne man nicht ansehen. Also startete der Film vorsichtig in nur zwei Städten, Turin und Mailand. Aber er kam gut an, lief bald im ganzen Land. Und als ich zwei Jahre später wieder nach Mailand kam, lief er da immer noch.“

Dario Argento führte in seinen Film "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" ein. Foto: Dittgen

Dario Argento führte in seinen Film „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ ein. Foto: Dittgen

Der Thriller beginnt damit, dass Sam, ein Amerikaner in Italien (Tony Musante) in einer Galerie für moderne Kunst durch große Glasfenster von außen sieht, wie eine Frau (Eva Renzi) mit einem Mann in schwarzem Mantel und schwarzem Hut kämpft. Er flieht, sie bleibt blutüberströmt liegen bleibt. Er lässt die Polizei rufen und beginnt bald eigene Nachforschungen anzustellen, zumal noch mehr Morde an Frauen passieren und die Polizei eher hilflos im Dunklen tappt. Der Mörder wird auf Sam aufmerksam, und verfolgt ihn. Parallel sieht man, wie er andere Frauen verfolgt und es ihm dabei gelingt, sie umzubringen.

Die Neugier führt Sam zu dem Maler Berto Consalvi, denn der Mörder kauft eines seiner naiven Bilder, das den Mord an einer Frau zeigt. Den sehr unwirschen Maler, der sich in seinem einsamen Haus so sehr verbarrikadiert hat, dass man nur über eine Leiter im ersten Stück zu ihm kann, spielt Mario Adorf. Mit halblangen schwarzen Zottelhaaren und dickem Bart sieht er eher aus wie ein Seebär, aber er lässt Sam zu sich kommen und erzählt ihm, dass sein Bild von Mord auf einen Fall zurückgeht, der sich vor zehn Jahren abspielt. Vielleicht hätte Sam sich länger mit ihm unterhalten, aber er muss erleben, dass der Maler Katzen fängt und mästet, um sie zu verspeisen und Sam selbst gerade Katzenfleisch aß, ohne zu wissen, was ihm der Maler angeboten hatte. Aber der Maler ist nicht der Mörder. Überhaupt gibt es zwei Mörder, die offenbar zusammenarbeiten, wie sich anhand der Drohanrufe bald herausstellt, die Sam und seine Freundin bekommen. Natürlich gibt es auch Mordanschläge auf Sam und seine Freundin.

Was verblüfft, ist weniger die Thriller-Handlung an sich, sondern die Optik und die Akustik. Die Kunstwelt der Galerien und Antiquitätenläden ist in ungewöhnlichen Einstellungen festgehalten (von Kameramann Vittorio Storario, dem späteren dreifachen Oscar-Gewinner), die Musik ist mal zurückhaltend, mal ungewohnt jazzig-laut (von Ennio Morricone, der damals schon sehr bekannt war) und das ganze Ambiente so kunstvoll wie später nur noch selten in den  Argento-Filmen. Es gibt vergleichsweise wenig Rot und Blut, aber schon viele Frauenschreie – und überhaupt keinen unfreiwilligen Humor, denn richtig peinlich oder trashig ist nichts. In Deutschland war Argentos bemerkenswert gutes Debüt untergegangen, trotz der deutschen Co-Produktion und dem dritten deutschen Darsteller (Werner Peters als Antiquar), es gibt den Film aber auch bei uns  auf DVD.

Andrea Dittgen

Filme leben zweimal – mindestens

Filme haben zwei Leben: einmal, wenn sie ihren Kinostart haben – und ein zweites Mal, wenn sie Jahrzehnte später in restaurierter Form noch einmal präsentiert werden. Meistens bei einem Festival. Oft bei mehrere

Ein Sensationsfotograf in "Paparazzi", der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

Ein Sensationsfotograf in „Paparazzi“, der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

n. Dass man einen Film bei dem einem Festival verpasst und ihn beim nächsten nachholen kann, passiert recht häufig. Doch selten kommt es vor, dass ein Film, ein Kurzfilm dazu, der in Cannes, beim wichtigsten Festival der Welt, in der Retrospektive gezeigt wird, in Bologna auch gezeigt wird und sogar noch kombiniert mit einem weiteren Kurzfilm desselben Regisseurs zum selben Thema.

