Carne2

Fleisch und Sand

Das Plakat des Projektes, an dem Alejandro González Iñárritu vier Jahre lang arbeitete.

Das Plakat des Projektes, an dem Alejandro González Iñárritu vier Jahre lang arbeitete.

Dämmerung, Wüste, Sand. Die große weite Leere an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Plötzlich sind sie da: Flüchtlinge. Männer, Frauen, ein kleines Mädchen. Man schaut ihm direkt ins Gesicht, in die traurigen Augen. Die neun Flüchtlinge laufen schwankend auf dem Sand zwischen den Büschen, das Mädchen verliert einen Schuh. Dröhnender Lärm hebt an, man dreht den Kopf und sieht einen Hubschrauber, der näher kommt und immer tiefer fliegt. Seine Suchscheinwerfer sind grellweiß und blenden. Automatisch duckt man sich und versucht, ihnen auszuweichen. Wind kommt auf. Schnitt. Wieder helles Licht. Zwei Jeeps, Soldaten mit Gewehren schreien, man soll sich hinknien und die Schuhe ausziehen. Sie nehmen gefangen, wen sie sehen, die Flüchtlinge werden gefesselt. Schnitt. Das kleine Mädchen sitzt an einem langen Holztisch und spielt menschlichen Tonfiguren, die auf einer Schale sitzen und in ein Loch kippen. Schnitt. Die Soldaten werden immer aggressiver und lauter, Schüsse fallen…

Es ist kein Kinofilm, es ist Virtual Reality (VR). Man ist kein Zuschauer mehr. Man steht mitten im Geschehen, man ist allein, man wird selbst zum Flüchtling. Man steht barfuß im Sand mit VR-Brille und Kopfhörer und einem Rucksack. Sechseinhalb Minuten nur dauert der Virtual-Reality-Film „Carne y Arena“ (Fleisch und Sand) des mexikanischen Filmregisseurs und dreifachen Oscar-Preisträgers Alejandro González Iñárritu. Er wird außerhalb des Wettbewerbs in Sondervorführungen für jeweils nur eine Person gezeigt. In einem Hangar am Flughafen von Cannes-Mandelieu, acht Kilometer vor der Stadt.

Der Hinweis auf die Installation kam schon vor Festivalbeginn, man musste sich melden, um eine Einladung zu bekommen und dann einen der raren Einzeltermine, die im Halbstundentakt von morgens um 8.30 Uhr bis abends um 21 Uhr vergeben werden. Maximal 78 Personen pro Tag können den VR-Film sehen. Es ist ein Special Event als Vorpremiere. Man wird mit einem Festivalwagen zu zweit oder dritt hingefahren. Denn eigentlich ist „Carne y Arena“ erst ab 7. Juni zu sehen – in der Fondazione Prada in Mailand, die ihn finanziert hat, danach, 2018,  im Museum of Modern Art in Los Angeles. Also kein Kino, aber auch kein Spiel wie andere VR-Aktionen, sondern die Nachstellung der Realität. Eine Installation. So lebensnah und schrecklich, wie es technisch derzeit möglich ist.

Von fern sehen die Menschen echt aus, aber wenn man dem kleinen Mädchen in die Augen schaut, sieht man schon, dass das Gesicht nicht so ganz natürlich ist. Aber angesichts der anderen Sinneseindrücke vergisst man das sofort wieder. Man versucht, das Mädchen an die Hand zu nehmen, das gelingt natürlich nicht, man greift ins Leere und es verschwindet.

Die Personen gibt es wirklich, in dem Ausstellungsraum, dem man immer noch benommen von der Erfahrung danach betritt, sieht man ihre Fotos und liest ihre Geschichten. Die der 53-jährigen Frau aus Honduras, der die Flucht gelang und die dann in den USA schuftete, bis sie das Geld zusammen hatte, um ihre sechs Kinder peu à peu nachzuholen. 20 Jahre hat sie dazu gebraucht. Die Immigranten erzählen, unter welchen Bedingungen ihnen die Flucht gelang, dass sie vor Schwäche zusammenbrachen, wie sie die Fluchthelfer, die sie nur Kojoten nennen, eingepfercht in Lastwagen tageslang ohne Essen und Trinken an die Grenze fuhren (wer denkt da nicht an die Holocaust-Transporte). Wie sie um ihr Leben rannten, dabei den kleinen Bruder aus den Augen verloren. Wie sie hinterher in Containern in die USA, die sie Kühlhäusern nennen, weil es da so kalt ist, tagelang warten müssen. Aber es gibt auch die Geschichte von John, 62, einem Mann von der US-Grenzpatrouille, der die Immigranten nur Aliens nennt, aber dann irgendwie doch Mitglied mit ihnen hat. Die Schuhe, die sie unterwegs verloren, sind in einer Vitrine (wie in den KZ-Gedenkstätten) ausgestellt.

