Ein neuer Lubitsch!

Lang, Lubitsch, Murnau. Die drei größten Regisseure der deutschen Filmgeschichte. Nicht alles von ihnen aus der Stummfilmzeit ist erhalten. Umso größer ist jedes Mal die Freude, wenn ein verschollener Film auftaucht. Auch wenn es kein ganzer Film, sondern nur ein Fragment ist: in Bologna war am Sonntag „Der Fall Rosentopf“ (1918) von Ernst Lubitsch zu sehen. 18 Minuten des Dreiakters wurden gefunden und restauriert, Teile aus dem ersten und dem zweiten Akt, etwa eine Drittel der Komödie. Ein typischer Lubitsch, das heißt: ein früher Film, der schon mit Lubitsch-Touch hat: Aus alltäglichen Situationen werden in nullkommanichts komische.

Ernst Lubitsch als Detektiv Sally in seinem Büro in "Der Fall Rosentopf" Foto: Katalog

Ernst Lubitsch als Detektiv Sally in seinem Büro in „Der Fall Rosentopf“. Foto: Katalog

Lubitsch spielt den Detektiv Sally – wie so oft. Ein dicker Mann beauftragt ihn, herauszufinden, wer ihm einen Blumentopf auf den Kopf geworfen hat, weil er gegen ihn vorgehen will. Doch die Geschichte ist nicht wichtig, es geht um den findigen, listigen, aber auch etwas faulen Detektiv, der sich so gerne ablenken lässt. Sally verjubelt erst mal den halben Vorschuss mit vier jungen Mädels aus dem Büro mit Champagner, bevor er sich an die Arbeit macht. Der Auftraggeber ruft dauernd an: „Gibt es etwas Neues?“ „Nein, noch nicht“. „ Wann melden Sie sich wieder?“ „Wenn der Vorschuss alle ist“ sagt Lubitsch. Oder vielmehr die Untertitel. Es ist ja ein Stummfilm. Sally fragt nach dem Weg zum Ort des Geschehens in der Kaiserstraße. Der Straßenfeger vor seinem Haus gestikuliert und meint, nach rechts, nach links, über den großen Platz – und dann nochmal fragen. Sally geht los, weiß an dem großen Platz nicht mehr weiter, aber er sieht eine hübsche Frau, verfolgt sie – und landet wieder da, wo er gestartet ist. Doch irgendwie schafft er doch noch vor das Haus, wo der Blumentopf herunterfiel. Er will die Hausbewohner interviewen, fragt einen Mann, auf einem Balkon „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen“ und kassiert für die freche Frage eine Ohrfeige. Die trägt er mit etwa über 40 Mark in sein Ausgabenbuch ein. Dann wird er nass, weil eine Frau die Blumen auf dem Balkon daneben gießt. „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen“, fragt er die junge Frau. Sie verneint. Sally trägt nun etwas über 60 Mark als Schmerzensgeld in sein Ausgabenbuch ein. Er will sich abtrocknen und klingelt da, wo der Guss herkam – bei einer Tänzerin mit ihrem Hausmädchen. Der Detektiv und die Tänzerin kommen sich näher, sie tanzt für ihn – sogar Bauchtanz. Sie sind nahe dran, sich zu küssen, ihre Lippen sind nur noch wenige Zentimeter entfernt, da fragt Sally: „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen?“ und wird hinausgeworfen. Er geht – um wieder zurückzukommen. Doch aus der Liebesgeschichte wird nichts. Und aus dem Film auch nicht, denn da bricht das Fragment ab. Das  übrigens gar nicht so neu ist, auch wenn es in Bologna seine Uraufführung erlebte.

Es wurde schon 1987 als brennbarer Nitratfilm von einem privaten Sammler gefunden, landete dann im Staatsarchiv der DDR und damit nach der Wende im Bundesarchiv-Filmarchiv. Wo erstmals nichts passierte, denn der Titel des Films fehlte. Erst viele Jahre später wurde es identifiziert (die deutschen Filmarchive sind chronisch unterbesetzt, oft fehlt die Zeit, sich um die eigenen Bestände zu kümmern, das erklärt, warum noch längst nicht alles gesichert, geschweige denn identifiziert und restauriert ist, was nötig wäre). . Lubitsch ist ja ein markanter Schauspieler. Doch erst 2017 wurde es umkopiert, restauriert, digitalisiert, viragiert (einige Szenen sind lila eingefärbt, so war es im Original) und um einige Zwischentitel ergänzt. Nun muss man nur noch hoffen, dass sich auch die restlichen zwei Drittel des etwas eine Stunde langen humorvollen Stummfilms noch finden.

Andrea Dittgen

Wie Audrey Hepburn Billy Wilder rettete

Das Schöne an Festivals wie „Cinema ritrovato“ (das wiedergefundene Kino) in Bologna ist, dass man Filme sieht, von denen man vorher nicht wusste, dass es sie gibt. Zum Beispiel einen von Volker Schlöndorff: „Billy, How Did You Do It?“ einen Interviewfilm mit Billy Wilder von 1992. Ihn zu zeigen, ist gewagt, weil viele Filmausschnitte aus Hollywoodfilmen drin sind, deren Rechte einzukaufen, sich niemand mehr leisten kann. Wieso er trotzdem in Bologna lief? Es ist ein Mysterium. Schlöndorff machte nie Reklame für seinen Film, denn er ist halb illegal, lief aber am Samstag zur Festivaleröffnung.