Der erste Kurzfilm heißt „Paparazzi“ (18 Minuten), der zweite „Le parti des choses: Bardot et Godard“ (Die Ordnung der Dinge: Bardot und Godard, 8 Minuten). Beide wurden 1963 auf Capri gedreht, am Set von Jean-Luc Godards „Die Verachtung“. Regie hatte Jacques Rozier (93), der älteste der beiden noch lebenden Regisseure der französischen Nouvelle Vague (der andere ist Godard selbst, er ist jetzt 86). Die beiden waren befreundet, als Godard Rozier vorschlug, die Dreharbeiten zu begleiten. Daraus wurde kein Making-of (den Begriff gab es damals noch gar nicht), sondern zwei sehr eigenwillige Kurzfilme.

Den ersten, „Paparazzi,  sah ich im Mai in Cannes. Rozier filmte die erste Begegnung von Godard und Bardot, damals der große Star. Sie wird im Cabrio an den Kai gefahren, der sie zur Insel Capri bringt. Godard begrüßt sie höflich. Sie küssen sich nicht. Sie sind umlagert von Neugierigen und Fotografen. Die Bardot spricht mit einigen, sie beschwert sich, dass sie dauernd fotografiert wird. Dann steigen Bardot, Godard und die anderen Stars (Jack Palance, Fritz Lang, Michel Piccoli) ins offene Motorboot, das sie zur Insel bringt. Auf dem Meer sind ein paar kleine Boote von anderen Schaulustigen und Fotografen. Die Fotografen verschanzen sich aber auch hinter den Felsen der Insel und versuchen, mit ihren Zoom-Objektiven Fotos von der Bardot zu machen. Manchen gelingt es. „Wir müssen Geld verdienen, um unsere Familie zu ernähren“, sagt einer der Fotografen. Ein anderer erklärt die Kameraausrüstung, das Zoom_-Objektiv muss so gut sein, dass er  500 Meter Entfernung ganz nah heranholt, erklärt er. Die Paparazzi (der Begriff tauchte übrigens zum ersten Mal 1960 in „Das süße Leben“ von Federico Fellini auf, wo einer dieser Fotografen Paparazzo hieß) beneiden den offiziellen Set-Fotografen, der jede Menge toller Aufnahmen von der posierenden Bardot im Bikini machen kann, während sich die Bardot vor ihnen immer versteckt.

Rozier gelingt es, die zwei Seiten der Medaille bruchlos zu verbinden: Der Star und die Medien. Alles wirkt locker und unverkrampft. Michel Piccoli trägt Brigitte Bardot die Treppe hoch, Bardot blickt mit Schmollmund in die Kamera, ein Fotograf steht mit seinem langen, nach unten gerichteten Teleobjekt auf dem Felsen und legt es an wie ein Gewehr, um seinen Schuss zu machen. Dennoch: So brutal wie heute waren die Paparazzi damals nicht.

"La parti des Choses: Bardot et Godard": Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

„La parti des Choses: Bardot et Godard“: Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

Der zweite Kurzfilm, den Cannes nicht zeigte (an der Kürze von acht Minuten kann es eigentlich nicht gelegen haben), ist auch kein richtiges Making-of, obwohl man sieht, wie Godard – selbst bei großer Hitze und Anzug und mit Hut – mit dem Drehbuch in der Hand vor der sich im Bikini auf der Treppe räkelnden Brigitte Bardot sitzt und ihr Anweisungen gibt. Godard spricht in freundlichem Ton, sie sagt nichts. Man sieht Piccoli und Bardot einträchtig nebeneinander sitzen und nebeneinander hergehen – aber immer ist das Drehteam mit erfasst, so dass die Stars ganz klein wirken, wie Ameisen zwischen anderen Ameisen. Trotz des Filmtitels, der auf Bardot und Godard referiert, nimmt Rozier bei seinen letzten Einstellungen einen anderen ins Visier: Fritz Lang, der hier einen Regisseur spielt. Godard drehte auf einem Boot, Lang sitzt erst im Stuhl, dann geht er an andere Ende des Decks. Nach einem Zwischenschnitt auf eine Figur des Odysseus lässt Rozier Fritz Lang in seinem Kommentar zum Götterboten werden, der über alle wacht. Eine schöne Vorstellung.

