Dre dreifache Tony Conrad

Das Licht flackert, sonst passiert nichts auf der Leinwand. Eine halbe Stunde lang. Es ist anstrengend zuzusehen („Flicker“, 1966).  Schwarz-weiße Streifen laufen von links nach  rechts, dann von oben nach unten und überlappen sich. „Straight and Narrow“ (geradlinig und eng) heißt der andere kurze strukturalistische Film, den der Amerikaner Tony Conrad 1968 drehte, beide sind heute Klassiker des Experimentalfilms. Mehr kannte ich nicht von Conrad (1940-2016, er starb im April), bis ich im Festivalkatalog las, dass er auch Mathematiker und Musiker war. Ein verkanntes künstlerisches Genie der Avantgarde? Der Film beginnt und endet damit, dass der 75-jährige mit einem Kranz von fünf Mikrofonen an einer belebten Straße steht und Geräusche aufnimmt.

Was er daraus hätte machen können, erfährt man in der Doku „Tony Conrad: Completely in the Present“ von Tyler Hubby peu à peu. Verzerrte, schräge Musik, die sich nur ganz allmählich ändert. Es klingt wie eine Mischung aus Minimal Music, Techno und Hardrock. Aber wir befinden uns in den 60er Jahren. Conrad spielte 1964 zusammen mit La Monte Young, John Cale, Marian Zazeela und gelegentlich auch Terry Riley in einer Gruppe namens „Inside the Dream Syndicate” in New York. Sie improvisierten stundenlang. La Monte Young nahm alles auf Tonband auf – und veröffentliche einiges später. Es war der Anfang  dessen, was später als Minimal Music, Neo-Dada, Fluxus und Noise Music bekannt wurde.

Die schrägen, minimal veränderten Klänge die Conrad damals auf seiner elektrisch angenommenen Geige erzeugte, entstanden schon vor denen von Glass und Co., die in den 70er Jahren als Minimal Music Furore machten. Conrad studierte in Harvard Mathematik und arbeitete als Computer-Programmierer, bevor er begann, sich in der New Yorker Experimentalszene  zu tummeln, erst mit Filmen, dann mit Musik  und so erfolgreich war, dass er Professor in Buffalo (Staat New York) wurde. Doch als Multi-Media-Avantgardist, der viele beeinflusste (er erfand den Bandnamen Velvet Underground), ist er nur wenigen bekannt.

„Conrad sagte, dass er mit seinen Freunden in den 60er Jahren einen Bereich erforschte, der später von Heavy Metal erforscht  wurde. Sie hatte nur noch nicht die Verstärker und die Technologie, um die nötige Lautstärke zu erzeugen. Tony Conrad setzte ein Pick-Up-Mikrofon direkt auf die Saiten, das veränderte die Harmonien, die er spielte, radikal. Das hatte einen physikalischen Effekt im Raum.  Ich habe viele seiner Konzerte aufgenommen und auch schon miterlebt, als ich jung war, es war verblüffend.“

Tony Conrad war ein multimedialer Künstler. Hubby kam 1993 mit ihm in Kontakt, als sein Mitbewohner Jerry Hunt in San Francisco ein Plattenlabel gründete und  Tony Conrads Aufnahmen mit der deutschen Band Faust (von 1974) veröffentlichte, die als verloren galten. „Jerry brachte das Album heraus, organisierte eine US-Tournee, und ich bot an, mitzufahren und alles auf Video festzuhalten“, erinnert sich Hubby in Wien. Er machte auf bei der Platte mit: „Ich sprach die Credits am Ende, es gab keine geschriebenen Stabangaben, nur 18 Seiten mit silberner Tinte, aber kein Text.“

„Ich begann vor 22 Jahren Tony Conrad zu filmen, immer wieder, bei Konzerten, bei Interviews, 2010 beschloss ich, einen richtigen Film daraus zu machen. Es gab kein Drehbuch, der Verkehrslärm, den er ganz am Ende des Films auf der Straße aufnahm, war eine spontane Sache“, erläuterte Hubby. In seinem Film geht er chronologisch  vor, auch Archivmaterial ist dabei. „Ich  versuche, die verschiedenen Tony Conrads zusammenzubringen: Es gibt Leute, die kennen nur Tony Conrad, den Filmemacher, andere nur die Musiker, und dann gibt es Leute, die nur Tony Conrad, den Professor aus Buffalo, kennen. Nur wenige kennen alle drei. Das er schon als Kind mit Tönen experimentierte, mit La Monte Young zusammen in den 60er Jahren improvisierte – all das wurde erst in den 90er Jahren bekannt. Ich war dabei, als es passierte, er ist Teil meines Lebens.“

Stummer Liebesbrief an Oliveira

„Mein Film ist ein Liebesbrief an Oliveira. Ich verdanke ihm alles“, sagt João Botelho (67), der zweitwichtigste portugiesische Regisseur  über Manoel de Oliveira, den wichtigsten, der im Vorjahr im Alter von 106 Jahren starb, mit 104 seinen letzten Film drehte (den Kurzfilm „Chafariz das Virtudes“ als Trailer der Viennale 2014) und noch etliche Filmideen in der Schublade hatte. Eine davon nahm sich Botelho. Mit „O cinema, Manoel de Oliveira a eu“ (Das Kino, Manoel de Oliveira und ich) drehte er eine ungewöhnliche Hommage. Er verfilmte eins der Drehbücher von Oliveira, zu denen der Meister nicht mehr kam – im typischen Oliveira-Stil – und kombinierte es mit persönlichen Erinnerungen und Ausschnitten aus Oliveiras Filmen.

Der Film beginnt mit einem Foto von Oliveira und Botelho von 1980, als Oliveira schon über 70 war und erst so richtig mit dem Filmen an fing und Botelho Tipps gab, wie er sich ehrfurchtsvoll erinnert: „Prostituiere dich um Geld fürs drehen zu bekommen, aber nicht, während du drehst. Mache keine Konzessionen“, das habe Oliveira gesagt. „und wenn du kein Geld hast für eine ganze Kutsche zu zeigen, dann zeige nur das Rad, das sich dreht“. Das sieht man auch im Film.

„Die Verbindung war eng“, sagte Botelho in Wien. „Es ist schade, dass viele seine Filme nicht kennen: die Kinderfilme, die Dokumentarfilme, die Spielfilme. Er war kinoverrückt, er machte Kino, keine Filme“, versuchte Botelho seinen Lehrer zu charakterisieren, den man einmal auch ganz allein im großen leeren Filmstudio des in den 30er Jahren gegründeten portugiesischen Ablegers der deutschen Produktionsfirma Tobis (Tonbild-Syndikat), wo Oliveiras erste Filme entstanden.

Botelhos Liebesbrief ist ein etwa 20-minütiger schwarzweißer Stummfilm: „Das Mädchen mit den Handschuhen“ mit Oliveiras Muse Leonor Silveira. Eine junge Frau rennt von zu Hause weg und landet in einem Bordell, wo sie großen Erfolg hat. Bis einer ihrer Liebhaber sie heiraten will, was nicht gut ausgeht, denn er hat auch andere Frauen, so dass sie ihn verlässt. Sie geht ins Bordell zurück, ist nun aber nicht mehr der Star, wird krank, landet auf der Straße und stirbt. Eine klassische Dirnentragödie, die ganz von Gesten und Blicken lebt und auch ein bisschen theatralisch ist – wie viele Oliveira-Filme – aber auch nicht so fesselnd wie bei Oliveira. Was auch daran liegen mag, dass er nicht Oliveiras Kameramann nahm. Botelhos Hommage ist ein typischer Festivalfilm, ins Kino wird er bei uns nicht kommen.

