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Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

Jane bleibt Jane!

Wie ein Star sieht sie nicht gerade aus: kein Kleid, sondern ein grüner Rollkragenpullover mit dicker Perlenkette, grün gemusterte Hose, lockige schulterlange Haare. So kommt Jane Fonda bei ihrer Master Class auf die Bühne. Tags darauf, bei der Pressekonferenz, im  schwarzen Pullover zur schwarz gemusterten Hose, wirkt sie noch schlichter und eleganten. Wie 81 Jahre sieht sie nicht aus, eher wie 60. Sie ist beim Festival Lumière in Lyon, weil sie den Preis „Lumière“ bekommt, eine Plakette für Lebenswerk. Fünf Tage ist sie in der Stadt.

Jane Fonda  bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Jane Fonda bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Sie spricht nicht Englisch, sie spricht Französisch. Sehr gut sogar, ohne groß nachzudenken, mit amerikanischem Akzent. Von 1964 bis 1972 lebte die Amerikanerin in Frankreich, drehte mit Jean-Luc Godard und René Clément, spielte in vier Filmen ihres damaligen Ehemannes Roger Vadim. Nur selten fällt sie zurück ins Englische. Wenn ihr ein Wort oder eine Wendung gerade nicht einfällt oder ein Filmtitel. Sie erzählte, dass sie seit 50 Jahren nicht mehr in Lyon war, und damals auch nur kurz, „der Liebe wegen“. Sie lacht. Vor allem aber sagt sie: „Ich bin eine Aktivistin.“ Immer noch. Die Ereignisse vom Mai 1968 in Paris waren für sie ein Anstoß, sich der Politik zuzuwenden. Und dass die USA den Vietnam-Krieg begannen, „Das hat sogar Roger aufgeregt, der sonst auch nicht politisch interessiert war.“ Sie ging nach Hanoi. „Für eine Weile wollten die Studios mich nicht mehr beschäftigen, das war zurzeit von Edgar J. Hoover, dem Chef der FBI. Ich habe die Studios verklagt und gewonnen – mit der ACLU, der American Civil Liberties Union.“ Danach drehte sie auch politisch motivierte Filme und bekam ihre zwei Oscars (für „Klute“ 1971, und „Coming Home“ 1978, weitere fünf Mal war sie nominiert).

„Die Karriere stand nie an erster Stelle. Nie. Aber ich habe entdeckt, dass es sehr gut ist, wenn man Aktivist ist, dass man eine Karriere hat und berühmt ist. Die Leute hören einem dann mehr zu, m wenn man militant ist. Deshalb will ich weiter Filme drehen und präsent sein, damit ich eine bessere Aktivistin sein kann.“  Sie ist überzeugt: „Man kann etwas bewirken, wenn da etwas ist, das von Herzen kommt.“ Sie arbeite, um Geld für ihre politischen Aktivitäten zu haben. Auch ihre Workout-Bücher  und -Videos gingen in diese Richtung. „Dabei habe ich gespürt, was der frühere US-Präsident Thomas Jefferson sagte: Revolution beginnt in den Muskeln“, sagte sie und lacht.  Von Lee Strasberg, dem Schauspieler-Lehrer habe sie eher das Gegenteil gelernt: sich zu entspannen. „Zurzeit interessiere ich mich sehr fürs Schauspielen. Ich bin 81 Jahre alt und glücklich, dass ich in diesem Alter einen festen Job habe.“ In Deutschland ist sie gerade in „Book Club“ im Kino zu sehen, in Amerika lief er gut. „Er kam raus, als ich gerade eine Petition auf den Weg brachte, um ein Gesetz zu ändern. Das hat der Petition sehr geholfen.“

Die bekennende Feministin analysiert, dass in den USA das Patriarchat ein Comeback versucht, gepaart mit Rassismus. „Make America great means make Amercia white”. Donald Trump sei gefährlich, man müsse gegen ihn kämpfen. Dabei sieht sie ihn auch als Opfer. „Es ist nicht einfach jung zu sein und ein Mann zu sein, denn die Gesellschaft raubt den Männern ihre Menschlichkeit, sie zwingt sie, immer stark zu sein. Aber wenn die Männer älter werden und Testosteron verlieren, werden sie sanfter. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Ich bin froh, dass ich kein Mann bin – und ich bin froh, dass ich alt bin. Ich arbeite, um Geld zu verdienen für die Barrikaden!“

Andrea Dittgen

 

Der bessere Ton

an merkt ihn nur, wenn er scheppert oder Löcher hat: den Ton. Beim Festival Lumière in Lyon kann jeder Besucher  für drei Euro Eintritt in einer Master Class, warum der Ton heute bei restaurierten Filmen gar nicht mehr so schlecht ist, sondern oft so, dass man ihn nicht merkt. Drei Experten, André Labbouz von Gaumont, Léon Rousseau von Diapason und Ronald Boullet von Eclair erläuterten in verständlichen Worten, was sie tun. Mit Filmbeispielen natürlich.