"Le Parti des Choses: Bardot et Godard": Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

„Le Parti des Choses: Bardot et Godard“: Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

Andrea Dittgen

Der Kultur-Arbeiter aus Afrika

 

Zuer

Med Hondo stellt in Bologna drei seiner Filme vor. Foto: Dittgen

Med Hondo stellt in Bologna drei seiner Filme vor. Foto: Dittgen

st weinte er und sagte, wie sehr er gerührt ist (dass so viele Leute im Saal sind), am Ende wurde er ziemlich forsch: „Alle meine Filme sind frei entstanden, niemand hat mir reingeredet. Diese Freiheit habe ich mit meiner Haut bezahlt. Als Arbeiter. Ich bin ein Kultur-Arbeiter. Ich drehe Filme nicht, um das Volk zu unterhalten, sondern um mit dem Volk zu leben und dem Volk zu sprechen. Und zwar mit meinem Volk, dem afrikanischen Volk. Ich mache kein Kino als Selbstzweck. Denn das Kino gehört denen, die das Geld haben. Die Industrie und die Produzenten, die sagen: ,Ich bin der Final Cut deiner Gedanken.‘ Mein ganzes Leben lang habe ich für die Freiheit gekämpft.“

Es geht um Med Hondo (81). Der Regisseur wurde 1936 im französisch besetzten Algerien als Sohn einer mauretanischen Mutter und eines senegalesischen Vater geboren und kam mit 25 Jahren nach Frankreich, wo er zuerst mit Hilfsjobs durchschlug. Er war einer der ersten Afrikaner, die in Paris Filme drehten. In „Soleil Ô“ (Oh Sonne, 1970), Hondos Debütfilm und dem ersten von drei Hondo-Filmen, den das Festival von Bologna zeigt, attackiert er die französische Regierung, die nichts für die Einwanderer tut. In diesem Fall für die Afrikaner (aus den französischen Kolonien), die Mühe haben, in Frankreich Arbeit zu finden. Selbst diejenigen, den es offenbar ein bisschen besser geht – manche sind bei den Treffen, die Hondo inszeniert, gut gekleidet – bietet man als Wohnraum nur heruntergekommene Häuser an, die man aufpäppeln will zu Schlafräumen von vier Quadratmetern für vier bis sechs Personen. „Das ist Sklaverei“, sagt einer der Protagonisten. Hondos Film ist so sprung- und episodenhaft wie viele Filme aus den Endsechzigern/Anfangssiebzigern, das passt zur Zeit. Er zeigt ein Paar auf dem Motorrad: ein Afrikaner und eine blonde Französin, der alle entrüstet nachschauen, um die Vorurteile auf den Punkt zu bringen. Nicht alles ist für Europäer auf Anhieb verständlich (für sie dreht Hondo seine Filme ja nicht, wie er sagt), aber es gibt auch pittoreske und harmonische Szenen.

Die Hauptarsteller aus "Soleil O". Foto: ICR

Die Hauptarsteller aus „Soleil O“. Foto: ICR

Das Erschreckende jedoch bleibt: die Parallelen zur Behandlung von Einwanderern und Flüchtlingen in Europa heute, über 40 Jahre später. Hondos Film endet mit dem Aufruf zur Revolte. „Soleil Ô“ heißt ein Song, in dem die Farbigen in Dahomey (heute: Benin) von den Schmerzen singen, die sie als Sklaven ertragen müssen. „Soleil Ô“ kam im Gegensatz zu späteren Filmen Hondos („Der Kampf der schwarzen Königin“ 1986) in Deutschland nicht ins Kino. Das könnte sich nun ändern, denn er ist einer von 50 Filmen aus Afrika, die der Regisseur Martin Scorsese mit seiner Stiftung The Film Foundation restauriert und zugänglich macht.