Léaud stirbt langsam

 

Wie genau der Sonnenkönig Louis XIV.  (1638-1715) starb, ist nicht bekannt. Aber er war 72, als er starb – so alt wie jetzt Jean-Pierre Léaud (bekannt aus den Filmen von François Truffaut), der ihn verkörpert. Doch deshalb hat ihn der spanische Regisseur Albert Serra (41), der 2013 den Goldenen Leoparden des Festivals von Locarno gewann, nicht ausgesucht. „Ich mag Léaud als Typ“, sagte er in Wien. Zwei Stunden lang spielt Léaud in „La mort de Louis XIV.“ (Der Tod von Ludwig XIV.) den sterbenden Sonnenkönig. Es ist ein Kammerspiel. Meistens liegt Léaud im Bett. Mit einer viel zu großen, weißen, sehr markanten Perücke, denn sie ist gescheitelt, so dass rechts und links ein riesiger Haarwulst liegen. So ist das Gesicht des Königs ganz klein. Permanent ist der König umringt von Ärzten, die sich streiten, was die beste Behandlung ist,  und seinen Dienern und Höflingen.  Alte und neue Ärzte probieren alles möglich aus gegen seinen schlimmen Wundbrand. Der König erträgt es geduldig, er lässt sich die Regierungsunterlagen ans Bett bringen, er lässt sich füttern und wird nie ausfällig, e bleibt immer ruhig und beherrscht, obwohl irgendwann das eine Bein ganz schwarz ist und er sich nur noch mühevoll im Bett aufrichten kann, um die Fragen seiner Minister zum Bau der neuen Festung zu beantworten und Entscheidungen zu treffen. Alle sprechen leise und ruhig, wie es der gediegenen roten Ausstattung des Zimmers (es spielt in Versailles, wurde aber nicht da gedreht) angemessen ist. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Im Prinzip ist der Film wie Minimal Music: Minimale Änderungen im Bild und in den Worten sorgen dafür, dass sich die Geschichte langsam und schlüssig weiterentwickelt. Bis der König stirbt.

Der Film ist gut gemacht – doch vor allem staunt über Jean-Pierre Léaud, den Star der nouvelle vague aus den 60ern, der sonst in den Filmen so lebhaft gestikuliert, lautstark redet und immer ein bisschen hektisch wirkt. Hier ist er ganz anders – und Serra verriet auch warum: „Ich habe ihn wegen seiner Physiognomie ausgesucht. Ich bin ein professioneller Nicht-Schauspieler, sagte er. Er ist ein bisschen verrückt und unschuldig. Er mochte die Idee, einen König zu spielen. Am Ende der Dreharbeiten sagte seinen Frau zu mir: Er ist jetzt wie ein König und sagt: Bring mir dies, bring mir das. Während des Dreh erfuhr ich, dass Léaud sehr bescheiden lebt. Er lebt in einer kleinen Wohnung, denn ich sagte zu seiner Frau: Warum behaltet ihr nicht das schöne Bett vom Film? Es ist zu groß für unsere Wohnung.  Ich fand heraus, dass sie in einer 40-Quadratmeter-Wohnung leben. Und wenn Léaud nicht arbeitet, also die meiste Zeit, dann liegt er fast den ganzen Tag im Bett! Deshalb kommt er im Film wohl auch so natürlich rüber, wenn er im Bett liegt.“ Der Film lief bisher nur bei Festivals und hat noch keinen deutschen Verleih.

Andrea Dittgen

Der unendliche Trintignant

Im Nachspann werden fast 150 Filmtitel genannt. Das ist viel bei einem Film, der 15 Minuten dauert: 10 pro Minute. Im Schnitt wechselt das Bild alle sechs Sekunden. Alle sechs Sekunden sehen wir einen neuen Filmausschnitt mit dem Schauspieler Jean-Louis Trintignant (heute 85) aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Found Footage, gefundenes Material (im Gegensatz zum selber gedrehten). Weiterlesen

Zappa auf dem Klo und in Berlin

Selbstverständlich hing in meiner ersten Studenten-WG das berühmte schwarz-weiße Plakat neben der Toilette: Es zeigte Frank Zappa (1940-1993), auf der Toilette sitzend. Damals, 1980, gehörte das zum WG-Outfit. Aber seine Songs kannte ich da schon, nicht nur „Bobby Brown“, seinen Musikfilm „200 Motels“ von 1971 hatte ich auch gesehen, aber nicht wirklich gemocht, er war mir zu chaotisch. Nun holt einem eine Doku in diese Zeit zurück: „Eat That Question – Frank Zappa in His Own Words“, heißt die Dokumentation des Stuttgarter Regisseurs Thorsten Schütte. Weiterlesen

