Coppola: Kino in der 5. Generation

Serien drehen will er nicht, stellte Francis Ford Coppola (80) bei seiner Masterclass klar. „Wenn ich Filme mache, dann gibt es Themen, die ich erkunden will, ich lerne immer noch,  Serien sind Industrieprodukte, bei denen die Algorithmen alles entscheiden. Eine künstlerische Arbeit muss aber unabhängig und persönliche sein so wie jeder Mensch einmalig ist.“ Coppola ist beim Filmfestival Lumière Lyon zu Gast, das ihn seinem Preis, dem Prix Lumière ehrt und dazu eine komplette Retrospektive seiner Regie-Arbeiten (plus einige seiner Kinder und seiner Frau) anbietet. Das Interesse ist groß, für die lange Nacht mit den drei „Paten“-Filmen wurden 5000 Karten verkauft – in Deutschland undenkbar. Um seiner Masterclass zu lauschen, standen Fans seit 9 Uhr morgens sechs Stunden Schlange. Auch das ist in Deutschland undenkbar.

Francis Ford Coppola (Zweiter von rechts) bei der Masterclass mit verbtardn Tavernier (Zwieter von links) und Thierry Frémaux (links) Übersetzerin Massoumeh Ladhidji (rechts). Foto: Dittgen

Francis Ford Coppola (Zweiter von rechts) bei der Masterclass mit Bertrand Tavernier (Zweiter von links), Thierry Frémaux (links) und Übersetzerin Massoumeh Ladhidji (rechts). Foto: Dittgen

„Ich bin kein Meister“, meinte  der fünffache Oscar-Gewinner. „Das Kino ist 120 Jahre alt, es ist eine Kunst, die viel zu jung ist um Meister zu haben, ich jedenfalls bin keiner. Martin Scorsese ist einer, er lernte das Filmemachen und er lehrt es.“ Aber nicht ohne Stolz zählte er auf, dass seine Familie seit den Anfängen dieser Kunst verpflichtet sei. Der eine Großvater habe das Vitaphone erfunden (ein frühes  Tonfilmverfahren in den 20er Jahren), der andere Großvater lebte in einem Kino in Italien, sein Vater Carmine, ein Flötist und Komponist,  habe Filmmusiken geschrieben, er selbst mache Filme und produziere, seine Kinder Roman und Sophia setzte er bereits als Kinder als Schauspieler ein, heute drehen sie selbst Filme und seine Enkelin Gia drehe gerade ihren zweiten Film. „Das sind fünf Generationen im Kino!“

Im Gegensatz Billy Wilder, von dem der Satz stammt: für ein guten Film braucht man erstens ein gutes Drehbuch, zweitens ein gutes Drehbuch und drittens  ein gutes Drehbuch, sagte Coppola: „Ein guter Film bracht zwei Dinge: ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler. Wenn ich höre, ein Regisseur hat das Beste aus seinen Schauspielern herausgeholt, dann stimmt das nicht. Der Schauspieler muss spielen, während die Arbeit des Regisseurs darin besteht, dafür zu sorgen, dass der Schauspieler alles hat, um gut zu spielen. Auch schätzt Coppola die Arbeit des Drehbuchautors nicht so hoch ein wie die des Romanautors: „Der hat die größte Arbeit geleistet, deshalb steht auch nur sein Name im Vorspann: Mario Puzos Der Pate“.

Und Coppola verriet, wie er, der als Junge Physiker werden wollte, zum Film kam. Im College, half er bei technischen Arbeiten in der Theatergruppe („Da waren die Mädchen“), dann im schuleigenen Kino. „Eines Nachmittags habe ich da einen Film gesehen. Er war stumm, aber durch den Schnitt  hatte ich dein Eindruck, dass es ein Tonfilmfilm ist. Der Film war „Oktober“ von Eisenstein. Danach habe ich dem Theater den Rücken gekehrt und mir gesagt, dass ich lernen will, wie man Filme macht.“

Andrea Dittgen

Ken Loachs politische Lehrstunde

Eigentlich will Ken Loach (83) nicht über seine Filme sprechen, sondern über Politik. So leitete Thierry Frémaux, der Leiter des Festivals Lumière von Lyon (und von Cannes, deshalb kommen die Stars auch nach Lyon, wenn er sie einlädt), die Masterclass mit dem britischen Regisseur ein. Und so kam es auch. Frémaux zur Seite stand eine linke Politikerin, Clémentine Autain (46), Tochter der Schauspielerin Dominique Laffont, als weitere Stichwortgeberin.