Andrea Dittgen

Film noir im Iran

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Das Festival heißt „Il Cinema Ritrovato“ – das wiedergefundene Kino. Es findet vom 24. Juni bis 2. Juli zum 31. Mal statt, in Bologna (Italien) und ist das größte Festival in Europa für alte und ältere Filme. Für Filme, die man lange oder sogar noch nie im Kino sah. Für Filme, die kürzlich auf irgendeinem Speicher oder in einem Lager wiedergefunden und restauriert wurden. Der zeitliche Radius reicht von der Stummfilmzeit bis heute. Gespielt wird in fünf Kino und abends Open-Air auf zwei Plätzen. Es laufen alle Arten von Filmen: kurzen, lange, Stummfilme (mit Klavier- oder Ensemble-Begleitung), Tonfilme, Spielfilme, Dokus, Experimentalfilme. Das Publikum besteht vorwiegend aus Cineasten, die sich für 100 Euro akkreditieren können. Wer das nicht will, zahlt vier Euro pro Vorstellung oder zehn Euro pro Tag für beliebig viele Vorstellungen. Die Kinos sind voll, vor allem Studenten und Leute über 50 sind da. Während es draußen 30 bis Grad heiß ist, ist es im Kino schon kühl.

Meine Entdeckung am ersten Tag war die Reihe „Teheran noir“ im Iran analog zum Genre film noir im Hollywood der 40er und 50er Jahre. Sie ist dem Regisseur Samuel Khachikian (1923-2001)  gewidmet, den hierzulande wohl kaum einer kennt, obwohl der Sohn armenischer Flüchtlinge, die vor dem Genozid im Iran eine neue Heimat faden, im Iran sehr bekannt war – vor der islamischen Revolution von 1978. Khachikian drehte Thriller, Sex und Gewalt, Mainstream. Dabei griff er die Atmosphäre seiner Vorbilder auf: der deutschen Regisseure Fritz Lang und Robert Siodmak!

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in "Delhoreh" seine Frau an. Foto. ICR

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in „Delhoreh“ seine Frau an. Foto. ICR

In „Delhoreh“ (1962) sind es vor allem die Schatten, die den Look des Films bestimmen, der so auch in den USA oder der BRD hätte spielen können. Der reiche Besitzer eines Bauunternehmens  wird von seiner Maschine zerquetscht. Es war Mord, jemand hat die Maschine angestellt, als darunter lag. Seine Nichte Irene als Erbin profitiert, sie ist mit einem Manager der Firma verheiratet, der nun Firmenchef wird. Sie wird erpresst von einem früheren Liebhaber, der ihre Liebesbriefe hat. Als sie ihn bezahlt und er auch noch Sex will, erschießt sie ihn – und die Panik beginnt. Denn sie verliert dabei das Collier, das ihr Mann ihr schenkte, was bei einer Party prompt ihren Freundinnen auffällt. Auch gibt es Zeugen des Mordes.

Das Ganze ist sehr spannend gemacht, mit unerwarteten Wendungen, mit Männern, die voll dem Gangsterklischee entsprechen, und einem Ehemann, der sich irgendwann als doch nicht als so zuvorkommend erweist. Der Plot ist lupenreiner Film noir, recht rasant gemacht, auch wenn er mitunter ins B-Picture abgleitet. Zwei Besonderheiten sind wohl einmalig: Dem Regisseur war die iranische Sprache, Farsi, zu langsam für seine schnell fortschreitende Handlung und die vielen abrupten Wendungen. So beschleunigte er den Film von den damals üblichen 24 Bildern pro Sekunde in der Postproduktion auf 22. Abgehakt hört er sich jedoch nicht an. Das zweite, was in Erinnerung blieben wird, ist der Wodka-Bär: Ein batteriebetriebener schwarzer Plüschbar, der auf der Theke der wohnungseigenen Bar im Wohnzimmer von Irene steht, und sich selbst permanent Wodka in das Gläschen in der Pfote schüttet und trinkt und sehr oft im Bild ist. Ein so tolles Spielzeug gab es nicht mal in Hollywood!

Nach der Revolution wurde der westlich orientierte Khachikian weitgehend kaltgestellt. Als er ab 1985 gelegentlich doch noch die Erlaubnis bekam, zu drehen, wirken seine Genre-Filme jedoch wie Fremdkörper in dem nun streng islamischen Land. Der letzte seiner 33 Filme entstand 1994.

Andrea Dittgen

Palme

Das Feld gewinnt

„The Square“ (Das Feld), die nur mäßig gelungene Gesellschaftssatire des Schweden Ruben Östlund, gewinnt die Goldene Palme. Die europäische Coproduktionen wurde zum Teil auch in Berlin-Brandenburg gedreht, hat schon einen duetschen Verleih und wird im voraussichtlich im Herbst ins Kino kommen. Die deutsche Hollywood-Schauspielerin Diane Kruger, die seit ihrem 15. Lebensjahr in Frankreich und den USA lebt, bekam den Darstellerinnenpreis für ihrer Rolle einer Mutter, die Rache am Mord von Mann und Sohn nimmt, in „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Und der chinesische Film „Eine laue Nacht“ von Qui Tang, der die Goldene Palme für den besten Kurzfilm gewann, wurde von der Berliner Kamerafrau Constanze Schmitt fotografiert. Soweit die deutsche Ausbeute der 70. Filmfestspiele von Cannes, die die Jury mit der deutschen Regisseurin Maren Ade unter Vorsitz des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar vergab.

Die weiteren Preise: Großer Preis der Jury für „120 battements par minute“ (120 Schläge pro Minute) für den emotionalen französischen Aids-Aktivisten-Film von Robin Campillo. Regiepreis für die Amerikanerin Sophia Coppola, die Tochter von Francis Ford Coppola, für ihr etwas langatmiges Remake von „The Beguiled“ („Betrogen“) aus Frauensicht. Der Drehbuchpreis geht zu gleichen Teilen an die Griechen Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou für das Moraldrama „The Killing of a Scared Deer“, in dem ein Vater gezwungen wird, einen seiner Söhne umzubringen, und die Britin Lynne Ramsay für ihr Killerporträt „You Were Never Really Here“. Dafür bekam der Amerikaner Joaquim Phoenix, der – ebenso wie Diane Krüger in ihrem Film, in fast jeder Szene zu sehen ist, den Preis für den besten Darsteller.

In einem Jahr, das im Wettbewerb dominiert war von mittelmäßen Filmen bekannter Namen – die offizielle Bemerkung dazu heißt „Nebenwerke“ – gab es im Vorfeld keinen Favoriten. Die deutschen Filme in den Nebenreihen gingen leer aus.

Alle Preise im Überblick:

Goldene Palme:
„The Square“ (Das Feld) von Ruben Östlund, Schweden

Großer Preis:
„120 battements par minute“ (120 Schläge pro Minute) von Robin Campillo, Frankreich

Darstellerpreise
Diane Kruger in „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, Deutschland
Joaquim Phoenix in „You Were Never Really Here“ (Du warst niemals richtig hier) von Lynne Ramsay, Großbritannien

Regiepreis:
Sophia Coppola für „The Beguiled“ (Betrogen), USA

Jurypreis:
„Nelyubov“ (Lieblos) von Andrej Swjaginzew, Russland

Drehbuchpreis (zu gleiche Teilen):
Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou für „The Killing of a Sacred Deer“, Irland
Lynne Ramsey für „You Were Never Really Here“, Großbritannien

Kurzfilmpreis (zu gleichen Teilen):
„Katto“ (Die Decke) von Teppo Airaksinen, Finnland
„Xiao Cheng Er Yue“ (Eine laue Nacht)  von Qiu Yang, China

Sonderpreis zum 70. Filmfestival
Nicole Kidman
Sie war als einziger Star in vier Filmen zu sehen:
„The Killing of a Scred Deer“, „How to Talk to Girls at Parties“, „The Beguiled“ und der Fernsehserie „Top of the Lake“

Andrea Dittgen