Nun, da Iñárritu und der derzeit beste Kameramann der Welt, Emmanuel Lubezki (er bekam 2014, 2015 und 2016 den Oscar), gezeigt haben, was mit VR möglich ist, wird es Nachahmer geben, weniger aus Kino-, eher aus dem Kunst- und dem Spielebereich – allerdings nicht sehr viele und nicht so schnell, denn noch ist Virtual Reality extrem teuer und aufwändig. Dennoch: Gegen das Erlebnis „Carne y Arena“ verblasst alles andere, was in Cannes zu sehen ist. Und er erinnert an die Anfänge des Kinos: 1896 zeigten die Brüder Lumière in einem der ersten Filme der Geschichte, wie ein Zug in einen Bahnhof einfuhr. Damals sprangen die Zuschauer auch zur Seite, weil es so echt aussah.

Andrea Dittgen

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Barbara = Balibar

Sie stand ein bisschen im Schatten von Edith Piaf, dafür bot sie den Freunden des Chansons in Deutschland ein wunderschönes Lied in deutscher Sprache: „Göttingen“, es wurde ihr größter Hit. Die französische Sängerin Barbara (1930-1997), die ab 1967 ein Dutzend ihrer Chansons auf Deutsch sang, bekommt nun einen Spielfilm als Hommage, der schlicht „Barbara“ heißt und in der Reihe „Un certain regard“ Premiere hatte. Regisseur Mathieu Amalric fand in seiner Ex-Frau (und heutigen Muse von Frank Castorf) Jeanne Balibar (49), Schauspielerin und Sängerin, eine kongeniale Besetzung. Zwar ist ihre Stimme etwas kratziger als die von Barbara, aber mit ihren Gesten, ihrer Haltung und der Mischung zwischen Lässigkeit und Exaltiertheit ist die perfekte Verkörperung von Barbara. Der Film wiederum ist keine klassische Künstlerbiografie, sondern ein Film im Film.

Amalric selbst spielt den Filmregisseur, der ein Porträt über Barbara dreht und dafür Brigitte (Balibar) engagiert, die sich immer mehr in die Welt von Barbara hineinlebt. In der Filmdekoration, die Barbaras Wohnung nachstellt, sitzt Balibar am Flügel, singt und komponiert. Und man hört – was ungewöhnlich ist – nicht nur ab und zuj mal eine Strophe aus einem Land, sondern ein halbes Dutzend Lieder („Göttingen“ ist dabei, aber auch „Je ne sais pas dire“ und „Ne change rien“) komplett, mit Balibar, die in ihrer Silhouette der „Dame en noir“ wirklich zum Verwechseln ähnlich sieht.

Man kann einwenden, dass Amalric sich ein bisschen zu oft und zu selbstverliebt inszeniert, und das Leben Barbaras nicht mal halbwegs chronologisch erzählt wird. Aber das passt eigentlich ganz gut zu der häppchenartigen Annäherung, die auch Originalaufnahmen von Barbara einschließt und die Reflexion über gleich zwei Sängerinnen: Barbara und Balibar, deren Namen im Vorspann sich schon symbiotisch überlagern. Wer jedoch vorher wenig über Barbaras Leben und ihre Karriere wusste, wird durch den Film nicht schlauer, aber er wird lernen, ihre Lieder zu mögen – und Jeanne Balibar, die seit 2012 regelmäßig an der Berliner Volksbühne in den Castorf-Inszenierungen in sehr gutem Deutsch (sie lernte es schon als Teenager) spielt und singt.

Jeanne Balibar spielt Barbara.

Jeanne Balibar spielt Barbara.

