„Ich dachte, wir könnten sitzen“

Carolin Genreith hat ihr Baby dabei, auch mit auf der Bühne, als ihr Film „Happy“ beim Preis der deutschen Filmkritik als beste Dokumentation geehrt wird. Die Moderatorin flüstert sogar, um den schlummernden Nachwuchs nicht aufzuwecken. Genreith dagegen spricht laut, die Filmemacherin aus der Eifel ist es ja bereits gewohnt, ihre Familie mit zu inszenieren: In „Die mit dem Bauch tanzen“ war 2013 das Tanzfieber der Mutter Thema, in „Happy“ geht es um den Vater, der sich mit Mitte 60 in eine Thailänderin verliebt hat.

Szene aus "Happy" mit und von Carolin Genreith.

Szene aus „Happy“ mit und von Carolin Genreith.

Beide Filme waren auch beim Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel Erfolge, „Die mit dem Bauch tanzen“ bekam den Publikumspreis, und vergangenen September erhielt „Happy“ einen Sonderpreis der Jury. „Eigentlich dachte ich, es wird ein Film über mehrere Männer, die thailändische Frauen haben“, erzählt Carolin Genreith noch einmal im Rückblick. Doch dann habe plötzlich ihr Vater im Zentrum gestanden – und auch sie als Tochter selbst, die sein Tun hinterfragt. „Ich habe mich zuerst hinter der Kamera versteckt, aber das hat sich immer falscher angefühlt.“ Den Filmkritikerpreis werde ihr Vater sicher toll finden, versichert sie: „Oh, ja. Mein Vater liebt die Bühne.“ Mit der Zustimmung zum Film habe er Klischees aufbrechen und vor allem seinen Bekannten aufzeigen wollen, dass er nicht so ein Sextourist ist. „Und er wollte wohl Zeit mit seiner Tochter verbringen.“

Die Verleihung der Preise der deutschen Filmkritik ist keine unbedingt glamouröse Veranstaltung. Schauplatz ist ein Club an der Friedrichstraße, der zu klein ist für die Menge an Nominierten und Kritiker und sich gerade von „Tube Station“ in „Father Graham“ umbenannt hat. Serviert werden Laugenstangen, Berliner Craft Beer und Wein aus der Südpfalz, man steht dicht nebeneinander. „Ich dachte, wir könnten sitzen oder loungen“; nörgelt daher auch Regisseur Pepe Danquet zunächst in seiner Laudatio auf den Ehrenpreisträger Werner Ružička, den 1947 geborenen Festivalleiter der dem Dokumentarfilm gewidmeten Duisburger Filmwoche. Eine einstündige Lobpreisung kündigt Danquart aufmüpfig an, es wird dann eine deutlich kürzere, aber treffende, gut gelaunte Würdigung vor allem des intellektuellen Diskurses, den das Treffen stets begleitet. „Ich habe mich in weiten Teilen wieder erkannt, und den Erst mit Scham zur Kenntnis genommen“, sagte Ružička mit sanfter, leiser Stimme, die selbst allzu ungeduldig auf ihre mögliche Ehrung wartende Schauspielerprominenz immerhin fast zum Verstummen brachte. Vorbildlich höflich dagegen der Speyerer Produzent Golo Schultz, der hinter „Tiger Girl“ von Jakob Lass steht, dessen Hauptdarstellerinnen nominiert waren, aber leer ausgingen: Er applaudierte lautstark für alle Preisträger.

 

Die Preise

Bester Spielfilm: „Western“ (Valeska Grisebach)
Bestes Spielfilmdebüt: „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (Julian Radlmaier)
Beste Darstellerin: Clara Schramm / Naomi Achternbusch („Blind & Hässlich“)
Bester Darsteller: Meinhard Neumann („Western“)
Bestes Drehbuch: Heinz Emigholz, Zohar Rubinstein („Streetscapes [Dialogue]“)
Beste Kamera: Reinhold Vorschneider („Der traumhafte Weg“ von Angela Schanelec)
Beste Musik: Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Athaassios Christos Macias, Roman Flügel, David Moufang, Romuald Karmakar („Denk ich an Deutschland in der Nacht“)
Bester Schnitt: Angela Schanelec, Maja Tennstedt („Der traumhafte Weg“)
Bester Kinderfilm: „Nur ein Tag“ (Martin Baltscheit)
Bester Dokumentarfilm: „Happy“ (Carolin Genreith)
Bester Kurzfilm: „Final Stage“ (Nicolaas Schmidt)
Bester Experimentalfilm: „Lass den Sommer nie wieder kommen“ (Alexandre Koberidze)

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