Anna Karina und der schreiende Fassbinder

Die in Frankreich lebende Dänin Anna Karina wurde bekannt als Muse der Nouvelle Vague in den Filmen von Jean-Luc Godard, mit dem sie zeitweise auch verheiratet war. Dabei wäre es fast gar nicht dazu gekommen, erzählte die 77- Jährige in ihrer Master Class beim Festival Lumière in Lyon.

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Dabei wäre es fast nicht zur Zusammenarbeit gekommen. „Ich war in Paris, als Model und drehte einige Werbefilme für Palmolive, die Seife. Das saß ich nackt, umhüllt von Schaum, in einer Badewanne. Das sah wohl Godard. Er schrieb mir ein Telegramm und bot mir eine kleine Rolle in „Außer Atem“ an. Ich ging zum Casting und da sagte er mir, dass ich nackt auftreten soll. Das habe ich angelehnt. So verpasste ich diesen wichtigen Film der Nouvelle Vague. Doch wenig später bekam ich wieder eine Einladung von Godard, diesmal für den Film „Der kleine Soldat“. Soll ich da nackt auftreten, fragte ich. Nein, sagte er, es ist ein politischer Film. Ich nahm an und sollte den Vertrag unterschreiben. Das kann ich nicht, sagte ich, ich bin noch nicht volljährig. Also telefonierte ich meiner Mutter in Dänemark, dass sie kommen und unterschreiben soll. Sie war entsetzt: ein politischer Film? Aber dann kann sie doch und unterschrieb.“

Anna Karina erinnerte sich auch ihren einzigen Film in Deutschland: Rainer Werner Fassbinder gab ihr eine Hauptrolle in „Chinesisches Roulette“ (1976). Darin raucht sie Zigarre und beobachtet Leute. „Alles ist gut gelaufen, bis auf die Zeit, da Fassbinder weggefahren ist nach Cannes. Und ich allein war in dem gutbürgerlichen Haus, in Bayern, im Schloss (sie sagt das Wort auf Deutsch). Alle anderen waren Deutsche, aber da ich kein Deutsch konnte, habe ich nicht so viel von dem verstanden, war beim Dreh gesagt wurde. So geht es nicht weiter, sagte ich mir. Also habe ich ein kleines Buch zum Deutschlernen gekauft. Das hat die anderen Schauspieler der Fassbinder-Familie  sehr amüsiert, dass alle mir geholfen haben, in kurzer Zeit Deutsch zu lernen. Während der Dreharbeiten war Fassbinder fast zwei Wochen weg und hat mich im Schloss alleingelassen. Er war beim Festival von Cannes, von Anfang bis Ende, zehn Tage, und ich wartete.  „Das war sehr (auf Deutsch) seltsam. Fassbinder war sehr eigene, zu mir war er nett, aber ich hörte, wie er sich im Garten lautstark mit seinem Freund stritt, die Polizei ist sogar gekommen.“

Andrea Dittgen

Dieser Beitrag wurde am von in Lyon 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
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Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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