Als der „Spiegel“-Autor Billy Wilder damals Billy Wilder in Hollywood traf für sein Buch „Billy Wilder – Eine Nahaufnahme“ kam Schlöndorff dazu, filmte und stellte auch Fragen. 30 Stunden lang. Wilder wollte nicht, dass der Film veröffentlicht wird, sagte Schlöndorff in Bologna. Er publizierte in trotzdem: bei der BBC (später lief er auch im WDR) liefen 183 Minuten in drei Teilen, das war einfach, da Wilder abwechselnd Englisch und Deutsch sprach und viele Anekdoten erzählte. Die schönste: Wie Audrey Hepburn ihn rettete. Statt der üblichen drei bis vier Seiten pro Tag habe er einmal nur eineinhalb Seiten Drehbuch geschrieben, erzählte Wilder. Zu wenig für einen langen Drehtag, doch das habe er im Vorfeld des Dreh von „Sabrina“ nur Audrey Hepburn gesagt. Er habe deshalb auch Szenen, die eigentlich beim ersten Mal schon im Kasten waren, mehrfach drehen lassen, aus anderen Blickwinkeln, um den Drehtag in die Länge zu ziehen, erzählte Wilder. Das habe gereicht bis fünf Uhr. Dann habe Audrey Hepburn gesagt: „Ich habe so schreckliche Kopfschmerzen, ich kann nicht mehr“. Damit war der Dreh für diesen Tag beendet. „Sie hat mich gerettet“, sagte Wilder, der in der wunderschönen Doku von Volker Schlöndorff noch mehr Geheimnisse verrät. Zum Beispiel über Marlene Dietrich und Humphrey Bogart.

 

Die drei Stunden vergehen wie im Flug. Im Kino und auf DVD ist der Film nicht zu haben, aber ein WDR-Mitschnitt ist in Häppchen im Internet, hochgeladen von einem gewissen Franz Kubelik. Den gibt es nicht, aber Shirley MacLaine heißt in Billy Wilders Film „The Apartment“ (der auch in Bologna zeigt wurde), Fran Kubelik. Alles klar?

Andrea Dittgen

Sag zuerst nein!

Cannes Tagebuch (11) 18. Mai 2018

Gary Oldman (60), der im Februar den Oscar als bester Hauptdarsteller für seinen Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“ bekommen hat, gab sich als eleganter und eloquenter Gesprächspartner mit britischem Humor beim Publikumsgespräch.  Er erzählte vor allem von seinen Anfängen. Sein wichtigster Rat, wenn ein Rollenangebot kommt: es erstmal ablehnen.

Gary Oldman (rechts) im Gespräch mit Douglas Urbanski, dem US-Produzenten, mit dem er seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet. Foto: Dittgen

Gary Oldman (rechts) im Gespräch mit Douglas Urbanski, dem US-Produzenten, mit dem er seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet. Foto: Dittgen

„Als ich 15 Jahre war, sah es eine Preview, ein britischer Film, „The Raging Moon“ (1971) mit Malcolm McDowell in der Hauptrolle. Da war etwas mit Malcolm und seinen blauen Augen. Als ich den Film sahn, waren die Lichter im Raum heller, es war eine spirituelle Erweckung. Für die Schauspielerei. Denn in der Schule habe ich keine Theater gespielt. Ich wusste, das will ich als Beruf machen.“

„Man sagt mir, ich müsse zur Schauspielschule. Ich suchte mir aus den Gelben Seiten ein Theater raus, das Camden People’s Theater und ging hin. Der künstlerische Direktor sagte: Du könntest Talent haben. Er nahm mich unter seine Fittische und trainierte mich die die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule.

„Ich bewarb mich an der Schauspielschule am Royal Theater – und die Antwort war: „Suchen Sie sich etwas anderes, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Wenn das nicht mit Schauspielerei nicht geklappt hätte, wäre ich gerne Astronaut geworden – oder Surfer.“

„Die Schauspielschule lehrt dich Disziplin. Manchmal kommen junge Schauspieler zu mir und bitten um Ratschläge. Da sage ich immer: Lerne deinen Text und sei pünktlich!“

„Die erste Filmrolle habe ich abgelehnt. Ich war naiv, ich habe viel abgelehnt. Mein Agent sagte: „Sie wollen dich für das Remake „The Bounty“, mit Mel Gibson, du sollst einen der Männer auf dem Schiff spielen“. Gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit, in der britischen Provinz Theater zu spielen. Das war mit lieber, ich lehnte ab. Und je häufiger ich ablehnte, umso mehr Anfragen für Filme kamen – mit viel Geld. Mein Ratschlag ist: Sag zuerst nein! Mein Agent sagte: „Du hast noch nie in einem Film gespielt, das musst du tun. Er drohte, mich fallenzulassen, wenn ich nicht in einem Film spiele!“ Es war nie in meinem Lebensplan, in Filmen mitzuspielen. Mein erster Film war dann „Rememberance“ (1982). Dann kam „Sid & Nancy“. Den habe ich zuerst auch abgelehnt. Ich glaube auch nicht, dass ich gut war.“

„Für den Film zu arbeiten, war ein Traum. Filmen war für andere, für Robert De Niro, Sean Connery, Gene Hackman. „Sid & Nancy“ habe ich gemacht, weil man  mir 35.000 Pfund bot.  Ich habe damals für 80 Pfund vor Steuern in der Woche Monat Theater gespielt. Und nun bot man mir 35.000 Pfund. Da dachte ich: oh, dann kann ich ja meine Küche machen lassen. Die Punk-Bewegung war nicht meine Sache, für mich war das nur Lärm, es interessierte mich nicht. Aber ich krempelte meine Ärmel hoch und arbeitete, ich las über Sid Vicious, ich hörte diese Musik, ich nahm ab – und dann packte es mich.“

„Die Antwort auf die Frage, welche Rolle ist als meine beste ansehen, ist immer gleich: die im nächsten Film.“

Andrea Dittgen

 

Der Unvorhersehbare

Cannes Tagebuch (10) 16. Mai 2018

Er ist jetzt 64, leicht ergraut und kommt mit Dreitagebart nach Cannes: John Travolta. Dort läuft „Grease“, der vor 40 Jahren ins Kino kam, und sein neuer Film „Gotti“, in dem er einen Mafiosi spielt. Doch die Goldende Palme für „Pulp Fiction“ 1994 ist natürlich auch ein Thema beim 90-minütigen Publikumsgespräch, das hier Rendez-vous heißt. Der Star gibt sich gutgelaunt, charmant und vollkommen ohne Allüren. Und er verrät, dass er mit dem europäischen Kunstkino aufgewachsen ist, mit den Filmen von Ingmar Bergman, François Truffaut und Jean-Luc Godard.

John Travolta beantworte viele Fragen aus dem Publikum. Foto: Dittgen

John Travolta beantworte viele Fragen aus dem Publikum. Foto: Dittgen

„Keiner hätte gedacht, welches Ausmaß der Erfolge von ,Pulp Fiction‘ in Cannes haben würde. Wir sahen ihn als kleinen Kunstfilm, der nur ein begrenztes Publikum anspricht. Und als wir hier waren, explodierte alles, der Film veränderte die Filmgeschichte und er veränderte meine Karriere. Truffaut und Lelouch hatten früher ähnliche Filme gemacht, das war eher eine Popversion davon.“

„Alle großen Regisseure haben eins gemeinsam: Sie vertrauen dem Schauspieler,  den sie sich ausgesucht haben. Die Regisseure machen ihre Hausaufgeben vor dem Dreh, Quentin Tarantino sah in mit immer einen unvorhersehbaren Schauspieler. Er sagte: ,Wenn ich Vorhersehbarkeit gewollt hätte, hätte ich einen anderen Schauspieler genommen. Ich wollte das Abenteuer.‘ Mike Nichols dachte genauso, John Woo dachte ebenso, Robert Altmann – sie alle machten sich keine Gedanken um das Spiel der Schauspieler, sie hatten mehr das Design und das Endprodukt im Auge.“

„Ich langweile mich mit mir. Es ist nicht so, dass ich mich nicht mag, ich bin okay, aber ich genieße es viel mehr, wenn ich in einen anderen Charakter schlüpfe. Am liebsten einen mit verschiedenen Schichten: Sie haben ein bestimmtes Körperverhalten, ein Sprachverhalten, ihr Aussehen ist anders. Das ist es, was mir Freude macht. Ich muss mich mit einer Rolle nicht identifizieren. Es war mir unangenehm, in ,Pulp Fiction‘ einem Mann den Kopf wegzublasen, aber ich war zuversichtlich, dass ich das ich das spielen kann.“

„Nach ,Pulp Fiction‘ konnte ich mir 25 Jahre lang meine Rollen aussuchen. „Grease“ war auch ein Erfolg – Benicio del Toro sagte mir, dass er als Kind den Film 14-mal gesehen hat – hatte aber keine so große Wirkung. Als Schauspieler gehe ich Risiken ein. Wenn ich das nicht tue, fühle ich mich nicht wohl. Wenn man mir eine Rolle anbietet, wo ich eine komplett andere Person spielen muss, dann inspiriert mich das mehr. Mein Lieblingsrollen sind diejenigen, die am weitesten von meiner Persönlichkeit entfernt sind. Ich beurteile die Figuren nicht moralisch, die ich spiele.“

„Ich arbeite gerne mit jungen Regisseuren zusammen. Sie haben oft mehr Leidenschaft als erfahrene. Es kommt immer auf die Visionen an. Und wer weiß, vielleicht ist ja ein neuer Tarantino dabei.“

Andrea Dittgen

Frauenquote im Film

Cannes-Tagebuch (9) 15. Mai 2018

Auf dem Weg zur Geschlechter-Parität

Die Phalanx der 82 Frauen auf den Stufen des Palais am Samstag war nur der Anfang. Die Frauen mit Jury-Präsidentin Cate Blanchett an der Spitze protestierten dagegen,  dass in den 71 Jahren, die das Festival besteht, nur 82 Regisseurinnen auf dem roten Teppich waren – gegenüber 1688 Männern. Das müsse sich ändern. Dem Protest folgten zwei Tage später schon Taten. Die drei Festivalmänner (auch da gibt es keine Frau), Festivalleiter Thierry Frémaux und die Leiter der unabhängigen Sektion Quinzaine des réalisateurs (Edouard Waintrop) und Semaine de la critique (Charles Tesson) unterschrieben als erste ein Dokument mit dem schönen Namen „Programming Pledge for Parity and Inclusion in Cinema Festivals“.

Die Charta passt auf eine Seite.

Die Charta passt auf eine Seite.

Im Beisein – wieder – von Cate Blanchett und der französischen Kulturministerin Françoise Nyssen wurde diese Charta unterschrieben. Darin verpflichtet sich Cannes als weltweit erstes Festival, die Liste der Mitglieder der Auswahlkomitees und der Programmteure transparent zu machen und daran zu arbeiten, dass es eine Posten-Gleichheit von Frauen und Männern gibt. Auch wollen sie einen Zeitplan festlegen, in dem die Geschlechter-Parität auf der Führungsebene und in der Verwaltung umgesetzt wird. Das Festival verpflichtet sich auch, eine Statistik anzulegen, wie es mit der Geschlechter-Gleichheit seit Beginn des Festivals aussieht. Diese Statistik soll es ab so sofort jährlich geben. Initiiert hat die Sache die französische Organisation 5050×2020, die für Geschlechter-Parität allgemein kämpft und auch den Marsch der Frauen organisiert hatte. Sie legte auch erste Statisten vor. Demnach kommt Cannes in den Jahren 2010-2018 auf einen Anteil von 10 Prozent, die Berlinale auf 17 Prozent und das Festival von Venedig auf 13 Prozent.  http://www.5050×2020.fr/etude/cannes

Das bei einer eigenen Zeremonie (Glamour muss auch da sein) unterzeichnete Dokument mag ein Meilenstein und eine Notwenigkeit sein, der sich andere Festivals anschließen werden. Aber wäre es nicht einfacher, einfach überall eine 50:50-Quote zu fordern und festzuschreiben? Das tut das Papier nicht und es nennt auch keine minimale Quote von Regisseuren, die für den Wettbewerb und die anderen Sektionen ausgewählt werden. Dabei hatte Frémaux im Vorfeld des Festivals stolz verkündigte, dass der Frauenanteil der Regisseure in Cannes bei 23 Prozent liege – obwohl er weltweit bei nur zehn Prozent liege. Auch habe das Festival in diesem Jahr mehr Frauen als Männer angestellt.

Die französische Kulturministerin (!) ging noch weiter und kündigte einen Fonds für Frauen in der Filmbranche an, der im September aufgelegt wird, um Regisseurinnen zu unterstützen, denn in Frankreich beträgt das Budget für einen Film von einer Frau durchschnittlich 2,6 Millionen Euro, bei einem Mann 6,5 Millionen Euro, ein Unterschied von 60 Prozent.

Die Chefin (!) des schwedischen Film Instituts, Anna Serner, kündigte daraufhin in Cannes an, dass von 2020 an die schwedische Filmförderung nur noch an Projekte von Frauen geht, wenn bis dahin keine Geschlechter-Parität erreicht sei.

Aus Deutschland kam keine Ankündigung, die Kulturstaatsministerin war nicht da.

Andrea Dittgen

Abschied von Pierre Rissient, dem „Man of Cinema“

Cannes-Tagebuch (8) 14. Mai 2018

Am Ende der 20-minütigen improvisierten Hommage kämpfte selbst Festivalleiter Thierry Frémaux mit den Tränen. Die Hommage galt Pierre Rissient. Er starb am 5. Mai im Alter von 81 Jahren. Das 71. Festival von Cannes ist ihm gewidmet. Denn viele Filme wären in den letzten 40 Jahren hier gar nicht gelaufen, hätte nicht Pierre Rissient die jeweiligen Festivalleiter so lange bearbeitet und mit seinem Enthusiasmus angesteckt, bis sie sich die empfohlenen Filme ansahen, ihm recht gaben und sie einluden.

So einen Mann wie Rissient gab und gibt es in Deutschland nicht. Der Pariser war alles: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Kritiker, PR-Agent, Kinomacher, Berater des Festivals von Cannes (und anderer Festivals), Filmenthusiast und Filmscout, vielleicht der beste Filmscout überhaupt. Er reiste zu Festivals auf der ganzen Welt, machte Entdeckungen und sorgte dafür, dass sie nach Europa kamen. Er brachte Clint Eastwood, Martin Scorsese, King Hu, Jane Campion, Sydney Pollack, John Boorman, Mike Leigh, Abbas Kiarostami und Hou Hsiao Hsien nach Cannes, um nur die wichtigsten zu nennen. Er war mit Fritz Lang befreundet (den er auf den Philippinen kennenlernte), mit Raoul Walsh und lebenslang auch mit Clint Eastwood. Ihn als Cinéast und Kritiker nicht zu kennen, war unmöglich. Er war der Einzige, der in Cannes ungestraft bei jeder Gala statt im Smoking in Jeans und schlabberigem T-Shirt  auf die Bühne kommen durfte, um seine Ansagen zu machen. Der sympathische dicke Mann mit der Glatze, in den letzten Jahren dann mit Krücken, später im Rollstuhl, machte dabei unmissverständlich klar: „Es reicht nicht, einen Film zu lieben – man muss ihn auch aus den richtigen Gründen lieben“. Das sagt er in der Doku, die der Amerikaner Todd McCarthy 1970 über ihn drehte („Man of Cinema“) und das sagte bei der Hommage auch Bertrand Tavernier.

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

„Es gibt Erinnerungen, Millionen Erinnerungen mit Pierre“, sagte der Regisseur und Historiker Tavernier, der 56 Jahren mit Rissient befreundet war und oft mit ihm und unzähligen Regisseuren zusammen saß: „Zum Beispiel mit John Ford, der erklärte, dass uns erklärte, dass er keinen Film mehr machen will, mit Raoul Walsh, der uns zeigte, wie man sich seines Produzenten entledigt (er spielte mit seinem Glasauge, ließ es in den Kaffee fallen und zog es dann wieder an). Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht und nicht jeden Tag einen Telefonanruf von Pierre gibt, der sagt: hast du diesen Film gesehen? Ich mag ihn. Magst du ihn auch so wie ihn mögen muss? Ich erinnere mich an sein Bedauern, dass es nie Anatole Litvak persönlich begegnete. Er interessierte sich für Filme aus der ganzen Welt, seine Neugier war unermesslich. Zwei Tage vor seinem Tod ruft er mich morgens an und sagt: Ich habe einen Western von Philip Garson wiedergesehen, das musst du auch tun. Wir haben viele Filme zusammen betreut, ohne dafür Geld zu nehmen.“

Rissient war zuerst Assistent von Henri Decoin, dann bei Claude Chabrols „Les Cousins“ (1959) und bei Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1959). In dieser Zeit gehörte er zum berühmtesten Filmclubs Frankreichs, den Mac Mahoniens – als Programmgestalter (mit Tavernier und anderen) im Pariser Kino Mac Manon holte er  die damals in Frankreich US-Regisseure wie Walsh, Otto Preminger,  Joseph Losey und Fritz Lang nach Paris und war mehr oder weniger ihr Pressegant. Jane Campion schickte einen Beitrag zur Hommage, dass sie ihm ihre Karriere verdankt. Todd McCarthy betonte, dass Rissient ihn auch mit seinem Wissen verblüffte. Selbst 50 Jahre, nachdem Rissient einen Film gesehen habe, habe Rissient ihn korrigiert, wenn er ein Detail falsch wiedergab.