Andrea Dittgen

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Das Gesicht des Hauses

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Monumentale Fotos an der Wand

Meterhohe Menschen blicken die Zuschauer von Hauswänden an. Es sind die Bewohner der Häuser. Die französische Regisseurin Agnès Varda (88) und der Fotograf, der nur unter dem Pseudonym JR (34) bekannt ist, haben sich zusammengetan für eine ungewöhnliche Kunstaktion in französischen Dörfern und daraus einen wunderschönen Film gemacht, der jenseits des Wettbewerbs zu sehen war und im Juni in Frankreich erst mal in die Kinos kommt: „Visages Villages“ (Gesichter, Dörfer). Es ist ein sehr humorvoller, verspielter Film, der auch Leuten gefällt, die mit Kunst nichts am Hut haben.

Agnès Varda, die eifrige Filmregisseurin mit der weiß-braunen Mireille-Mathieu-Frisur und der mehr als 50 Jahre jüngere französische Fotograf und Regisseur („Women Are Heroes“) ließen sich quasi von Vardas Tochter für ein gemeinsames Projekt verkuppeln. Mit JRs Lieferwagen, der so beklebt ist, dass er wie eine überdimensionale Fotokamera aussieht, fuhren sie 2015 einige Monate übers Land. Sie unterhielten sich mit Hausbewohnern, JR fotografierte sie – nur Gesichter oder Ganzkörperansichten, allein oder auch in Gruppen – druckten die Fotos aus, schnitten Gesicht oder Körper aus und klebten sie mit Kleister an die Wand des Hauses, in dem die Menschen. So bekommen die Häuser das Gesicht ihrer Bewohner. Und die Häuser werden ein Kunstobjekt, und die Bewohner auch. Die Kunst ist so einfach, dass sie jeder versteht und alle im Dorf darüber reden. Im Film sieht man jedoch auch die beiden Künstler, wie sie über ihr Projekt reden, die Städte aussuchen, sich mit den Bewohnern unterhalten und die Fotos aufkleben. Am schönsten sind ist das Gruppenfoto der Arbeiter aus einer Fabrik. Sie wurden in zwei Gruppen fotografiert, nicht frontal wie sonst immer, sondern von der Seiten mit einladenden Armbewegung, einmal nach rechts, einmal nach links. Das Ergebnis ist eine humorvolle Aufforderung zum Hinsehen, die auch dazu einlädt über die Arbeiter und ihre Arbeitsbedingungen zu fotografieren. Das markanteste Hausgesicht zeigt eine junge Frau mit Sonnenschirm an einer hohen schmalen Hauswand im Brigitte-Bardot-Stil. Die Fotografierten freuten sich, die lachen viel und freuen sich über ihre neuen kunstvollen Häuser. JR stellt seine Monumentalfotowände in Museen in aller Welt aus, in Deutschland zuletzt 2014 in Baden-Baden, der Film entstand für das Museum of Modern Art in New York.

Andrea Dittgen

eastwood

„Wir haben unseren Sinn für Humor verloren“

Eineinhalb Stunden standen etwa 700 Fans für die 200 freien Plätze bei der „Leçon du cinéma“ (Kinolehrstunde) mit Clint Eastwood an. Das ist öffentliches Gespräch, in dem ein Kritiker dem Star Fragen stellt und er aus seinem Leben erzählt. Eastwood (86) hat zurzeit keinen neuen Film, aber in der Retrospektive läuft sein frisch restaurierter Western „Erbarmungslos“ (1992) und im Wettbewerb ein Remake eines Film, in dem er mitspielte,  das Bürgerkriegsdramas „Betrogen“ (1971 von Don Siegel). Der Mythos Eastwood lebt in Cannes mehr als anderswo in Europa, denn er war 1994 (in meinen ersten Cannes-Jahr) Jurypräsident und sorgte dafür, dass „Pulp Fiction“ die Goldene Palme bekam, was die Karriere von Quentin Tarantino startete.

Eastwood also. Er sieht immer noch gut aus, ist fit, spricht deutlich antwortet sehr freundlich auf alle Fragen, die man ihm stellt, gibt Autogramme, posiert für Selfies – der vierfache Oscar-Gewinn ist frei von Star-Allüren und plaudert munter. Und was sagte er?

Über Film:
Film ist eine emotionale Kunstform, keine intellektuelle. Sie zu intellektualisieren oder zu pseudo-intellektualisieren, steckt dich schnell in eine Schublade.

Über politische Korrektheit:
„Dirty Harry“ war ein Traum, große Gewehre, der Traum eines jeden Kindes. Der Film wurde als politisch inkorrekt angesehen – das war der Beginn der bis heute andauernden Ära von politischer Korrektheit. Aber wir töten uns selbst, in dem wir politisch korrekt sind, wir haben unseren Sinn für Humor verloren.