Mit Beginn des Tonfilms also Ende der 20er Jahren wurde der Ton direkt auf den Filmstreifen gebracht, man nennt es Lichtton. Auf dem Filmstreifen sieht an links in Schwarzweiß auf einem 2,5 mm) die Tonspur mit dicken und dünnen Zacken. Ton heißt: Sprache, Geräusche, Musik. Die drei Positionen werden getrennt aufgenommen, gemischt und in dieser Mischung unveränderbar auf die Filmkopie gebracht. Nachteil: Der Ton wird genauso abgenutzt wie das Bild. Je öfter man den Film spielt, umso schlechter wir die Tonqualität (und auch die Bildqualität). Der Ton ist fest mit dem Bild verknüpft, schon im Negativ, ihn zu verändern ist schwer.

Die Referenten der Master Class zur Tonrestaurierung machten eine komplizierte Materie anschaulich. Foto: Dittgen

Die Referenten der Master Class zur Tonrestaurierung machten eine komplizierte Materie anschaulich. Foto: Dittgen

n den 40er Jahren kam der Magnetton auf. Nun wurde der Ton wurde separat aufgezeichnet, es gab eine eigene Tonkopie. Das Magnetband mit dem Ton kam erst später auf die Kopie, und wurde erst einen Arbeitsschritt später in die Lichttonzacken umgewandelt. Das ist beim Restaurieren besser: Es gibt eine eigene Tonkopie, auf die man unabhängig vom Bild zurückgreifen kann. Wenn man sie findet, denn sie wurde oft nicht beim Verleih, sondern beim Tonstudio aufbewahrt, das den Ton mixte. Und dieses Tonstudio existiert meiste nicht mehr (dann muss man auf den üblichen Ton auf der Kopie zurückgreifen und der Vorteil ist wieder dahin).

Um die Jahrtausendwende kam die digitale Abtastung des Tons auf, die heute Standard ist und seit 2003 bei Diapason und Eclair verendet wird – für alle Filme der französischen Produktions- und Verleihfirma Gaumont, wie zu erfahren war. Der Filmstreifen – ob Lichtton oder Magnetton – läuft durch ein Gerät und wird dabei digitalisiert. So kann er besser nachbearbeitet werden. Hört man auf der 35-mm-Kopie noch laute Nebengeräusche und Kratzer, sind sie nach der Restaurierung verschwunden, da man sie herausfiltern kann, was man vorher nur konnte, wenn man die Magnettonkopie noch hatte. Und die Stimmen klingen auch besser. Denn früher wurde der Ton für die Filmkopie so abgemischt, wie man es für die großen Kinosäle brauche, also etwas verfremdet: kontrastreicher, energischer und dynamischer.

Doch die ersten Tonrestaurierungen wurden nicht fürs Kino, sondern ab den 60er Jahren fürs Fernsehen gemacht, wo der Ton für die kleinen Wohnräume wieder etwas zurückgenommen wurde. Daran änderte sich im Prinzip auch nichts, als Video und DVD aufkamen. Erst mit der Möglichkeit, den Ton von der Filmkopie digital abzutasten, waren die Unterschiede hinfällig, denn für die Vermarktung der restaurierten Filme der Ton muss auf verschiedenen Medien  gleichzeitig und gleich gut funktionieren. Wenn heute alte Filme restauriert werden, kann man also davon ausgehen,  dass der Ton mit der bestmöglichen Dynamik, Klarheit und der Entfernung zu lauter Hintergrundgeräusche restauriert wird.

Andrea Dittgen

Die Welt im Jahr 2028

„2028“ steht als Jahr der Handlung über den ersten Bildern, die Jean Renoir 1927 gedreht hat. Er blickte also 100 Jahre in die Zukunft für seinen stummen Kurzfilm „Sur un air de Charleston“. Der Film, der beim Festival Lumière in Lyon als einer der Höhepunkte morgens um 9 Uhr bei vollem Saal aufgeführt wurde, war weder verschollen, noch schlecht erhalten, trotzdem war er im Kino jahrzehntelang nicht zu sehen. Nun ist er frisch restauriert und 90 Jahre nach seiner Entstehung kann man über die Fantasie über 2028 staunen. Eine Kugel auf die Erde. Darin sitzt ein Erforscher (Johnny Higgins), altmodisch gekleidet und blickt mit dem Fernrohr nach draußen, kaum dass seine Kugel auf dem Dach einer Litfaßsäule in Paris gelandet ist. Er sieht ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen (Catherine Hessling) tanzen. Es tanzt Charleston, wie einem Zwischentitel zu entnehmen ist. Es tanzt, um dem einzigen anderen Menschen weit und breit, einem falschen Schwarzen zu zeigen, wie man Charleston tanzt. Viel mehr passiert in den 24 Minuten auch nicht. Zumindest nicht auf der Leinwand. Aber das ist hübsch anzusehen und bekommt durch die Nebeneffekte (Regisseur Renoir, Produzent Pierre Braunberger und Mitautor André Cerf tauchen mit ihren Köpfen über Poesie-Engelbildchen auf, als würden sie vom Himmel auf die Erde blicken) die Klavierimprovisation – die alles andere als Charleston war – einen Verfremdungstouch. Und natürlich ist er eine Hommage an Georges Méliès mit seinen Tänzerinnen, Engeln und umgekehrten Weltraumreisenden.