Handke mag kein Erwartungsbrummen

Filme mit langen Titeln haben es schwer: „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ (Kinostart: 10. November) ist so einer. Immerhin hört er sich witzig an. Das ist schon mal ganz gut für einen Schriftsteller, der als schwierig bekannt ist. Der Österreicher ist jetzt 73, sieht aber älter aus. Er lebt seit 25 Jahren in seinem Haus in Chaville bei Paris und ließ die 62-jährige einfühlsame Dokumentarfilmerin Corinna Belz („Gerhard Richter: Painting“) an sich herankommen. Weiterlesen

Thome, der junge und der alte

Es war eine schöne Idee, dem Dokumentarfilm „Rudolf Thome – Überall Blumen“ einen frühen Kurzfilm des Regisseurs voranzustellen. „Stella“ (1968, 15 Minuten) erzählt von einem jungen Ehepaar. Er hat eine Affäre. Sie  ist wenig erbaut davon. Doch als er vorschlägt, seine neue Freundin in ihre Ehe reinzubringen, handelt sie sofort: Sie ruft diese Stella  an, um sich mit ihr zu treffen. Das ist ihm nicht recht, wie man schnell merkt. Hat ein bisschen mit Goethes „Stella“ zu tun, vor allem ist es so herrlich lässig und lakonisch inszeniert, wie es einem jungen Filmemacher (Thome war Ende 20, als er „Stella“ drehte) heute wohl gar nicht in den Sinn käme. Weiterlesen

Casey, die zweite Wahl

 

Zurzeit bin ich bei der Viennale, das ist das Filmfestival von Wien, das größte in Österreich. Verglichen mit Deutschland ist es allerdings eher ein kleines: Gespielt wird nur in sechs Sälen. Selbst in Saarbrücken, beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis, sind es zehn Säle, und manche Säle in Wien sind winzig (60 Plätze). Aber es ist ein sehr angenehmes, gemütliches Festival, wo nach dem Film auch eine gute halbe Stunde Zeit ist, um mit den Regisseuren zu diskutieren. Wie mit dem US-Regisseur Kenneth Lonergan (54) vom Eröffnungsfilm „Manchester by the Sea“ (Deutscher Start: 17. Januar) im wunderschönen Metro-Kino, das aus den 20er Jahren stammt und liebevoll restauriert wurde. Weiterlesen

Justin Timberlake bei seiner Show in Las Vegas. Courtesy of TIFF

Tanzen mit Justin

„Die Leute kommen zu meinen Konzerten, weil ich die ganze Zeit tanze“, sagte Herbert Grönemeyer, als er im Vorjahr auf der Berliner Waldbühne auftrat. Er war nonstop in Bewegung. Drei Stunden lang. Ganz so lang ist der Film „JT and the Tennessee Kids“ nicht, nur zwei Stunden. Aber Justin Timberlake rennt und tanzt und hüpft genauso. Weiterlesen

Hiam Abbass spielt im Remake von "Blade Runner" mit, das zurzeit gedreht wird. Courtesy of TIFF

Sie verhinderte, dass Spielberg Fehler macht

Sie ist eine  der wenigen Schauspielerinnen (und neuerdings auch als Regisseurin), hübsch und elegant, die in Asien, Europa und Hollywood Erfolg hat: Hiam Abbass, geboren 1960 in Nazareth (Palästina), aufgewachsen in Israel, lebt sie heute vorwiegend in Paris. In diesem Jahr war sie in dem Arthouse-Hit „Birnenkuchen mit Lavendel“ zu sehen. Zurzeit dreht sie das „Blade Runner“-Remake in Kanada, sagt aber nicht, ob sie einen Menschen oder einen Replikanten spielt. Weiterlesen