Über seinen Mentor Don Siegel („Dirty Harry“):
Die ersten drei Filme mit großen Rollen jenseits des Fernsehens drehte ich mit Don Siegel. Don Siegel arbeitete sehr effektiv, schneller als jeder andere, weil er schneller dachte. Er hasste Produzenten. Ich habe viel von ihm gelernt.

Über Western:
Ich wuchs in den 30er und 40er Jahren auf, als Western in waren, als Kind mochte ich Western, ich wollte unbedingt auf einem Pferd reiten. Gary Cooper, John Wayne, James Stewart und Co. mochte ich ich besonders. Western sind populär, weil sie dir eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen.

Über die Wirtschaftskrise:
Ich bin zur Zeit der Depression aufgewachsen, aber wenn man vier, fünf Jahren alt ist, kriegt man schon mit, wenn Leute verhungern. Aber wenn man älter wird, lernt man seine Eltern zu schätzen, die dafür sorgen, dass du immer etwas zu essen hast. Wir sind alle sechs Monate in eine andere Stadt gezogen, wenn mein Vater eine neue Stelle bekam. Das sorgte dafür, dass ich lernte, zu überlegen, was man wofür ausgibt.

Über die Anfänge als Schauspieler:
In der Junior High School spielte ich in einem Theaterstück die Hauptrolle, ein Kind, das zurückgeblieben war. Ich spielte so schlecht, dass es lustig war. Das war mein Anfang als Schauspieler. Ich wollte nie wieder spielen, aber im College ging ich in die Schauspielklasse weil ein Freund auch da war und weil die schönsten Mädchen drin saßen. Ende der 50er Jahre machte ich Testaufnahmen fürs Fernsehen für die CBS-Show, bekam den Job und konnte von der Schauspielerei leben. Dann sagte mein Agent, es gibt das Angebot, in Italien einen Western zu drehen, das Remake eines japanischen Films, ich sagte nein. Dann las ich das Drehbuch, sagte, das ist Mist. Es war ein Remake von Akira Kurosawas „Jojimbo“, und ich war eine großer Fans des Films. Ich dachte, ich war noch nie in Italien, und machte es, Es war ein kleiner Film, für 200.000 Dollar. Ich machte den Film und es wurde ein Hit.

Über seine erste Regiearbeit „Play Misty for Me“ (1971):
Als mir das Studio den Film angeboten hatte, sagte ich zu. Ohne Gage, das Studio wollte mich nicht bezahlen, und ich fand das okay, man hätte es bezahlen sollen, dass es mich Regie führen ließ.

Andrea Dittgen

 

Auf engem Raum

Beim deutschen Empfang sind die Deutschen in Cannes weitgehend unter sich: Filmemacher, Schauspieler, Produzenten, alle, die in der Branche arbeiten. Die Kulturstaatsministerin ist da und hält eine kurze Rede, in diesem Jahr wurden erstmals sechs Schauspieler unter dem Titel „Face to Face“ präsentiert, es gibt viel zu trinken (allein vier Sorten Pfälzer Wein) , so gut wie nichts zu essen (Oliven und Erdnüsse), aber die Stimmung in der von German Films  angemieteten Villa mit großen Garten, etwa zwei Kilometer vom Festivalgeschehen entfernt, am späten Samstagabend (nach der überstandenen Evakuierung) ist immer gut.

Warum Cannes und dieser Empfang wichtiger ist als Veranstaltungen in Berlin, erklärte mir dort ein Rheinland-Pfälzer: der 1980 in Mainz geborene (und inzwischen in Berlin lebende) Kurzfilmer Erik Schmitt. Er ist zum dritten Mal hier, Sein witziger Fünf-Minuten-Kurzfilm „Santa Maria“ wurde als „Next Generation Short Tiger“ im Filmmarkt präsentiert: „Das Besondere an Cannes ist, dass sich hier die ganze deutsche Filmwelt auf engem Raum trifft, die sonst überall verteilt ist. Selbst in Berlin sitzen alle in ihren Wohnungen, und hier sind alle am selben Ort, am hat Zugang zu Leuten, die man sonst nicht sehen würde. Am Anfang war es spannend, eine neue Welt. Dann wird es immer mehr Business. Man lernt Leute kennen und knüpft Kontakte, die später wichtig sind, lernt Schauspieler kennen, die interessant sind.“ In Cannes lernte er auch die Hauptdarstellerin für seinen ersten langen Spielfilm kennen, den er im Sommer dreht, verriet er beim Kurzinterview.