Dass der Film kaum bekannt ist, liegt daran, dass er zu spät kam, erläuterte Serge Bromberg von Lobster Film vor der Vorführung, 1927 drehten andere schon Tonfilme. Renoir wollte unterhalten und vor allem Catherine Hessling zeigen, die Frau, die er liebte und deretwegen er überhaupt erst anfing, Filme zu drehen, wie man erfuhr. Doch ein Jahr später, nach dem anderen stummen Kurzfilm „La petite marchande d’allumettes“ trennte sie sich von Renoir – der glücklicherweise weiter Filme drehte. Das Mädchen mit den Streichhölzern nach dem Andersen-Märchen, das Hessling mehr Entfaltungsmöglichkeiten bot, wurde in derselben Vorstellung gezeigt, aber so wie man es eigentlich nicht tun sollte: mit einem Pianisten, der improvisierte, obwohl es eine Tonspur gibt. Denn der Film wurde im Nachhinein vertont, 1928 war auch in Frankreich der Tonfilm angesagt und stumm hätte er keine Chance gehabt.  Doch wie so oft bei sogenannten Stummfilm-Events lässt man den Pianisten (oder das Orchester) spielen, den man nun mal da hat anstatt den Film so zu präsentieren, wie die Zuschauer ihn damals erlebten. Das ist bei einem Festival, das es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich den klassischen Kino zu widmen, ein Unding.

Andrea Dittgen

Der Wind und der Welles

Lyon ist das erste Festival nach Venedig, das Orson Welles‘ frisch fertiggestelltes Werk „The Other Side of the Wind“ auf der Leinwand zeigt. Doch inzwischen ist es auch da zu sehen, wo die Montage finanziert wurde: bei Netflix. Dennoch waren in Lyon die Kinos voll, die zwei Vorstellungen waren als Ereignis angekündigt. Welles Karriere war eigentlich vorbei, als er 1970 bis 1976 die Szenen für den Film drehte, der seine Abrechnung mit Hollywood und sein Comeback werden sollte. Aus Letzteres wurde nichts. Nachdem er etwa 40 Minuten des Films geschnitten hatte, ließ er ihn liegen. Rechtliche Probleme kamen auf – und es schien, als habe er die Lust daran verloren. Als er 1980 starb, gehörten die 100 Stunden abgedrehtes Material zu seinem Erbe. Drehbuch-Coautorin Oja Kodar, Schauspielerin und Lebensgefährtin von Welles – und andere noch lebende Mitwirkende wie der Regisseur Peter Bogdanovich, Welles‘ Freund,  der als Schauspieler eine recht große Rolle darin hatte, wollten es wohl auch nicht. Zu mühsam schien alles. Zur Welles-Retrospektive 2005 beim Festival von Locarno wurde das Drehbuch veröffentlich. Dann passierte wieder eine Weile nichts, bis sich vor sieben Jahren der Cutter Bob Murawski (er bekam einen Oscar für Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“) ans Werk machte. Zwei Stunden Film sind nun da. Sie lassen die Zuschauer ratlos zurück, denn der Film wirkt wie ein Bewusstseinsstrom: wild, unausgegoren, lustig, voller Anspielungen, atmosphärisch sehr schön in den 70er Jahren verhaftet – vor allem aber experimentell und langweilig.

Der Film handelt vom Kampf zwischen Kunst und Kommerz in Hollywood u ist ein Film-im-Film, eine der schwersten Subgenres überhaupt. Jake Hannaford, ein alter,  wortkarger, egomanischer Regisseur (gespielt von dem Regisseur John Huston) arbeitet an seinem letzten Spielfilm. Und bekommt recht schnell Probleme mit dem Produzenten, denn im Prinzip will er einen Porno drehen und das Studio soll es bezahlen und den Regisseur in Ruhe arbeiten lassen. Das ist im Prinzip schon die ganze Handlung. Man sieht Huston als Welles‘ alter ego bei den Dreharbeiten, die abgedrehten Szenen und immer wieder viel Partykram. Optisch ist es ein Ritt durch die analoge Filmgeschichte: von Super-8 und Video bis 35-mm, schwarzweiß und Farbe, scharfe Bilder und absolut unscharfe – experimentell eben. Immer wenn Welles Zeit, Geld und Material hatte, drehte er an seinem Werk, wie ein Jungfilmer am Anfang der Karriere – das erklärt vieles, aber nicht alles. Das Filmemachen ist ein einziger Trip – wie auf Drogen. Es geht ums Drehen, ums Leben, um die Erfahrungen wie bei Jack Kerouac, ist eines der Bilder, das einem in den Sinn kommt. Mit Lilli Palmer spielt eine Deutsche mit: Sie gibt die Diva. Man begegnet Dennis Hopper, Paul Mazursky, Cameron Crowe, Claude Chabrol, Stéphane Audran und Susan Strasberg und freut sich über jeden, den man erkennt. Doch klare Linien sucht man vergebens. Manchmal ist es besser, dass Träume Träume bleiben und unfertige Filme unfertige Filme.

