Auf dem Land

Die Felder bei Monrovia, Indiana. Foto: Courtesy of TIFF

Die Felder bei Monrovia, Indiana. Foto: Courtesy of TIFF

Für seinen 42. Film ist der 88-jährige US-Dokumentarfilmer Frederick Wiseman aufs Land gegangen: nach „Monrovia, Indiana“. So der Titel des Films über einen Flecken mit 1000 Einwohnern fernab der Großstädte. Es sind Bauern, die da leben. 76 Prozent haben Trump gewählt. Doch um Parteipolitik geht es Wiseman nicht – und den Morovianern auch nicht. Zweieinhalb Stunden zeigt er das Leben in einer Kleinstadt. Da wird im Gemeinderat ellenlang diskutiert ob man eine Bank oder zwei Bänke vor der Bücherei finanzieren soll. Wenn später festgestellt wird, dass die Stadt eigentlich nicht gerettet werden kann, wenn es mal brennt, weil es zwar Hydranten gibt, die aber offenbar nicht ans Wassernetz angeschlossen, sondern nur ein einziger Tankwagen mit Löschwasser bereit steht, sind alle nur der Meinung, dass sich das bessern müsse und man am besten mal die Bezirksregierung drum bittet.

Wie tickt eine so kleine Stadt in der Provinz, wo zwei Drittel der Bevölkerung über 70 zu sein scheint? Die Kirche ist wichtig. Der Zuschauer ist bei einer Trauung dabei, die ziemlich konservativ abläuft, bis eine farbige Sängerin Schwung in die Sache bringt. Und bei einer Beerdigung einer 70-jährigen Hausfrau und Mutter, wo der Pfarrer 20 Minuten nur Plattitüden erzählt, was Wiseman komplett, ungeschnitten zum Abschluss der zweieinhalb Stunden in Monrovia stehenlässt bevor er sich mit einem Schwank über die Gräber auf dem Friedhof verabschiedet.

Der Gemeinderat von Monrovia tagt. Foto: Courtesy of TIFF

Der Gemeinderat von Monrovia tagt. Foto: Courtesy of TIFF

„Du kannst hier nicht dieselben Segnungen wie in der Großstadt erwarten, das wusstest du, bevor du aufs Land gezogen bist“, sagt der Bürgermeister zu dem Mann, der die Sache mit dem Hydranten vor seinem Haus entdeckt hat. Die anderen Gemeinderatsmitglieder nicken. Und lehnen es schließlich ab, ein Neubaugebiet mit 150 Wohnungen auszuweisen, für das zwar genug Platz wäre, und das auch nötig wäre, damit die Stadt wachsen kann. Doch es wird schnell klar, dass die Ratsglieder gar nicht wollen, dass ihre Stadt wächst. Denn dann kämen mehr Fremde, man müsste mehr investieren, mehr arbeiten. Es ist wie immer bei Wiseman: Die Diskutierenden scheine zu vergessen, dass er mit seiner Kamera mitten unter ihnen ist. Sie reden nicht gekünstelt, kritische Themen werden nicht ausgelassen. So ist es auch, wenn er die Friseurin des Ortes bei der Arbeit filmt, den Bartschneider, den Lebensmittelhändler, die jungen Leute in der Pizzeria und die routinierte Tätowiererin (ja, einen Tattoo-Landen gibt es auch). Zwischen den stummen Bildern zwischen Kirche, Hauptstraßen und den weiten Maisfeldern geht das dörfliche Leben seinen Gang. Landwirtschaftliche Wägen aller Art werden versteigert, es gibt ein dreitägiges Stadtfest mit Buden, wo Frauen selbstgehäkelten Deckchen und selbstgebackenen  Kuchen verkaufen, zwei alte Männer Countrysongs zur Gitarre singen, begleitet von einem dritten, der mit Sonnenbrille eher unwirsch dabeisitzt und Geige spielt. Einen Stand der Republikaner gibt es auch und einen der Kirche.

Doch dann gibt es doch etwas, das man so noch nicht gesehen hat: die Freimaurerloge ehrt einen der ihren, der seit 50 Jahren im Beruf ist. Wiseman filmt das komplette Zeremoniell, die Herrn in ihren Freimaurerschürzen, mit ihren typischen Ketten und Anhängern, dem Zimmer mit den vielen Symbolen. Die Rituale. In einer deutschen Doku würde so etwas nicht auftauchen, bei uns sind die Freimaurer zugeknöpfter und lassen sich nicht bei ihren Versammlungen filmen.

Die Hauptstraße von Monrovia. Foto: Cortesy of TIFF

Die Hauptstraße von Monrovia. Foto: Cortesy of TIFF

Es gibt spannendere Filme von Wiseman, dem ältesten und besten oder zweibesten Dokumentarfilmer (der andere ist der 76-jährige Werner Herzog, von dem in Toronto auch ein neuer Film läuft), keine Frage, auch bessere Sozialstudien wie „In Jackson Heights“ (2015), aber da filmte er immer einen Mikrokosmos, keine ganze Stadt und kein so unspektakuläres Leben. Doch das gemächliche Leben der alten Bauern zwischen Kühen und Korn hat Wiseman  eigentlich perfekt einfangen. Am Ende weiß man zwar immer noch nicht; warum die Morovianer Trump gewählt haben, aber man sieht, dass das Leben im ländlichen Amerika doch anders als das in den ländlichen Gebieten der Pfalz.

Andrea Dittgen

 

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