So war es kein Wunder, dass Kulturstaatsministerin nach zwei Sätzen auf Englisch auf Deutsche weitermachte und sogar Filmwissen an den Tag legte (oder einen guten Redenschreiber hatte):

„Ich freu mich hier zu sein, weil der deutsche Film lange nicht ein so starkes Statement auf der internationalen Bühne vorweisen konnte. Allein 16 Filme mit deutscher Beteiligung hier in Cannes, mit Valeska Grisebachs „Western“ und einem Wettbewerbsbeitrag mit Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“  – letztes Mal Maren Ade, die diesmal in der Jury ist – und überhaupt die Frauen machen wieder Lust auf den deutschen Film. Fatih Akin natürlich auch. Das können Sie ruhig mal beklatschen! Damit die Künstlerinnen und Künstler Filme machen können, machen wir in der Politik das Einzige, was wir können, wir schaffen die Möglichkeiten, damit sie ihr Dinge machen können. Wir haben die kulturelle Filmförderung erhöht, damit Fatih Akins beispielsweise in letzter Sekunde das nötige Geld für seinen Film noch bekommen hat und der Film fertig geworden  ist. Ich freue mich, dass die neuen Regeln erfolgreich sind. Es war William Wyler, der gesagt hat – er hat vor 60 Jahren hier die Goldene Palme bekommen, er hat über40 Jahre Western gemacht – er würde nur darüber nachdenken, auf welche Weise man am besten auf ein Pferd rauf- und wieder runterkommt. Und ich denk, unsere Aufgabe ist es, Sie zu unabhängig zu machen von allen lästigen Behinderungen, dass Sie wirklich alles tun können, um 40 verschiedene Wege zu finden, um auf ein Pferd rauf und runterzukommen. Schön, dass wir mit „Western“ einen guten Auftakt in Cannes haben.

Der Film, der 1957 gewann war William Wylers „Lockende Versuchung“, ein Western mit Gary Cooper und Anthony Perkins.

Erik Schmitts Film „Santa Maria“ ist der seltene Fall eines Vertikalfilms, also ein Film, der für das senkrechte Format auf dem Handy gedreht ist (so wie Anfang und Ende von Michael Hanekes Wettbewerbsfilm „Happy End“), sein Kameramann Johannes Louis ist auch aus Mainz.

Von den sechs Schauspielern, die auch filmisch vorgestellt wurden, waren nur Volker Buch, Alexander Fehling, Louis Hofmann und Ronald

Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterhält sich mit den Schauspielern Louis Hofmann (Mitte) und Ronald Zehrfeld.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterhält sich mit den Schauspielern Louis Hofmann (Mitte) und Ronald Zehrfeld.

Zehrfeld beim deutschen Empfang in Cannes (Tom Schilling und Jannis Niewoehner fehlten). Man ließ sie auf der Bühne seltsamerweise Fragen auf Englisch beantworten, bei denen sich überraschenderweise der in der DDR (Ostberlin) aufgewachsene Ronald Zehrfeld mit dem besten Englisch glänzte.

Der Ministerin gefiel es beim Empfang gut, sie sprach auch mit den Schauspielern und wurde sogar nach Mitternacht noch gesichtet.

Andrea Dittgen

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Evakuierung!

2000 Journalisten standen gestern ratlos und ungeduldig im Freien vor dem Saal Debussy, dem zweitgrößten Saal im Festivalpalais, wo um 19.30 Uhr die Pressevorführung von „Le redoutable“ (Der Zweifelhafte) über das Liebesleben des Regisseurs Jean-Luc Godard in den 60ern von Oscar-Preisträgers Michel Hazanavicius laufen sollte. Aber um 19.30 Uhr war immer noch kein Einlass. Es waren auch keine der üblichen Wächter zu sehen, die mit Scannern die Festival-Badges der Besucher noch vor der Treppe kontrollieren. Die Journalisten werden unruhig, ungeduldig und laut – sind sie doch durch die viel Zeit kostenden Sicherheitskontrollen ohnehin nicht in bester Laune.

