Eric Clapton. Foto: Courtesy of TIFF

Abschied von Eric Clapton

Nein, er ist nicht heimlich gestorben. Aber beim Festival von Toronto verkündete der 72-jährige Musiker, dass er aufhören will. „Ich gebe noch vier Konzerte, dann ist alles vorbei. Und das sage ich schon seit ich 17 bin“. In der Tat hat der Dokumentarfilm über ihn, der in Toronto Premiere hat, etwas von Abschied. Nicht nur, weil er einem Nachruf: Clapton sitzt traurig da und erinnert an den gerade verstorbenen B.B. King (1925-2015), sein Vorbild. Dennoch:  „Eric Clapton: A Life in 12 Bars“ (Ein Leben in zwölf Takten) endet mit seinem glücklichen Senior inmitten seiner Familie mit seinen kleinen Kindern. „Im letzten Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich – wenn ich aufhöre, mit anderen zusammen Musik zu machen – gut leben kann, wenn ich einfach nur Musik höre. Das reicht mir“, so Clapton weiter, der (nach Jimi Hendrix) als zweitbester Rockgitarrist aller Zeiten angesehen wird.

Eric Clapton verausgabt sich. Foto: Courtesy of TIFF

Eric Clapton verausgabt sich. Foto: Courtesy of TIFF

Zu dem heute so genügsamen glücklichen älteren Mann passt das Happy End in dem zweistündigen Dokumentarfilm von Lili Fini Zanuck: Da sitzt der seit 2002 in zweiter Ehe mit der 31 Jahre jüngeren Melia McEnery verheiratet mit seinen drei kleinen Töchtern im Wohnzimmer und lächelt.  Dabei war  Claptons Leben vorher alles andere als harmonisch. Das fing schon damit an, dass seine erst 16-jährige Mutter das Baby nicht wollte und Eric bei den Großeltern aufwuchs. Selbst etwa zehn Jahre später, als seine Mutter, die von Großbritannien zu Erics Vater nach Kanada zog, auf Besuch in Europa war, wollte sie ihn nicht, sondern nur ihre beiden neuen Kinder. Das hat ihn sehr verletzt, erzählt er im Off. Wahrscheinlich hat es ihn auch zum Außenseiter gemacht, der viel zeichnete und anfing, Gitarre zu spielen. „Er war ganz allein und hatte keine andere Wahl, als zu singen und zu Gitarre zu spielen, um seinen Schmerz zu verdrängen“, sagte seine Tante, die neben seiner Großmutter und Mitmusiker wie Steve Winwood zu Wort kommen (aber nur auf dem Off, zu sehen sind sie nicht).

Das Porträt, das Clapton initiierte, weil er es sehen wollte, solange er noch lebt, wie er bei der Pressekonferenz sagte, handelt die bekannten Karrierestationen ab, die vielen Bands, in denen er mitspielte (die Yardbirds, Cream, Blind Faith und die Clapton Band  werden ausführlich behandelt),  insofern ist er konventionell. Aber das Wunderbare daran ist, dass es zu allen Stationen Bilder und rare Tondokumente gibt (auch von verstorbenen Mitmusikern wie George Harrison von den Beatles)  gibt, selbst aus seiner Kindheit sind viele Fotos da – mit einem Jungen, der Flugzeuge und Autos in Comic-Manier zeichnet, mit der ersten Gitarre spielt. Später kommen die unscharfen Super-8-Aufnahmen von Auftritten der Yardbirds. Heute mutet es seltsam an, zu hören, dass er die Band verließ, weil sie ihm zu kommerziell wurde, will doch jeder Musik eigentlich nur das: Viel Geld mit seiner Musik verdienen. In raren Aufnahmen sieht man Clapton im Studio, ganz in sich gekehrt und nur auf die Gitarre konzentriert, egal, aus welchem Jahrzehnt die Aufnahmen sind. Natürlich sind etliche Konzertaufnahmen dabei, allerdings nicht die berühmten.

Regisseurin Lili Fini Zanuck. Foto: Courtesy of TIFF

Regisseurin Lili Fini Zanuck. Foto: Courtesy of TIFF

Über die Musik sind seine privaten Probleme gelegt: seine lange Jahre lang unerfüllte Liebe zu Patti, die mit seinem Freund George Harrison verheiratet war und in Surrey im Cottage nebenan lebte, später seine Heroinsucht und danach seine viel schlimmere Alkoholsucht (auch seine Bühnenausfälle, wo er sich rassistisch äußert, werden nicht ausgespart). Der apathisch auf in seinem Anwesen Hurtwood Edge in Surrey umhergehende Süchtige wirkt wie ein Geist. Der wenig später wie ein Phoenix aus der Asche aufsteigt, als er völlig unerwartet Vater wird, was sein Leben verändert. Er lernt Verantwortung zu tragen. Von all den Songs, die er schrieb, wird nur einer in voller Länge gezeigt: „Tears in Heaven“, die Ballade, die er schreibt, nachdem sein Sohn im Alter von vier Jahren aus einem Hochfenster fiel uns starb und heute sein bekanntester Song ist (sie ist in dem Spielfilm „Rush“ von 1991 zu hören, Lili Fini Zanucks Regiedebüt). Seitdem macht er nur Musik zur Erinnerung an seinen kleinen Sohn, sagt er in diesem ungewöhnlichen, sehr persönlichen Dokumentarfilm, der keine der bei Rockmusikern üblichen Beweihräucherungen ist und nicht einmal alle wichtigen Musiktitel enthält (auch nicht seine Preise, die 17 Grammys), sondern ein überraschend schonungsloses Porträt eines der einflussreichsten Gitarristen ist, mehr ein Hintergrundbericht, aus Claptons Sicht wohl auch eine Rechtfertigung – und eben ein Abschied.

Dieser Beitrag wurde am von in Toronto 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *