69 Jahre, wild und sexy

In dem schwarzen trägerlosen Bikini macht sie eine tolle Figur. Dazu der verrückte Hut. Wie früher. Sie singt und tanzt wie vor 30 Jahren. Grace Jones, die farbige Stilikone mit der Backsteinfrisur, den schrillen Kostüme, das Wesen zwischen Mann und Frau ist wieder da. Sie ist 69., wild und sexy. Noch nie hat eine Frau in diesem Alter auf der Bühne so toll ausgesehen. Wo war Grace nur in all den Jahren? Filmfans erinnern sich an ihre Rollen in „Conan, der Zerstörer“ (1984) und als Bösewicht, der am Gerüst turnt aus dem Bond-Film „Im Angesicht des Todes“ (1985). Und natürlich an die Musikvideos, die Fotos als Model, Songs wie „Slave to the Rhythm“, „Love Is a Drug“ und „La vie en rose“.

Nur echt mit verrücktem Kopfputz: Grace Jones, 2016 beiim einem Konzert in Dublin. Foto: Courtesy of TIFF

Nur echt mit verrücktem Kopfputz: Grace Jones, 2016 beiim einem Konzert in Dublin. Foto: Courtesy of TIFF

Wer die Bilder aus den 80er und 80er nicht im Kopf hat, wird sie in der in gewisser Weise auch androgynen faszinierenden Doku der 50-jährigen Britin Sophie Fiennes auch nicht finden. „Grace Jones: Bloodlight and Bami“ zeigt in zwei Stunden nicht ein Fitzelchen Archivmaterial und kein einziges Interview. Darauf muss man erst einmal kommen. Fiennes geht es um Grace heute, beim Dreh war Grace Jones 68, aber sie sieht aus wie Mitte 40. Die Backsteinfrisur ist weg, aber die schwarzen Haare sind stoppelkurz. Was man nur selten sieht. Sie trägt verrückte Hüte, und Mützen privat wie auf der Bühne. Fiennes (bekannt seit „The Pervert’s Guide to Cinema“, 2006) zeigt Grace inmitten ihrer Familie auf Jamaica, wo sie geboren und aufgewachsen ist (dort drehte Fiennes vor einigen Jahren bereits eine Doku über Grace Bruder, einen Priester der Pfingstbewegung), sie ist die fröhliche Oma, die in der Küche hilft, in die Kirche geht, ihre Enkelin knuddelt, und beim Ausflug alle in Schwung hält. Fiennes gelingt es, zu zeigen, dass das Normale und das Verrückte  zusammengehören. Natürlich erzählt sie von ihrer Glanzjahren in kurzen Sätzen, aber sie hängt der Vergangenheit nicht nach. Der Filmtitel ist Jamaika-Slang: Bloodlight meint das rote Licht im Aufnahmestudio und Bami ist Brot. Leben und Show sind eins.

Sophie Fiennes. Foto: Remco Schorr

Sophie Fiennes. Foto: Remco Schorr

Das Konzert in Dublin, das Fiennes für die Doku filmte, ist voller neuer Songs und Hüte, eine ausgeflügelte Show aus Kostümwechseln, Lichteffekten und ein bisschen Turnen. In der Garderobe sagt sie mitunter noch wildere Sachen als früher. „Ich will jeden Mann mindestens einmal in den Hintern ficken.  Jeder Mann muss das mindestens einmal erlebt haben, damit er weiß, wie das ist“. Sagt die Mannfrau, lacht und schminkt sie. Sie schminkt sich selbst oder besser sie malt, farbige Flächen und Formen auf ihrem Gesicht wirken wie Bodypainting. Ja, das hat sie früher auch gemacht, aber anders. Der Film pendelt permanent zwischen den perfekt inszenierten  Showszene und den intimen in der Familie, ohne dass man es als Bruch empfindet. Sie bereitet ein neues Album vor, die neuen Songs – irgendwo zwischen Techno, Pop und Indie, gehen ins Ohr.

Sie wiegt sich im Takt dazu, lacht und fällt darüber fast vom Stuhl – nicht im Film, sondern direkt neben mir im wunderschön altmodischen Elgin-Theater in Toronto, wo sie nur zwei Meter entfernt in der Loge nebenan sitzt. Im Dunklen hat sie sich dahin geschlichen, um sich und die Reaktionen im Publikum zu sehen. Cool, sympathisch, unwiderstehlich.

Andrea Dittgen

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