Doch wie immer in solchen Fällen der unerklärbaren Verspätung zeigt sich kein Verantwortlicher, der erklärt, was los ist. Es passiert einfach – nichts. Nur große Verwirrung. Spekulationen machen die Runde: Haben sie eine Bombe gefunden? Bis um 19.50 Uhr alle Saalbediensteten herauskommen. „Es wird evakuiert!“ ist zu hören. Und der Obersaalwächter liest die Vornamen der zwei Dutzend Mitarbeiter vor, die wie Schulkinder „hier“ rufen. Hat man doch eine Bombe in den Saal geschmuggelt? Alle wartenden Journalisten wurden gebeten, sich vom Gebäude zu entfernen, was bei der Masse der Wartenden in den engen Gassen zwischen Laufgittern nicht einfach ist. Während ein Wächter meinte, „Die Vorstellung fällt aus“, kam nach 30 Minuten die Entwarnung. Der Einlass begann, weitere 15 Minuten später dann die Vorstellung, was sofort zu Scherzen führte: „Ein Coup von Godard“ hieß es schnell, war der Regisseur doch früher immer für Provokationen gut. Endlich war etwas los, von dem man noch nach Jahren erzählen wird!

Erst Stunden später wurde bekannt, was die Evakuierung auslöste: eine vergessene Tasche im Debussy-Kinosaal. Was ungefähr so gefährlich ist wie ein herrenloser Koffer am Flughafen. Polizisten mit Spürhunden kamen ins Gebäude. Wahrscheinlich war Spürhund Falc dabei, den ich morgens schon vor dem Saal sah und ablichtete. Ob die Hunde

Der leere Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher.

Der Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher. 

etwas gefunden haben weiß man nicht. Ob das komplette Festivalpalais evakuiert wurde, ist auch nicht bekannt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind in diesem Jahr wegen der Terroranschläge in Frankreich so hoch wie noch nie, aber der Fall der vergessenen Tasche zeigt, dass es mit der Kommunikation im Fall der Fälle doch sehr im Argen liegt – was doch überrascht.

Andrea Dittgen

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Filme kommen wie Einbrecher in der Nacht

Werner Herzog (74) bekam in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ gestern als erster Deutscher die „Carosse d’or“ (Goldene Kutsche) des französischen Regisseursverbandes. Er kam, zeigte seinen Film „Bad Lieutenant“ und lud zu einem öffentlichen Gespräch ein, bei dem er sich den Fragen dreier junger französischer Regisseure (Guillaume Brac, Alice Diop, Arthur Harari) stellte. Sie fragten auf Französisch, er antwortete auf Englisch. Ein kurzer Auszug aus dem einstündigen Gespräch, das vor vollem Kinosaal stattfand und in dem Herzog mit seiner trockenen Art viele zum Lachen brachte.

Warum drehen Sie nicht in Deutschland?

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Es sollte niemand nervös machen, dass ich keine Filme in Deutschland drehe. Das habe ich früher gemacht, „Kaspar Hauser“ (1974) zum Beispiel. Aber: alle Filme, die ich gemacht habe, ob in Australien, Amerika oder Amazonien, sind bayerische Filme! Ich habe mein Land verlassen, aber nicht meine Kultur. Apropos Bayern: Der letzte bayerische König war Ludwig II. Man sagte ihm nach, dass er ein bisschen verrückt war. Er wäre der Einzige, der einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte machen können – in dieser Bedeutung ist der Ausdruck „bayerische Filme“ zu verstehen.

 

Sie leben in Amerika, haben Sie nicht geschaut, welche Dinge sich in Deutschland ändern?

Der amerikanische Traum funktioniert nicht. Es ist ein sehr zerbrechlicher Traum. Die Träume in meinen Filmen sind stabiler als in die in der Wirklichkeit. Deshalb ich froh dass ich Filme mache, die in der Gegenwart spielen und nicht in den 70er Jahren stecken geblieben bin. Viele meiner Kollegen, die ihre ersten Filme damals hier in der Quinzaine gezeigt haben, sind stecken geblieben, sie haben sich seit den 70er Jahren nicht weiterentwickelt. Der Einzige, der das Potenzial hatte, sich über die 70er hinaus zu entwickeln war – meiner Meinung nach – Rainer Werner Fassbinder.

Aber er blieb in Deutschland…

Ja, aber sein Deutschland war auch Bayern! Er war auch sehr bayerisch. Wenn man seine letzten Filme betrachtet, war er doch weit entfernt von den deutschen Zirkeln und der deutschen Art des Denkens. Er hatte etwas Wildes.
Nicht alles, was in meinen Film „Bad Lieutenant“ drin ist, stand im Drehbuch, da habe ich meine Fantasie eingebracht: Die Iguanas zum Beispiel, ich nahm sie rein, weil ich dachte, dann ist es mein Film, etwas Persönliches.