„Er wird uns fehlen, er ist jemand, der uns beschützte“, meinte Thierry Frémaux. Clint Eastwood, Jerzy Schatzberg und Quentin Tarantino haben ein paar Worte zu seinem Tod geschickt.

Gilles Jacob, der langjährige Festivalleiter von Cannes berichtete, wie er Rissient n den 60er Jahren als Presseagent kennenlernte. Er machte Vorführungen in einem Kino mit einem langen Gang und sorgte dafür, niemand, dem der Film nicht gefiel, nicht vorher den Saal verließ. Später war er Filmscout für die großen Festivals in den USA und Asien und für Cannes. Ich nahm ihn hzu einer Geheimvorführung mit, unter der Bedingung, dass er versprach, Stillschwiegen zu bewahren. Am nächsten Tag rief Pierre die Festivalkoordinatorin Nada Bronson, um ihr zu sagen, dass er Film schlecht sei. Sie kennen mich doch, ich verspreche etwas, aber das hindert mich nicht daran zu sagen, was ich denke. Später wollte er immer als erster wissen, welche Filme wir für Cannes genommen haben und wen für die Jury. Das geschah nicht nur aus Neugier, sondern auch, um uns seiner Meinung nach vor Dummheiten zu bewahren. Und er hat uns vor vielen Dummheiten bewahrt. Das war Pierre“.

Bereits lange vor seinem Tod hatte Thierry Frémaux für die Reihe „Cannes Classic“ einen der beiden Spielfilme von Pierre Rissient programmiert: „Cinq et la Peau“ (1982) mit Fédor Atkin, der als Romanautor durch Manila läuft, diverse Sex-Abenteuer hat, sich dabei wie damals üblich ziemlich machohaft verhält und laut über das Leben nachdenkt. Frisch restauriert lief der Film nun als Abschiedsvorstellung (ab 30. Mai auf DVD).

Andrea Dittgen

Nicht ohne die Pfälzer!

Cannes-Tagebuch (7) Nachtrag zum  12. Mai 2018

„Könnt ihr mal ein bisschen ruhig sein da dahinten!“ Energisch schnappte sich Margarethe von Trotta das Mikro und versuchte gegen die große Geräuschkulisse beim Empfang von German Films anzukommen. „Man kommt  hierher, und alle reden, da kann ich auch gleich wieder gehen“, sagte sie, als sie auf der Bühne vorgestellt wurde – und ging auch wirklich gleich wieder. Die deutsche Regisseurin zeigt am Dienstag in der Reihe „Cannes Classics“ ihre Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ als Premiere. Was sonst. In Frankreich wird die 76-Jährige mehr gefeiert als bei uns, deshalb wurde sie eingeladen. Und natürlich weil Ingmar Bergman (1918-2007) vom Festival zu Lebzeiten noch als weltbester Regisseur gefeiert wurde und man nun seinen 100. Geburtstag feiert. Das sagte Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin von German Films, natürlich nicht. Hätte sich auch nicht so gut gemacht.

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

In diesem Jahr, da Deutschland keinen Film im Wettbewerb hat, war auch der Empfang bescheidener. Zumindest die Reden. Staatsministerin Monika Grütters war gar nicht erst gekommen, und Bernd Neumann, der Präsident der Filmförderungsanstalt, wollte wohl nichts sagen. So beschränkte sich Mariette Rissenbeek auf die vier Minuten, in denen sie einen kurzen Überblick gab, was in den letzten zwölf Monaten geschah, als alles in Cannes mit Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“  im Wettbewerb startete. Und wohl so mache der eingeladenen Produzenten, Schauspieler, Regisseuren, Filmschaffenden aller Art und Journalisten  dürften gestaunt haben, als Rissenbeek den Titel des weltweit erfolgreichsten deutschen Films nannte: die Koproduktion „A Stork’s Journey“ mit Richard dem Storch, eine Animation, ein Kinderfilm, ein ziemlich guter sogar. Ausschnitte konnte man – zusammen mit denen anderer deutscher Filme – auf der im Garten der Villa Noailles (der Mediathek) aufgebauten Leinwand sehen.

Dicht gedrängt standen die Gäste beim Empfang. Wie immer war die Musik ein bisschen zu laut, um sich unterhalten zu können (warum muss es bei solchen Empfängen eigentlich immer Musik geben, die Leute wollen doch reden?). Und wie immer war die Pfalz voll im Bild: als Weinsponsor, diesmal mit weißer Burgunder, Sauvignon Blanc, Rose und Spätburgunder Spätlese, alle trocken.

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Und wie immer traf ich Isolde Barth, der größte Filmfan unter den Pfälzer Schauspielerinnen. Die gebürtige Maxdorferin, die  schon mit Rainer Werner Fassbinder arbeitete, sieht immer elegant aus. Sie altert nicht, war im Vorjahr in einem Tatort zu sehen und kommt jedes Jahr nach Cannes, um Film zu schauen. Mindestens einen pro Tag, im Wettbewerb hat ihr der Film von Kirill Serebrennikov gut gefallen, aber sie  hat auch anderes auf ihrem Plan, etwa die besten deutschen Kurzfilme, die mit dem Short Tiger ausgezeichneten, die immer sonntags im Beisein der Nachwuchsregisseure im Filmmarkt gezeigt werden.

Die Schauspielerin Isolda Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes - seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

Die Schauspielerin Isolde Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes  – seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

In dem Auszug der Gästeliste, den die Presse vorab bekam, stand Isolde Barth seltsamerweise nicht drauf (dabei wird sie im August 70 und ist ein wichtiger Teil der deutschen Filmgeschichte), umso schöner war es, sie so gutgelaunt zu sehen. Auf der Gästeliste, das muss man der Fairness halber sagen, stehen natürlich vor allem die Namen derjenigen, die in diesem Jahr einen Film in Cannes präsentieren wie Wim Wenders und Ulrich Köhler,  und andere Prominente wie die Regisseurin Emily Atef, die vor kurzem den deutschen Filmpreis bekam für „3 Tage in Quiberon“ und ihre Kollegin Asli Özge (zuletzt drehte sie den Thriller „Auf einmal“), die ins Cinéfondation-Atelier des Festivals eingeladen wurde. Trotz des kühlen Wetters war die Stimmung bei dem abendlichen Empfang am Samstag gut, und ein paar mehr Häppchen als im Vorjahr gab es auch.

Andrea Dittgen

Handyman Godard

 

Jedes Jahr gibt es in Cannes einen Moment für die Ewigkeit, etwas, das man nie vergisst. In diesem Jahr war das die 45-minütige experimentelle Pressekonferenz mit dem Regisseur Jean-Luc Godard, der seinen Film „livre d’image“ im Wettbewerb zeigte: einen philosophischen Experimentalfilm. Godard kam nicht, warum er nicht wollte, wagte niemand zu fragen, immerhin ist er schon 87 Jahre alt. Er wollte aber per Videokonferenz Fragen in der Pressekonferenz beantworten.

Zuerst machten die Cannes-verantwortlichen klar: Er wird nur auf einem einzigen Handy zu hören sein, der Ton wird im Raum verstärkt, damit ihn alle hören können. Es gibt keine Projektion des sprechenden Godard, eigentlich gar kein Bild von Godard. Dann gab Gérard Lefort, als Leiter der Pressekonferenz Anweisungen: „Godard wird so freundlich sein, auf Ihre Fragen zu antworten. Per Telefon. Face Time. Wer eine Frage stelle will, geht vor das Mikrofon, sagt seinen Namen und ,bonjour‘, das ist nicht ausgeschlossen, und sagt für welches Medium er arbeitet. Am besten gehen Sie zu zweit ans Mikro. Jetzt.“

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: dittgen

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: Dittgen

Fabrice Aragno, sein Mitarbeiter und Verleiher hielt das IPhone hoch, in dem man dann doch JLGs Gesicht sah. Das Phantom war sichtbar, zwar nicht im ganzen Saal, wo etwa 100 Journalisten saßen, sondern nur für den Fragesteller am Mikro, aber immerhin. Der Meister wollte es so, keine Projektion auf große Leinwand nicht, nur quasi persönliche Gespräche. Eine absurde Situation, die zu seinen Filmen passt.

Doch dann sah man doch den Meister: man sah sein Gesicht, er rauchte eine Zigarre, es qualmte, er lachte. Dann warf er einen Blick in den Saal. „Das sind ja Geräusch wie beim Maschinengewehr“ meinte und lächelte. Maschinengewehre kommen auch in seinem Film vor. Die Schlange der  Fragesteller am Mirko wurde länger. Ein paar seiner Antworten (die Fragen sind egal, er antwortet nie direkt).

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Ich mache Filme. In meinem Alter bin ich mehr als Fakten als an allem andere interessiert. An dem, was passiert und was nicht passiert. Die Menschen sprechen mehr über das was passiert, aber das, was nicht passiert, kann zum Desaster führen.

Ich wollte das Film mehr auf einem Roman basiert. Und zeigen, dass die Araber nicht wirklich andere Völker brauchen. Sie haben das Rating erfunden. Sie haben Öl, mehr Öl als notwendig ist. Man muss sie allein lassen. Wir können ihnen  nichts diktieren. Ein Film wird nicht gemacht, um etwas zu diktieren. Die meisten Filme hier zeigen was, passiert. Die wenigsten zeigen, was nicht passiert. Ich hoffe, meiner zeigt, was nicht passiert. Man muss mit seinen Händen denken und nicht mit seinem Kopf.

Der Film hat einen langen Weg hinter sich. Der französische Produzent gab auf, und eine kleine Schweizer Firma sprang ein. Ich nahm die Einladung von Thierry Frémaux an, um Werbung zu machen um Geld zu finden, damit der Film fertig gemacht werden kann. In Frankreich will man ihn nicht aufführen. In den nächsten zehn Jahren wird er in wenigen Kinos zu sehen sein. Avantgardekinos werden  meinen Film zeigen. Es sind militante Kinos, aber es sollte eine freudige Sache sein.

Drehen ist Vergangenheit, die Archive haben Dinge, die von der Zukunft erzählen. Ich verstand schnell, das Wichtigste ist nicht der aktuelle Dreh, sondern der Schnitt. Man ist freier und kann mehr denken. Digitaler Schnitt wird mit der Hand gemacht das heißt: denken mit der Hand.

Man kann nichts ohne die Hände tun. Man kann den Kopf nicht bewegen, nicht essen, nicht Liebe machen. Deshalb beginnt mein Film mit den fünf Fingern, sie sind eine Hand.

In den letzten vier Jahren habe ich mehr Filme gesehen als Frémaux in seinem ganzen Leben als Festivalleiter. Ich will sehen, wie sich Töne und Bilder sinnvoll zusammenfinden in einem Film von mir. Es muss eine Art Geschichte.  Das Ziel war es, den Ton vom Bild zu trennen. Licht ist so wichtig wie bei den Impressionisten. Kunst ist Licht. Cézanne brachte Farbe rein, das hat mit Sprache zu tun, selbst wenn wir über Heidegger reden. Der Ton sollte nicht zu weit von den Bilder weg sei. Eine ideale Projektion ist ein Café statt einem Fernsehbildschirm. Sie sehen den Film als einen Stummfilm, der Ton kommt von hier und da aus dem Lautsprecher – und plötzlich merkt der Zuschauer im Café, dass Ton und Bild zusammengehen.