Andrea Dittgen

 

Box-Stop mit Muriel

Sie gehört zu den Vergessenen. Sie ist eine der wenigen Regisseurinnen der Zeit vor 1945, als man Frauen für unfähig hielt, Filme zu inszenieren: Muriel Box (1905-1991). Sie ist eine von nur zwei Regisseurinnen in Großbritannien, die es wagte, schaffte – und siegte. Sie drehte 14 Spielfilme in 15 Jahren von 1949 bis 1964. Einen auch mit einer Deutschen: Hildegard Knef spielte als Hildegarde Neff die Hauptrolle in dem vierten Box-Film „Subway to the Sky“ (1959). Zur Einführung in den Film beim Festival Lumière in Lyon sprach eine Kollegin: Tonie Marshall (67), eine Frau mit kurzen blonden Haaren und schwarzer Lederjacke. „Hildegard Knef hätte damals die neue Marlene Dietrich werden können“, meinte Marshall. Doch daraus wurde dann doch nichts.

In der Theateradaption „Subway to the Sky“ spielte sie eine amerikanische Sängerin (Lilli Hoffman), die in England ein Apartment von einer Frau, Anna Grant, mietet, und bald mit dem Ex-Mann ihrer Vermieterin konfrontiert wird. Baxter Grant sucht seine Ex-Frau, weil er wegen eines Drogendiebstahls gesucht wird, den er nichts begangen hat. Aber seine Frau hat das Geld aus dem Diebstahl und das braucht er, um das Land zu verlassen. Die Amerikanerin versteckt ihn und verleugnet ihn gegenüber der Polizei, denn „Ich bin keine Verräterin“ sagt sie. Später kommt noch eine Liebesgeschichte dazu, der wahre Täter taucht auf, Anna Grant ebenso – und es wird theatralisch-turbulent. Die Knef im Mittelpunkt ist wunderbar cool, spricht gut Englisch, singt auch. Kurzum, sie kann alles zeigen, was sie kann. Die Inszenierung ist auf den Punkt gebracht, die Frauen sind öfter im Bild als die Männer. Früher Feminismus, verpackt in Unterhaltungskino.

Das trifft auch auf die meisten anderen Filme von Muriel Box zu. Auch wenn sie manche ihrer Drehbücher zusammen mit ihrem Mann Sidney Box, einem Produzenten, schrieb. Dass diese Regisseurin, die ähnlich wie zeitgleich Ida Lupino und Dorothy Arzner in den USA sich erfolgreich in einer Männerdomäne bewegte, erst jetzt entdeckt wird, mag mit den  Forschungsergebnissen der letzten Jahren zusammenhängen, als nicht nur Frauen begannen, nach den Regisseurinnen in der Filmgeschichte zu suchen, die auch deshalb nicht gewürdigt wurden, weil alle Filmgeschichten von Männern geschrieben wurden, die darauf nicht achteten. Das der Filmgeschichte gewidmete Festival Lumière von Lyon zeigt sieben ihrer Filme, die es auch auf DVD gibt: Komödien, Thriller, Liebesfilme. Box konnte alles, als ihr 14. Spielfilm floppte, zog sich aus dem Filmgeschäft zurück und widmete sich ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen.

Es ist zu hoffen, dass sich auch in Deutschland ein Festival oder  ein Kino ihrer annimmt – am besten so wie Lyon: Dort kann man jedes Jahr, auch in diesem dem zehn

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

ten, eine Regisseurin entdecken, weil das zu den Reihen gehört, die es von Anfang an gibt: Permanente Filmgeschichte der Regisseurinnen heißt das Festivalwelt einzigartige Projekt.

Andrea Dittgen

 

„Versuche nicht, jedem zu gefallen!“

In der Independent-Szene ist sie ein Star: die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die Schwester von Jake Gyllenhaal. Die 1977 geborene Tochter des Regisseurs Stephen Gyllenhaal und der Produzentin und Autorin Naomi Foner, war schon als Kind öfter am Set, wie sie im Publikumsgespräch beim Filmfestival von Toronto bekannte. „Obwohl ich es heute hasse, Filmsets zu besuchen, an denen ich selbst nicht arbeite.  Da ist nie Zeit. Aber ich beobachte gerne andere Schauspieler beim Dreh.“ Bevor ihr Vater ihr mit 15 die erste kleine Rolle in „Waterland“ gab („praktischerweise war mein Rollenname auch Maggie“), habe sie schon geschauspielert. Und im nächsten Film ihres Vaters „A Dangerous Woman“ (1993) spielt sie zusammen mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Jake.