Wie haben Sie Ihre Karriere gesteuert?

Es gibt keine Zauberformel, und ich habe auch nie Karriere gemacht. Ich bin immer auf der Suche. Die meisten Filme kamen mit großer Vehemenz zu mir, sie waren nicht eingeladen. Sie kamen wie Einbrecher mitten in der Nacht durch die Küche!

Machen Sie einen Unterschied zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen?

Nein. Ich versuche, etwas tiefer zu graben, die Dokumentarfilme haben nicht nur Fakten als Grundlage, sondern auch etwas anderes. Ich suche eine tiefere Wahrheit, das geht nur durch Erfindung und Stil. Meine Kollege sagen oft: wenn man Dokumentarfilme dreht, soll man so sein wie die Fliege an der Wand. Aber im günstigen Fall bist du der Tresor in der Bank, die 50 Jahre lang nicht ausgeraubt wurde. Wir sind Filmemacher, keine Fliegen an der Wand, die stinken. Ob ich einen Dokumentarfilm oder einen Spielfilm mache, ist nicht so wichtig, es geht immer um den besonderen Blick, die Ekstase, die ekstatische Wahrheit. Die Filme müssen etwas Erhellendes haben. Ich habe wilde Sachen gemacht wie einen Film unter dem Feuer in Kuwait: „Lessons of Darkness“. Er beginnt mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Der Untergang des Universums vollzieht sich so wie seine Erschaffung – in großen Glanz.“ Aber es war gar nicht Pascal, der das sagte, sondern ich! Und Pascal hätte es auch nicht besser sagen können!

Andrea Dittgen

will

Sunnyboy Will Smith

Während die Deutsche in der Jury, die Regisseurin Maren Ade aus Karlsruhe, meistens ernst schaute, US-Schauspielerin Jessica Chastein meistens freundlich lächelte und Jury-Präsident Pedro Almodóvar viel zu viel redete, bezauberte er alle mit seinem Charme und seiner guten Laune bei der Pressekonferenz der Jury: Will Smith. Er war der Darling, antworte knapp, witzig und wahrscheinlich auch ehrlich. Das sagte er:
„Ich finde es toll hier zu sein, ich bin in Philadelphia aufgewachsen, das ist weit weg von Cannes. Aber schon damals habe ich davon gehört, Cannes ist das höchste Prestige, was Kino angeht. Ich bin hier um zu lernen. Wenn man das Niveau der Künstler hier sieht, dann weiß man nie, was bei den Diskussionen in unserer Jury herauskommt. Ich bin also aus ganz egoistischen Gründen hier. …
Da wir zwei bis drei Filme pro Tag sehen werden, versuche ich 32 verschiedene Anzüge auf dem Roten Teppich zu tragen. Ich will sexy sein wie in Südfrankreich üblich ist. …
Was die Netflix-Filme angeht. Ich habe Kinder mit 14, 17 und 24 Jahre. Sie gehen zweimal pro Woche ins Kino, und sie sehen Filme auf Netflix. Bei mir zu Hause hindert Netflix niemanden, nicht ins Kino zu gehen. Meine Kinder sehen manche Filme lieber im Kino und andere lieber zu Hause. Auf Netflix können sie Filme sehen, die sie nirgendwo sonst sehen können. Das trägt zu einem besseren Verständnis des Weltkinos bei.

Als der Anruf kam, in die Jury zu Cannes zu gehen, war ich begeistert und sagte: Yes!“ Mein Agent meinte: Da musst du zehn Tage da sein und zwei bis drei Filme pro Tag anschauen. Zwei bis drei Filme pro Tag – das schaffe ich. Das letzte Mal, als ich drei Filme an einem Tag sah, war ich vielleicht 14 Jahre alt. Ich gehe jeden Abend früh ins Bett, um morgens um 8.30 Uhr im Kino zu sein. Ich nehme die Juryarbeit sehr ernst und gebe mein Bestes. In der Jury zu sein ist besser als einen Film im Wettbewerb zu haben, dann schläft man viel schlechter.