Die meisten Leute heute haben nicht den Mut, das Leben zu leben, das sie wollen und könne es sich auch nicht mehr vorstellen. Ich habe wenigstens en Mut, mir meine Leben vorzustellen. Das macht es möglich, weiter zu arbeiten. Und auf den Zug der Geschichte aufzuspringen.

Ich kann nicht über Putin sprechen, weil ich Herrn Putin nicht kenne, Herrn Macron und Frau Merkel auch nicht, Mich interessieren andere Dinge.

Am Anfang habe ich Filme gemacht mit Schauspielern, es ist eine Frage, ob man Spielfilme oder Dokumentarfilme macht. Es hängt von Politik ab. Bernard Lefort schrieb, die modernen Demokratien haben der Politik einen anderen Weg des Denkens gebracht. Sie tendieren zum Totalitarismus.

Andrea Dittgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Saudis zeigen, wie eine Filmindustrie entsteht

Cannes-Tagebuch (5) 11. Mai 2018

Als am 18. April 2018 die Saudis nach über 35 Jahren wieder ein Kino eröffnen durfte (mit „Black Panther“, zwei Kuss-Szenen wurden angeblichen dafür rausgeschnitten), war es seine Sensation. im Zuge der Re-Islamisierung (Wahhabismus, besonders strenge Auslegung des Islam)  hatte die Regierung von Saudi Arabien alles verboten, was mit Kino und Film zu tun hatte. Bestehende Kinos wurden geschlossen, im Land selbst entstanden keine Filme. Nun stürzt sich das Land in die Filmproduktion. Doch wie soll das gehen, wenn man so lange von der Filmwelt abgeschnitten war und praktisch bei null anfangen muss?

In Cannes lud die General Cultural Authority nebst dem neugegründeten Saudi Film Council (SFC) zur Pressekonferenz ins Hotel Carlton ein. Nobler geht es nicht. Was da verkündet wurde, war auch eine Sensation. 35 Prozent Basis-Filmförderung für internationale Produktion im Land plus 50 Prozent Förderung für alle weiteren Ausgaben im Land. Das ist selbst mehr als die Kanadier (bis zu 40 Prozent) zahlen, von der deutschen Filmförderung ganz zu schweigen.

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der general Culture Authority von Saudi Arabien erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der General Culture Authority von Saudi Arabien, erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

33 Millionen Bewohner hat Saudi Arabien, 70 Prozent sind unter 18 Jahren. „Wir haben die größte Social-Media-Dichte in der Welt“, informierte Ahmed Almaziad, der Geschäftsführer der Kulturautorität (seltsamer, aber korrekter Name, denn es gibt Zensur im Land). Der Aufbau der Filmindustrie ist eine von fünf Sparten im Unterhaltungsbereich, der die Abhängigkeit vom Erdöl mindern soll“. Wir wollen die jungen Talente im Land unterstützen, und wir haben Geschichten, die sehr alt sind, und nicht alle sind. Wir sind zum ersten Mal in Cannes, im Filmmarkt, um uns der Welt vorzustellen.“ Das tun sie mit einem Buch, das die Landschaften zeigt und anderen Beigaben, die man im Saudi-Pavillon bekommt.

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Die Grundförderung für Filme beträgt 35 Prozent der Produktionskosten, so Almazid. „Wir entwickeln Richtlinien, um über die 35 Prozent zu gehen. Und wir geben 50 Prozent Zuschuss, wenn im Land mit Einheimischen gearbeitet wird. Das ist ein Lockruf, nach Saudi Arabien zu kommen und hier zu drehen“.  Das gilt für Spielfilme, Animation, Dokumentarfilme, Drehbuchschreiben. „Der Markt wird exponentiell wachsen“. In den nächsten Wochen sollen die Richtlinien ausgearbeitet werden, auch was die Zensurbedingungen sind. „Dabei geht es darum, was in die Gesellschaft in Saudi Arabien akzeptiert, heute wird vieles akzeptiert, was vor zwei Jahren noch unmöglich war“, macht Almazid klar. Frauen dürfen sich westlich kleiden, das gibt es in bereits. Es gibt zwar keine speziellen Frauenprogramme, aber „die erfolgreichsten Filmemacher in Saudi Arabien sind Frauen, die Hälfte der Filmemacher, die wir zur Ausbildung ins Ausland schicken, sind Frauen, so SFC-Direktor Faisal Baltyuor.

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier und eine kleine Box mit Datteln. Foto: Dittgen

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier, Screening-Guide und eine Geschenkbox mit Datteln. Foto: Dittgen

Filme aus auswärts, die in den Saudi-Kinos laufen – bis 2030 sollen 350 Kinos für Hollywood- und Arthouse-Filme mit über 2500 Sälen entstehen – müssen jedoch wahrscheinlich über eine Verleih-Gesellschaft der Saudi-Regierung eingeführt werden (sonst könnten man nicht zensieren).

Bereits gestartet ist das Ausbildungsprogramm. Im Land gibt es (noch) keine Filmschulen, der Nachwuchs wird nach Amerika geschickt, zu Filmhochschulen und Meisterklassen nach Amerika und Frankreich. In Cannes sind die ersten elf Kurzfilme zu sehen.

Auch mit Deutschland (Filmhochschule Babelsberg steht man schon in Kontakt). Und nicht zu vergessen: Razor Film aus Berlin coproduzierte „Das Mädchen Wadjda“ (2012), den ersten in Saudi Arabien gedrehte Spielfilm, von der Regisseurin  Haifaa Al Mansour und kündigte in Cannes an, auch ihren zweiten Film „The Perfect Candidate“ zu coproduzieren, es ist der erste Film, der vom SFC gefördert wird.