Maggie Gyllenhaal (links) im Gespräch mit der Journalistin Alicia Malone. Foto: Dittgen

Maggie Gyllenhaal (links) im Gespräch mit der Journalistin Alicia Malone. Foto: Dittgen

Doch als ihre erste richtige Rolle sieht sie „The Photographer“ (2000) an. „Er entstand am College in New York, ein Indie-Film. Indie-Filme waren eigentlich schon immer mein Geschmack.“ Der John-Waters Film „Cecil B. Demented“ habe ihr Spaß gemacht, aber hier wie auch bei „Donny Darko“, wo sie wieder zusammen mit ihrem Bruder spielte, „habe ich noch nicht wirklich etwas von Film verstanden“. Bei „Secretary“ (2000), ihren bislang größten Erfolg, war das schon anders. Da habe sie dem Regisseur vorgeschlagen, dass man sieht, wie ihre Hände und die von James Spader (er spielt den Boss, der die Sekretärin zur Sexualität nötigt) sich in einer Großaufnahmen berühren, um zu zeigen, dass sie durchaus hinter dieser Beziehung steht – und der Vorschlag wurde angenommen.

Zu „Crazy Heart“ (2009), der ihr ihre bislang einzige Oscar-Nominierung einbrachte, meinte sie lachend: „Damals war ich Jeff Bridges verliebt“. „Die Nominierung war eine Überraschung“, aber sie habe von vornherein auch gewusst, dass sie den Oscar (als beste Nebendarstellerin) nicht bekommt, sondern Mo‘Nique in „Precious“. Sie habe oft für Rollen vorgesprochen, erzählte Gyllenhaal, die beklagte, dass „wir in einer Männerwelt leben und es für Frauen nicht einfach ist, sich zu behaupten und weiblich zu sein“. Das Vorsprechen sei hart, „meistens merkt man erst hinterher, was für eine Anstrengung es ist.“ Sie rät jungen Schauspielern, beim Vorsprechen immer daran zu denken, dass man es für sich selbst tut. „Versuche nicht, jedem zu gefallen.“

Unter Frauen habe sie habe Solidarität erfahren. „Julia Roberts war sehr nett zu mir in ,Mona Lisas Lächeln‘, sie hat Tipps gegeben, sie ist eine Frau, die führt.“ Maggie Gyllenhaal spielt fast nur in Indie-Filmen – aber auch in Fernsehserien wie „The Deuce“ (die auch in Deutschland zu sehen ist), ihre Rollen suchte sie manchmal auch danach aus, wer mitspielt. So nahm die Angebot an, in „Frank“ (2014) zu spielen, weil „ich unbedingt mit Michael Fassbender zusammenarbeiten wollte, er ist einer der besten“.

Andrea Dittgen

„Gib niemals auf!“

Sie träumte schon mit acht Jahren davon, Schauspielerin zu sein, verriet die zweifache Oscar-Gewinnerin Hilary Swank beim Festival von Toronto bei öffentlichen Stargespräch. Das ist eine eigene Festivalsektion mit dem Titel „Conversation“ die Zuschauer bezahlen 28 Dollar, um zuzuhören. Die aus armen Verhältnissen stammende Amerikanerin erzählte vor allem von ihren Anfängen. Als Kind lebte sie mit ihrer Mutter in einem Trailerpark (Wohnwagen-Dauercamping). Und ihre Mutter habe alles getan, dass sich ihr Wunsch erfüllt.

Hilary Swank (links) im Gespräch mit Theresa Scandiffio, der Leiterin der Sektion Conversation. Foto: Dittgen

Hilary Swank (links) im Gespräch mit Theresa Scandiffio, der Leiterin der Sektion Conversation. Foto: Dittgen

Nach den ersten Erfolgen bei Schulaufführungen zog sie mit der 16-jährigen 1990 nach Los Angeles,  wo sie in der High School in Stücken spielte und zum Film wollte. „Aber da braucht man eine Agentur, eine Agentin“, erzählte Swank. Sie zu bekommen, ist nicht einfach. Ihre Mutter habe Agenturen im Telefonbuch gesucht und zu ihr gesagt. „Ruf an.“ Das habe sie getan, irgendwann habe sich die Mühe gelohnt, und eine Agentin habe sie eingeladen. Beim Vorsprechen  sollte in einer McDonald’s-Werbung spielen. Das klappte und danach hatte sie ihre Agentin, eine Kinder-Agentin. Und machte noch mehr Werbespots. Bis sie 21 war und zu einer anderen Agentin kam, immer dem Ansporn ihrer Mutter folgend: „Gib niemals auf!“.

„Ich weiß nicht mehr, für wie viele Rollen ich vorsprach, ein paar hundert“, schätzt Swank. Auf die erste Nebenrolle in dem Horrorfilm „Buffy, der Vampirkiller“ (1992) folgte eine Hauptrolle in „Karate Kid IV – Die nächste Generation „ 81994), da sah man sie kämpfen mit den Fäusten und mit dem Bogen. Es war der erste ihrer physischen Filme, meint die Schauspielerin, die seitdem fast immer Rollen spielte, in denen Frauen versuchen, ihren Traum zu verwirklichen, obwohl alles dagegen spricht.