Andrea Dittgen

Schleuse

Im Hochsicherheitsgebiet

Im Hochsicherheitsgebiet
„Die Sicherheit wird eine neue Stufe erreichen“, sagte David Lisnard, der Bürgermeister von Cannes vor dem Festival. Seit Mittwoch ist das Festival eröffnet, und man kann sehen, was es bedeutet: Die Straßen rund um das Festivalpalais sind mit Betonpollern und Absperrmarkierungen für den Verkehr gesperrt, nur die Limousinen der Stars dürfen durchfahren, aber die Fahrer müssen sich jeden Tag auf Neue eine Genehmigung holen. Auch Busse und Taxis werden umgeleitet. Aber, erste Ungereimtheit: Nach Mitternacht konnte ich mit dem Fahrrad völlig unbehelligt an zwei Polizistinnen vorbei ins Sperrgebiet fahren. Nun ja, es war der erste Tag, morgen wird bestimmt alles noch schlimmer. Auch für die Fußgänger. Es gibt nur wenige Stellen, an denen man die Straße vor dem Palais überqueren kann, wenn man eine verpasst, muss man einen halben Kilometer weit laufen, bis die nächste kommt. Weiße Absperrgitter und riesige Blumenkübel sorgen dafür, dass man nur einzeln auf dem Zebrastreifen bis vors Palais kommt. Und bis dahin wurde man bestimmt schon von mindestens zehn der 550 Sicherheitskameras – 150 mehr als im Vorjahr – erfasst, die in der Stadt verteilt sind.
Wer ins Festivalpalais will, muss sich den nächsten Hürden stellen. Am Eingang sind erstmals Tore und Schleusen wie am Flughafen aufgebaut. Sie sollen auf Metall und Sprengstoff reagieren. Wenn eins der Tore ausfällt, wie am Dienstag, als ich mich akkreditierte, muss, eben mal 20 Minuten warten, bis es wieder funktioniert und sich die lange Menschenlange langsam weiterbewegt. Hätte ich das geahnt, hätte ich das dicke neue Buch mitgenommen, in dem Festivalleiter Thierry Frémaux beschreibt, wie er seine Filme auswählt. Inzwischen bin ich schlauer und habe genug zum Lesen dabei.
Vor dem Schleusengang wird der Festivalausweis elektronisch gescannt und man muss man die Kleidertaschen leeren. Also Handy und Schlüssel raus, Jacken –nächste Ungereimtheit – darf man allerdings anbehalten, der Laptop darf in der mitgeführten Tasche bleiben, die – wie in den Vorjahren – auch reaktiv intensiv kontrolliert wird. Zumindest vorerst, im Vorjahr wurden die Taschenkontrollen von Tag zu Tag laxer, aber da war der Terror-Anschlag im nur 30 Kilometer entfernten Nizza noch nicht passiert (das war erst am 14. Juli), als ein Laster in die Menschenmenge raste und über 80 Personen tötete.
Die vielen Terrorattacken in Frankreich haben ihre Spuren hinterlassen. Natürlich ist es schön, zu erfahren, dass nicht nur Politiker die höchste Sicherheitsstufe genießen, sondern offenbar aus Filmstars und die Fachbesucher des Festivals von Cannes (Cannes ist kein Publikumsfestival!). Dennoch stimmt der Aufwand nachdenklich. Es gibt normaler Polizisten, Polizisten der CRS (harte Eingreiftruppe), Militärs, im Auto, zu Fuß und zu Pferd (damit man höher sitzt und einen besseren Überblick hat, wie zu erfahren war), auch jede Menge privater Sicherheitsleute, alle bewaffnet. Hubschrauber kreisen, Drohen wurden verboten, und jeden Tag gibt es eine Lagebesprechung der Sicherheitschefs. Zu den etwa 300 professionellen Bewachern kommen erstmals auch 500 Freiwillige und 80 sogenannte wachsame Nachbarn, die melden, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt.
Das Ganze sorgt jedoch nicht unbedingt dafür, dass man sich als Festivalbesucher sicher fühlt. Man wird das Gefühl nicht los, dass viel Symbolismus (Flagge zeigen gegen die Terroristen) und Aktionismus dabei ist. Denn wieso kommt mein rauchender Online-Portal-Kollege aus Speyer mühelos mit seinem Feuerzeug ins Palais, mit dem er in kein Flugzeug einsteigen könnte? Die Ungereimtheiten bleiben. Mal sehen, wie sie sich im Laufe des Festivals noch entwickeln.
Andrea Dittgen