Die Hauptstelle der öffentlichen Bücherei in New York.  Foto: Courtesy of TIFF

Buch mach kluch

Dieser hübsche deutsche Werbespruch aus den 80ern warb für Bücher, für Buchhandlungen, für Bibliotheken, für alles, was mit Lesen zu tun hat. Dass der Begriff heute viel mehr umfasst als das Buch im Regal, zeigt der Amerikaner Frederick Wiseman mit seiner 197-Minuten-Doku „Ex Libris – The New York Public Library”. Wiseman ist 87, er ist einer der besten Dokumentarfilmer der Welt, denn er sorgt dafür, dass man in jedem seiner Filme klüger wird.Was allein schon daran liegt, dass die Filme immer drei bis vier Stunden dauern – und Wiseman nichts erklärt. Absolut gar nichts, der Zuschauer muss sich seine Gedanken machen und die Häppchen zu einem Ganzen zusammensetzen, die Wiseman anbietet. Es gibt keinen erklärenden Off-Ton, keine Einblendungen, einfach gar nicht. Nur die Filmbilder. Wiseman beobachtet die Menschen in der Bücherei, er sitzt im Raum und filmt, das macht seine Filme so intim und so fesselnd.

Frederick Wiseman. Foto: Courtesy of TIFF

Frederick Wiseman. Foto: Courtesy of TIFF

Wenn man nicht weiß, dass die Frau mit den langen grauen Haaren, die nach einer Lesung interviewt wird, die Rocksängerin und Poetin Patti Smith ist, oder der Mann, der über Musik spricht, Elvis Costello, dann muss man warten bis zum Nachspann, bei dem Mitwirkenden genannt werden. Was haben sie mit einer öffentlichen Bücherei zu tun? Alles hat mit einer öffentlichen Bücherei zu tun: auch Musik, Theater, Gebärdensprache, Computer-Workshops, in denen neue Roboter erfunden werden. All das spielt sich in der New Yorker Bücherei ab.

Sie ist ein großes Unternehmen, man sieht nicht nur die Hauptstelle in einem wunderschönen alten Haus auf der Fifth Avenue, sondern auch einige Zweigstellen, in der Bronx, in Brooklyn. Das Erstaunliche dabei: Bücher kommen kaum vor. Die Kids sitzen mit Laptops und IPads im Leseraum, selbst die meisten Senioren im Lesekreis, die über  einen Roman von Gabriel Márquez diskutieren, haben kein Buch mehr vor sich liegen. Was zählt, ist nicht das Objekt Buch, sondern das, was drin steckt. Deshalb diskutiert das Leitungsteam auch über neue Projekte, um mehr Geld von der Stadt zu bekommen, die nur knapp die Hälfte des Budgets der Bücherei beisteuert, das meiste Geld kommt von Sponsoren, von Firmen und  Bürgern.

Im Lesesaal wird vor allem mit Laptops und Tablets gearbeitet. Foto: Courtesy of TIFF

Im Lesesaal wird vor allem mit Laptops und Tablets gearbeitet. Foto: Courtesy of TIFF

Verglichen mit deutschen Verhältnissen ist das Angebot der Bücherei immens: Veranstaltungen, Lesungen, Workshops und Kurse auch für Babys, die noch gar nicht lesen können, für Blinde und Taube (die bei Lesungen einen Gebärdendolmetscher bekommen). Die Bücherei ist sieben Tage in der Woche geöffnet – und weil das noch lange nicht reicht, bekommen die Nutzer auch einen Hotspot mit (begrenztem Datenvolumen) nebst dem Gerät dazu mit nach Hause. „Nichts ist schlimmer, als im digitalen Loch zu leben“, sagt der Chef der Bücherei, NYPL-Präsident Anthony Marx,  zu seinen Vorstandskollegen. Die nicken. Drei Millionen New Yorker seien ohne Internet, an die müsse man ran, geht die Diskussion weiter.

Das ist das eine, in anderen Sitzungen geht es darum, wie man mit den Verlagen, Autoren und der Stadt verhandelt, um E-Books für die Ausleihe zu bekommen und sie schnell zu bekommen, nicht erst Monate nachdem das gedruckte Buch erschienen ist. „E-Books können die Leserzahlen und damit die Reichweite steigern, das wird dem Stadtrat gefallen, so das Credo. Doch man sieht auch die Vorbereitungen für ein Gala-Dinner, um Sponsoren zu gewinnen, die Mitarbeiter, die Bücher auf Förderbänder werfen, von dem aus sie mit dem Barcode automatisch in Plastikkisten geworfen werden. Die Kisten werden dann in die Zweigstellen transportiert. Und man kommt sich vor wie in einer Fabrik oder wie bei Amazon. Eine Führung mit deutschen Kulturgut ist zu sehen: Die Gutenberg-Bibel, die sich im Besitz der Bücherei befindet, wird vorgestellt, ebenso die älteste Grafik: der Holzschnitt „Panzernashorn“ von 1515  von Albrecht Dürer. Der Büchereimitarbeiter erklärt, dass Dürer das Tier nie gesehen hat, sondern es nach einer Beschreibung in einem Brief gezeichnet hat.

Denn  bei allem, was die Bücherei tut, am Anfang war immer das Wort. Dass daraus ein riesiges Imperium wurde und Büchereien wie die in New York im Grunde große Unternehmen mit vielen Abteilungen sind, wenn sie auf der Höhe der Zeit sein wollen, war einem vor dieser tollen Diskussion nicht so richtig bewusst. Vielleicht hat das Festival deshalb diesen Film, den längsten im Programm, gleich zu Beginn am ersten Festivaltag (7. September) morgens angeboten – wer ihn gesehen hat, ist offen, für alles, was andere, was kommen kann.

Andrea Dittgen

 

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