Der nächste wichtigste Film war „Boys Don‘t Cry“ (1999), wo sie eine Frau spielt, die ein Mann sein will und ihre Brüste abbindet (erster Oscar). Drei Wochen nach dem Vorsprechen bekam sie schließlich die Rolle, für die sie auf der Straße genau das trainierte, was sie später im Film tat, wie sie erzählte. Zu ihrer härtesten Rolle, der Boxerin in „Million Dollar Baby“ von und mit Clint Eastwood (2004, ihr zweitem Oscar) meinte sie nur: „Mit Clint Eastwood zu arbeiten, war ein Traum, und ich war gerade 29 Jahre alt. Er ist einschüchternd, aber am Set hat er alles getan, dass wir uns wohlfühlten. Er ist ein richtiger  Teddybär! Und sehr lustig.“ Jungen Schauspielerin empfiehlt sie, sich immer perfekt vorzubereiten, nicht nur auf die Rollen, sondern auch auf Vorsprechen – und ihr wichtigster Rat: „Gib niemals auf!“.

Andrea Dittgen

 

Der zahme Rassist

„Man muss auch seine Feinde kennen“, sagte Thom Powers, der beim Festival von Toronto die Dokumentarfilme aussucht, vor der Vorstellung von Erol Morris‘ Film über Steve Bannon: „American Dharma“. Die Sache mit den Feinden ist richtig, aber Oscar-Preisträger Morris hat sich mit diesem Film keinen Gefallen getan, kommt der Rechtpopulist darin doch viel zu gut weg. Bannon leitete von 2012 bis Anfang 2018 die Website Breitbart News Network, zwischendurch war er Berater von Donald Trump in dessen Wahlkampf und 2017 auch sein  Chefstratege, als Trump Präsident wurde. Er ist durch rassistische  Äußerungen aufgefallen und zählt zu den alternativen Rechten und Wirtschaftsnationalisten und hat sich in Deutschland schon mit AfD-Mitgliedern getroffen und unterstützt in Europa nationale rechte Bewegungen und Regierungen. Doch Bannons politische Gesinnung kommt in der Doku kaum rüber, er bleibt erstaunlich vage, ist freundlich, nichtssagend, und gibt sich filmaffin.

Man sieht Bannon in einer Art Militärjacke in einem Militärhangar, der exakt so aussieht wie n dem US-Kriegsfilm „Der Kommandeur“ („Twelve O’Clock High“ ,1949) mit Gregory Peck, einem von Bannons Lieblingsfilmen, aus dem auch Ausschnitte gezeigt werden. Ebenso wie aus anderen Bannon-Favoriten wie „Die Brücke am Kwai“ (1957) und dem Western „Der schwarze Falke“ („The Searchers“ ,1956) mit John Wayne. Er Bannon sitzt am Tisch Morris gegenüber und erklärt, welche amerikanische Werte und Helden er schätzt und dass man seine Pflicht tun müsse. Auf Morris‘ Bemerkung, er sehe einen guten Bannon und einen bösen Bannon, reagiert der 64-jährige Rechtspopulist nicht, der sonst so gerne von der Macht des weißen Amerika spricht. Hier gibt er sich zahm oder vielmehr oft so abstrakt wie ein Wissenschaftler, der Gedankengebilde aufbaut, die man nicht versteht. Im Fall von Bannon sind es oft Worthülsen.

Steve Bannon in Militärjacke im nachgebauten Hangar aus dem Kriegsfilm "Twelve O'Clock High". Foto: Courtesy of Tiff

Steve Bannon in Militärjacke im nachgebauten Hangar aus dem Kriegsfilm „Der Kommandeur“. Foto: Courtesy of Tiff

Manchmal versucht Morris, kritisch zu sein und fragt Bannon konkret, was er, der die Nato abschaffen will, denn stattdessen haben will. Doch da hat er keine Ideen. Ebenso wenig konkretisiert er die Revolution, die er in Europa einleiten will. Immerhin kommt die Selbstherrlichkeit Bannons durch, die durchaus mit der von Trump vergleichbar ist – und Bannosn Fehler, die dazu führten, dass erst Trump und später Breitbart News ihn rauswaren. Morris nimmt dazu Twitter-Posts, Zeitungs- und Internetschlagzeilen. Doch die lässt er so schnell durchlaufen, dass man sie nicht richtig lesen kann. Und Morris verschafft Bannon einen Hollywood-Abgang. Am Ende wird der eigens für das Interview errichtete Hangar angebrannt und Bannon geht als einsamer Held über die leere Rollbahn. Ein erhellender Dokumentarfilm ist das wirklich nicht.