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux  (rechts). Foto: Dittgen

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux (rechts). Foto: Dittgen

Natürlich ging es, zwei Tage vor dem Ja des EU-Präsidenten zu Boris Johnsons Brexit-Vorschäge um das aktuelle Thema – das Loach schnell abhakt: „Der Brexit ist nur eine Ablenkung, denn unsere großen Problemen waren schon da, als wir noch in der EU waren und sie werden auch noch da sein, wenn wir nicht mehr in der EU sind. Wenn Jeremy Corbyn gewinnt, wird jeder Arbeiter in seinem Vertrag Arbeitsrecht haben und das Recht auf eine Sozialversicherung“, meint Loach, der in seinem letzten Film „Sorry We Missed You“ (ab 20. Januar in deutschen Kinos) das Leben und den täglichen Kampf eines freiberuflichen Paketboten in Großbritannien schildert, der von seinem prekären Job kaum seine Familie ernähren kann und immer tiefer in eine Abwärtsspirale gerät.

Auf das Thema kann er durch seinen vorangegangenen Film „I, Daniel Blake“ (2016). „Als wir in der Lebensmittelausgabe einer Tafel recherchierten, mussten wir erfahren, dass dort nicht nur Arbeitslose hingehen, sondern auch Menschen, die Arbeit haben, aber nicht genug verdienen, um Essen zu kaufen oder sie nur Essen für ihre Kinder kaufen und nicht für sich. Wir fanden heraus, dass zwei Drittel der neuen Jobs, 60 Prozent, in den letzten Jahren, prekäre Jobs sind. Diese Situation begann mit Margret Thatcher, die den Gewerkschaften Schaden zufügte. Sie gab den Arbeitgebern  grünes Licht: Die Arbeit ist wie ein Wasserhahn, den man aufdrehen und schließen kann.“

Loach, der immer auf Seite der Arbeiter war und in diesem Milieu seine Filme ansiedelt, erklärte auch, wieso ein so engagierter politischer Filmemacher wurde. Als er Mitte der 60er Jahre beim britischen Fernsehen arbeitete, sei sein politisches Interesse geweckt worden. Außerdem: „Damals war es sexy, links zu sein.“

Heute kämpft er immer noch gegen soziale Missstände, gibt sich aber auch kämpferisch gegenüber den Rechtsextremen: „Wir müssen verstehen, was passiert und woher es kommt, denn falsche Lösungen kommen dann, wenn man nicht versucht, den andere zu verstehen. Wir müssen gegen diese Ungewissheit kämpfen, zusammen, vielleicht auch durch Filme, denn Filme müssen die Komplexität des Lebens abbilden, die Freundschaft feiern, die Freude, die Zärtlichkeit, und funktionieren sie nicht. Sie müssen von Liebe handeln, von allem, was uns berührt, vom täglichen Leben und nicht nur vom Kampf: Es gibt quasi eine Nabelschnur zwischen unserer sozialen Situation und unserem Privatleben.“

Er rät, dem Slogan der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu folgen: handele, lerne und organisiere!“ Und er erklärte, warum der Fußball dabei wichtig ist: „Eine Fußballmannschaft steht für die Hoffnung und das Gemeinschaftsgefühl. Die Fans treffen sich, trinken ein Glas – da ist eine große Kraft der Vereinigung rund um den Fußball. Und bei den Fans gibt es eine Unterstützung, bei der auch mitmache: Sie sind Besitzer eines Clubs, des Fußballclubs von Bath, wo ich wohne. Das ist eine schöne Metapher für Sozialismus.“

Andrea Dittgen

Scorsese und die Mafia

„Am Ende war ich groggy“, sagte Martin Scorsese (76) beim Filmfestival Lumière in Lyon, dem dritten Ort nach New York und dem Londoner Filmfestival, wo er seinen neuen Film „The Irishman“ vorab zeigte. Eine Netflix-Produktion, mit dreieinhalb Stunden, die längste Netflix-Produktion bisher. Wahrscheinlich auch die treuerste. Und wohl Scorseses letzter Mafia-Film. Die Vorstellung im 2000-Plätze-Theater in Lyon war in 30 Sekunden ausverkauft, sagte Festivalleiter Thierry Frémaux. Scorsese war sichtlich gerührt.

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert "The Irishman" in Lyon. Foto: Dittgen

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert „The Irishman“ in Lyon. Foto: Dittgen

„Es hat neun Jahre gedauert, den Film auf die Beine zu stellen“, sagte Scorsese. Niemand wollte ihn finanzieren. „Es war ein Abenteuer“, meinte Scorsese, der freie Hand hatte und erreichte, dass der Film vor dem Streaming (ab 27. November) auch ins Kino kommt (in Deutschland ab 14. November).  „Eigentlich wollte noch ich noch einen Film mit Bob (Robert de Niro) über die Mafia machen, aber er hat mir das Buch gegeben („I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, Anm. d. Red.)  und war sehr emotional, als er es mit beschrieb“, erklärte Scorsese seinen Film über den Mafia-Killer Frank Sheeran.

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

„Er erzählte mir das Buch nicht nur, sondern spielte praktisch schon seine Rolle, so dass mir klar war, dass ich diesen Film machen musste, ob er nun gut oder schlecht wird. Bob, der Drehbuchautor Steven Zaillian und ich und das ganze Team, wir hatten Lust zu erzählen, wie die Zeit vergeht und wie das Leben sich verändert. Vieles hat mir Bob und mir zu tun. Ich dachte nicht unbedingt, dass der Film so lang werden würde. Heute kann man einen Film auf vielen Kanälen sehen, aber es ist wichtig, dass dieser Film ins Kino kommt. Wir Filmemacher müssten heute kämpfen, überhaupt Filme machen zu können und sie zu zeigen“. Sagt der große Scorsese.

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

„The Irishman“ schafft in 210 Minuten etwas Ähnliches, wie Francis Ford Coppola mit seinen mehr als doppelt so langen Dreiteiler „Der Pate“ (541 Minuten, er läuft bei Festival von Lyon auch zum Vergleich auch, in einer langen Nacht, Coppola ist auch Festivalgast): Zu zeigen, wie die Mafia arbeitet, wie man aufsteigt und auch wie man fallen kann. In Rückblicken erzählt der im Pflegheim lebende Mafia-Killer (1920-2003) von seinem Leben, dabei werden De Niro und Co. (Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel) fast permanent künstlich jünger und älter gemacht (was das Budget so hoch werden ließ). Doch es geht nicht um große Effekte und opulente Bilder wie beim „Paten“, Scorsese hat einen Arthouse-Film gedreht, einen mitreißenden Arthouse-Film, der auch eine gewisse Langsamkeit und Reflexion ausstrahlt (wie immer brillant  geschnitten von der inzwischen 79-jährigen Thelma Shoonmaker, die seit den 80er Jahren Scorseses Cutterin ist) und ein bisschen so wirkt, als sei es nicht nur Sheerans Abschied von seinem bisherigen Leben, sondern auch Scorsese Abschied vom Filmemachen.

Andrea Dittgen

Eine neue Hitler-Satire!

Er ist nicht echt, sondern nur eine eingebildete Figur eines kleinen Jungen namens Jojo Betzler. Immer wenn der zehnjährige ängstliche Bub, der sehr gerne ein Hitlerjunge ist, nicht mehr weiter weiß, fragt er Adolf Hitler um Rat. Der erscheint  prompt in seinem Kinderzimmer erscheint und spricht mit ihm.

Doch Hitler ist gar nicht der strahlende Held: die Uniform sitzt schief, das Bärtchen irgendwie auch, er ist immer zerstreut, und sehr hart mit dem kleinen Jungen, der Mühe hat, seinen Akzent zu verstehen. Das ist der Clou von “Jojo Rabbit“, der Satire des neuseeländischen Regisseurs Taika Waititi (44, „Thor: Tag der Entscheidung“, 2017), der beim Toronto International Film Festival den Publikumspreis gewann. Es ist nicht irgendein Preis, im Vorjahr gewann ihn „Greenbook“, der ein halbes Jahr später den Oscar für den besten Film gewann. Toronto gilt nicht zu Unrecht als Eröffnung der Oscar-Saison. Und Waihitis Film als später Nachfolger der Filme der britischen Komikertruppe Monty Python.

 Jojo (Roman Griffin Davis) beim Essen mit seinem imaginären Freund (Taika Waititi), und seiner Mutter (Scarlet Johansson). Foto: Kimberley French. © 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation

Jojo (Roman Griffin Davis) beim Essen mit seinem imaginären Freund (Taika Waititi), und seiner Mutter (Scarlett Johansson). Foto: Kimberley French © 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation

Es ist Krieg, der kleine Hitlerjunge Jojo hat Angst, auch wenn er mit seinem Freund, dem kleinen dicken mutigen Hitlerjungen zusammen ist. Und er weiß nicht so recht, was er tun soll, als er entdeckt, dass seine Mutter (Scarlett Johansson) ein jüdisches Mädchen im Haus versteckt. Hat Hitler (gespielt vom Regisseur) nicht gesagt, dass man diese Juden böse sind? Aber diese Elsa, ein paar Jahre älter als er, ist nett. Sie teilen die Liebe zu Schmetterlingen – und Jojo Rabbit (er heißt so, weil er es in einer Mutprobe nicht schaffte, ein Kaninchen zu töten) ist nun nicht mehr allein, denn seine Mutter, die Widerständlerin, kommt bald ums Leben.