Das hört sich zwar alles etwas großspurig, aber eben auch sehr spannend an, selbst wenn noch keine Summen und Filme genannt wurden. Denn während überall in Europa und Amerika das Kino auf dem absteigenden Ast ist und gegen Internet und Streamingdienste immer mehr Prozente verliert, gibt es nun ein Land im Orient, in dem die Kinoindustrie von null auf 500 im Eiltempo aufgebaut wird. Einen solchen Fall gab es praktisch seit der Stummfilmzeit nicht mehr.

Infos: www.film.sa

Andrea Dittgen

 

Der Mutter sei Dank!

Cannes-Tagesbuch (4) 10. Mai 2018

So absurd es klingt, angesichts des Selfie-Verbotes auf dem roten Teppich gibt es nun eine Anti-Selfie-Eingreifgruppe analog zur Anti-Terrorgruppe. Sie besteht aus Sicherheitsleuten und Festivalleiter Thierry Frémaux persönlich. Ein Kollege des Hollywood Reportes sah, wie Frémaux höchst selbst einer Frau beim Selfiemachen ans Handy griff, andere Besucher wurden von der Eingreiftruppe schon gewarnt, als sie einfach nur ihr Handy in der Hand hielten. Und dennoch war es wohl schon am Eröffnungstag einigen mutigen Frauen gelungen, Selfies auf dem Teppich zu machen, sie standen in einem Pulk, so dass die Sache nicht so überschaubar war. Inzwischen informiert sogar am Schild am Teppich-Eingang, dass man nicht gar fotografieren darf. Wahrscheinlich dauert es höchstens noch zwei Tage, bis bei der obligaten Taschenkontrolle – sie ist vor dem roten Teppich – gleich sämtliche Handys beschlagnahmt werden. Macht 2300 Handys pro Vorstellung. Wahnsinn!

„Wahnsinn“ sagt auch Ryan Coogler öfter – bei dem öffentlichen Künstlergespräch am Mittwoch. Mit 31 Jahren war der farbige Amerikaner der jüngste Filmemacher, dem die Ehre des Künstlergesprächs zuteilwurde. Drei Filme hat er bislang erst gedreht, Cannes war sein erstes europäisches Filmfestival 2013: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ gewann den Zukunftspreis in der Reihe „Un certain regard“. Sein zweiter Film „Creed: Rocky Legacy“, die Fortsetzung der Rocky-Geschichte mit Sylvester Stallone brachte Stallone eine Oscar-Nominierung ein. Cooglers dritter Film „Black Panther“, der zurzeit noch im Kino läuft, ist dem Einspielergebnis nach der viert erfolgreichste Film aller Zeiten. Doch Coogler bleibt offenbar trotzdem noch auf dem Teppich. Er lacht viel, sagt oft  „oh Man“ und erzählt ohne Allüren – und noch nicht ganz so wie ein allglatter Profi. Letzteres wird es wohl nie, dazu ist sein Akzent zu stark und ungewöhnlich (er wirkt wie ein Dialekt), auch stottert er leicht und gestikuliert wie eine Rapper. Beim Reden zoppelt er solange das Mikro am Anzugrevers zurecht, das ihn störte, bis die Techniker ihm entnervt ein altmodisches großes Mikro in die Hand drücken.

Künstlergespräch in Cannes. ryan Coogler (links) und der US-Kritiekr und filmhistroiekr Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Künstlergespräch in Cannes: Ryan Coogler (links) und der US-Kritiker und Flmhistoriker Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Und Coogler sagt Sachen, die man sonst nicht hört. Er ist in Oakland aufgewachsen, in der schwarzen Gemeinde. Dazu steht er und zu seinem Akzent. Er mochte Kino von klein auf, sagt der 1986 geborene und nennt als erstes „Star Wars“. Sein Vater schleppte ihn in Actionfilme. Doch wichtiger für die kleinen Ryan war die Mutter. „Sie war eine IMDB (Internet Movie Data Base“). Sie wusste genau, wer wann wo vorher schon mitgespielt hat“, erzählte Ryan. „Sie wusste, welche Filme gerade im Kino liefen. Sie nahm mich mit in Filme aller Genres.“ Und ihr ist es auch zu verdanken, dass es in all seinem Filmen starke Frauenfiguren gibt und er bisher nur mit Kamerafrauen und mit Cutterinnen arbeitete. „Frauen sind wichtiger als Männer. Sie sind die Chefs der Familie, sie sind sehr intelligent. Denn so war es auch in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, ich war umgeben von unglaublichen Frauen.“

„City of God“ (2002), der brasilianischen Kinder-Gangsterfilm, war der erste Film, den er mit Untertiteln sah. Er nannte „Ein Prophet“ (2009) von Jacques Audiard  und „Hass“ (1995) von Matthieu Kassovitz als wichtige Filme – und „Amores Perros“ (2000) von Alejandro Iñárritu. Was für einen Amerikaner dann doch überrascht.

Als er bei einem Treffen junger Regisseure, zu dem der farbige Schauspieler Forest Whitaker einlud, erzählte, dass er gerne die Geschichte des in der U-Bahn von einem Polizisten grundlos erschossenen jungen farbigen Oscar verfilmen würde, sagte Whitaker spontan zu, den Film zu produzieren. „Fruitvale Station“ gewann viele Preise. Nun sagte auch Sylvester Stallone, den Coogler bereits vor seinem Debütfilm die Geschichte von „Creed“ erzähl hatte, dem Nachwuchsmann zu. „Vorher konnte ich nichts vorweisen, jetzt hatte ich ja einen Film“, erklärt Coogler lachend. Noch weiter zurück geht Cooglers Idee, den Comic „Black Panther“ zu verfilmen. Den kannte er schon seit seiner Kindheit. „Zu diesem Film inspiriert haben mich vor allem die James-Bond-Filme und ,Der Pate‘,“ bekennt er.

Andrea Dittgen