Andrea Dittgen

Herzog – Gorbatschow

Herzog-Gorbatschow

„Meeting Gorbachev“ war quasi eine Auftragsarbeit vom deutschen und britischen Fernsehen: Ein Interview mit Michail Gorbatschow, dem früheren Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (1985-1991) und dem Staatspräsidenten (1990-1991). Doch wer den Dokumentarfilmer Werner Herzog kennt, der weiß, dass mehr als ein Gespräch herauskommt. „Ich wollte etwas von seiner russischen Seele einfangen“, sagte Herzog in Toronto. Das ist nicht so leicht bei einem 87-jährigen. Doch die beiden fanden schnell einen Draht zueinander. „Ich bin Deutscher – und der erste Deutsche, den Sie sahen, wollte sie wohl töten“, sagt Herzog und blickt Gorbatschow direkt in die Augen. Doch der erzählt gar keine Kriegsgeschichte, sondern die vom Nachbarhof der Kolchose im Kaukasus, wo er aufwuchs. Die Leute dort machten tolle Ingwerplätzchen, sagt Gorbatschow. Es waren Deutsche. „Leute, die so gute Ingwerplätzchen machen, können nicht schlecht sein“, sagte Gorbatschow langsam.

Szene aus "Meeting Gorbachev" mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Szene aus „Meeting Gorbachev“ mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Später, als Herzog auf den Kalten Krieg und auf die Wiedervereinigung Deutschlands zu sprechen kommt, sagt Gorbatschows auch etwas Unerwartetes. „Der Beginn der Gespräche zur Wiedervereinigung war denkbar schlecht, Helmut Kohl verglich den russischen Staatschef mit Goebbels. Doch dann nahmen die Gespräche einen guten Verlauf“. Herzog sitzt Gorbatschow gegenüber und fragt auf Englisch, der antwortet auf Russisch. Langsam und bedächtig, ob wegen des Alters oder weil er die Worte genau abwägt, weiß man nicht.

Zu dem Interview kommen Archivaufnahmen, die Herzog suchen ließ und die sein Co-Regisseur André Singer, ein Brite, mit der schon 30 Jahren zusammenarbeitet, dann fand: Wie der senile Staatspräsident Breschnew Gorbatschow ehrt, nicht mehr seinen Namen weiß (er wird ihm zugeflüstert), dann nicht mehr weiß, wofür er Gorbatschow die Medaille geben soll und der laut und vernehmlich sagt: „Kanal“ (er hatte gerade einen wichtigen Kanal fertiggestellt). Archivaufnahmen zeigen den jungen Gorbatschow und nacheinander die immer nach demselben Ritual ablaufenden Beerdigungen von Breschnew, Andropow, Tschernenko, den Staatschefs (Herzog nennt sie Fossile), die innerhalb von nur drei Jahren alle starben – bevor Gorbatschow der letzte Präsident der UdSSR werden sollte.

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

„Perestroika stand ganz oben auf meiner Liste“, erinnert sich Gorbatschow an seine erste Zeit im neuen Amt. Fernsehausschnitte zeigen, wie gut Gorbatschow im Westen ankam (die Amerikaner machten ihn zu einem Maskottchen, dem guten Sowjet, kommentiert Herzog mit seiner markanten Erzählerstimme). Herzog fragt auch Aktuelles, etwa zur Krim-Annektierung. Die findet Gorbatschow gut „die Menschen dort haben sich immer als Russen gesehen, nicht als Ukrainer“, zu Putin sagt er nichts.

Dreimal kommt Privates durch, als Herzog (er ist seit 25 Jahren mit einer Russin aus Sibirien verheiratet) ihn nach seiner Frau Raissa fragt (Gorbatschow: „Als sie starb, war mein Leben zu Ende“) und einmal, als er Archivaufnahmen aus einem Film von Vitali Mansky einfügt, die Gorbatschow im Jahr 2000 zeigen, als er kurz in seinen Heimatort zurückkehrt, wo alles leer ist und er im Garten des Elternhauses als Steingefäße im Hof öffnet. Und am Ende des Films zitiert Gorbatschow ein Gedicht von Michael Lermontov über das Leben. Da hat Herzog sie wirklich gefunden, die russische Seele.

Doch der Clou des Films ist eigentlich etwas Nebensächliches: Die Öffnung des Eisernen Vorhangs, der Zaun zwischen Österreich und Ungarn wird zerschnitten. Das ist in den Nachrichten des österreichischen Fernsehen aber nur die kleine Meldung: Wichtiger und ausführlicher wird dargelegt, wie man Nacktschnecken mit Bier bekämpfen kann. So etwas gibt es nur bei Herzog.

Dem langen Applaus nach der Filmpremiere folgt tags drauf eine öffentliche Talkrunde mit Herzog. Da erklärt er, dass er Gorbatschow dreimal interviewte, im Oktober und Dezember 2017 und auf Gorbatschows Wunsch noch einmal im April 2018. Kurz nach seinem Geburtstag, die Gäste bringen ihm einen Diabetiker-Schokoladenkuchen mit, bei dem während des Transports der Buchstabe G von Gorbatschow der Kuchendekoration abgebrochen ist. Gorbatschow lacht darüber nur. Zu diesem letzten Treffen habe sich der 87-jährige extra aus dem Krankenhaus fahren lassen – und hinterher wieder zurück. Herzog hat wohl wirklich einen Draht zu ihm gefunden. Drei Tage habe er an dem Film geschnitten, verrät er. Das ginge bei ihm immer schnell, seit er digital arbeitet und höchstens dreimal so viel dreht, wie er braucht.  Inzwischen habe er noch einen weiteren Dokumentarfilm fertig geschnitten und einen Spielfilm, den er in Japan auf Japanisch drehte, erklärt der 76-Jährige.

Werner Herzog, der Kultur-regisseur gibt seinen Fans ganz altmodishc Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Werner Herzog, der Kultregisseur gibt seinen Fans auf der Straße ganz altmodisch Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Die Kanadier verehren Herzog. Als Herzog aus dem Haus auf die Straße tritt, sind sofort Fans mit Plakaten seiner Filme da und bitten richtig altmodisch um Autogramme. Das gefällt ihm. Herzog ist freundlich, unterschreibt und stellt sich auch für Selfies vor die Kamera. Das passiert ihm in Deutschland nicht. Aber hier in Kanada (und auch in Amerika, wo er seit Jahrzehnten lebt) ist er ein Star. Der größte deutsche Regisseur.

Andrea Dittgen

Thelma & Louise & Co.

Noch eine Doku über Frauen im Filmgeschäft und wie schwer sie es haben! Muss das sein? Ja. Eigentlich kann man nicht oft genug darauf hinweisen. Und bezeichnenderweise ist auch „This Changes Everything“ (Das verändert alles) von einem Mann, Tom Donahue, der lange vor der Metoo-Debatte mit seinen Aufnahmen für den Film begann.

Das Neue, was er herausfand: Zur Stummfilmzeit gab es mindestens so viele Frauen im Filmgeschäft vor und hinter der Kamera wie Männer. Erst der Tonfilm sorgte für die Männerdominanz, die es heute noch gibt, so Donahue. Er bezieht sich nur auf Hollywood und hat fast nur Frauen interviewt, vor allem prominiente Schauspielerinnen wie Jessica Chastain, Reese Witherspoon, Cate Blanchett, Rachel Portman und Meryl Streep, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen, Regisseurinnen. Gut zwei Dutzend bekannte Frauen ergreifen Partei.

Die nennen gerne einen Schlüsselfilm: „Thelma & Louise“ (1991), geschrieben von einer Frau, Callie Khouri, inszeniert von einem Mann (Ridley Scott). Der Film habe gezeigt, dass es andere Frauenrollen als die Sexbombe, die Mutter, die Geliebte und die Hausfrau gibt, so Khouri. Eine der beiden Hauptdarstellerinnen in dem Film war Gena Davis, die neben ihrer Schauspielkarriere (sie bekam 1989 einen Oscar), 2004 das Geena Davis Institute on Gender in Media gründete, das dafür kämpft, dass Frauen in den Medien stärker vertreten sind. Davis sammelt Daten und sagt. „Wenn Frauen kontinuierlich nur vorkommen in Nebenrollen, Stereotypen, als Sexobjekt, und wenn sie keine Hauptrollen haben oder schlicht nicht vorkommen, dann ist das eine sehr klare Botschaft: Frauen und Mädchen sind nicht so wichtig wie Männer und Jungs. Das hat eine Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft“. Zum Beispiel diese: 1979 wurden nur 0,5 Prozent aller Filmregie-Jobs in Amerika an Frauen vergeben wurden.

Meryl Streep ist eine der Frauen, die Forderungen stellen. Foto: Courtesy of Tiff

Meryl Streep ist eine der Frauen, die Forderungen stellen. Foto: Courtesy of Tiff

Es ist ein Redefilm, die Aussagen wechseln im Minutentakt. So sagte Resse Witherspoon: „Unser ganzes Leben wird von den Bildern bestimmt, die wir als Kind sehen. Und das sind  vor allem Jungs und Männer.“

Selbst in den Animationen, ist das so, wie Davis herausgefunden hat. Cate Blanchett: „Um das gegenwärtige System zu ändern, muss die Inklusion her. Jeder muss mitmachen. Und es muss sofort passieren.“ Es ist eine der wenigen kämpferischen Aussagen in dem Film. Die meisten Frauen bleiben höflich, sagen ruhig, was sie fordern und schimpfen nicht auf ein Studio oder bestimmte Studiochefs, sondern bleiben allgemein. Und dann gibt es einen Vorzeige-Mann, einen Fernsehchef, der sich die Sache vor ein paar Jahren schon zu Herzen nahm: John Landgraf, der Chef von NX Networks. Er ordnete an, dass mehr Frauen beschäftigt werden sollen. Woraufhin in einem Jahr knapp fünf Prozent mehr Frauen beschäftigt wurden. Was Landgraf entsetzte. Nun dringt er noch stärker drauf, „aber von 50:50 sind wir noch weit entfernt“, meint er ernüchternd.

Andrea Dittgen