Natürlich gibt es absolut lächerliche Kabarettfiguren wie den SS-Führer Klenzendorf (Sam Rockwell),  seine Assistentin Fräulein Rahm (Rebel Wilson) und den etwas depperten Gestapo-Chef Deertz (Stephan Merchant). Jojo in seiner Hilflosigkeit und Naivität übersteht alles, auch die letzte Kämpfe der Nazis und den Einmarsch der Amerikaner. Die Geschichte ist ohne große Logik, hat immer wieder humorvolle Wendungen und lebt trotz der Hollywood-Stars fast ganz von  Roman Griffin Davies als Jojo. Die amüsante deutsch-amerikanische Co-Produktion kommt am 23. Januar 2020 ins Kino.

Andrea Dittgen

 

Eddie Murphys großes Comeback

Das Hauptkino des Toronto International Film Festivals, das Scotiabank Theater, ein Multiplex mit 14 Sälen, weigerte sich, das zu spielen, was das Festival auch programmierte: Filme der Streamingdienste Netflix und Amazon. Natürlich liefen, eben in anderen Kinos. Denn schlecht sind sie ja nicht, Netflix-Produktionen wie die Panama-Paper-Geschichte „Laundromat“ von Steven Soderbergh und der Biopic-Spielfilm „Dolemite Is my Name“ von Craig Brewer.

Eddie Murphy als Dolemite. Foto: Courtesy of TIFF

Eddie Murphy als Dolemite. Foto: Courtesy of TIFF

Letzterer war die größere Überraschung, nicht nur weil Eddie Murphy (58), von dem man lange nichts mehr sah, die Hauptrolle spielt. Und er ist verdammt gut wie zu besten „Beverly Hills Cop“-Zeiten. Vor allem: Der neue Film ist eine bessere Hommage an die Blaxploitation-Filme der 70er Jahre, die frechen schwarzen B-Filme, als Tarantinos „Jackie Brown“ (1997). Obwohl auch Brewer ein weißer Regisseur ist.

Die Filmcrew auf dem Weg zum Verleihchef, der ihren Film rausbringen will. Foto: Courtesy of TIFF

Die Filmcrew auf dem Weg zum Verleihchef, der ihren Film rausbringen will. Foto: Courtesy of TIFF

Es geht um den schwarzen Komiker Rudy Ray Moore (1927-2008), den hierzulande keiner kennt, der aber in den 70ern in der schwarzen Community berühmt war: ein Standup-Comedian, ein Sänger, später auch Schauspieler und Produzent und einer der ersten Rapper, als es noch gar nicht so hieß. Er erfand eine Figur namens Dolemite, eine Art harmlosen Zuhälter, der nicht gerade jugendfreie Witze machte, die sich reimten, sie sang und selbst auf Platte presste und Vertrieb, weil das sonst niemand machen wollte.

Das Poster des Films und der Ausstellung während des Filmfestivals in Toronto. Foto: Netflix

Das Poster des Films und der Ausstellung während des Filmfestivals in Toronto. Foto: Netflix

Das Startkapital von 240 Dollar lieh er sich von seiner Tante, wie man in dem Film „Dolemite Is My Name“ erfährt. Dann tourt er damit durch die USA – und aus dem jungen schwarzen, der notorisch pleite ist, wird ein Szenestar. Bald tritt er in den exaltierten Anzügen auf – wie die reichen Weißen, die er immer wieder zu Lachnummern macht. Aber die Fans wissen ja, wie es gemacht wird.

Richtig wild, lustig und rundum unterhaltsam wird der Film dann, als Rudy beschließt, einen Film mit seiner Figur zu drehen. Freunde machen mit. Rudy heuert eine Crew an (Wesley Snipes spielt den Regisseur) und hat die Idee, wie er, der sexuell total schüchtern ist, dennoch eine wilde Sexszene hinbekommt: Kaum liegt die weiße Frau seiner Träume auf ihm, wackelt das Bett, aber auch die Bilder an der Wand, die mit Schnürchen hin- und her gezogen werden, der Kronleuchter fängt an zu schwingen und fällt herunter. Kurz drauf die ganze Zimmerdecke. So ist der Sex und trotzdem relativ stubenrein. Es wimmelt von solchen billigen, aber effizienten Szenen. Nur: kein Studio will den fertigen Film haben. Rudy mietet für 500 Dollar ein Kino, das einem Schwarzen gehört, macht ordentlich Reklame. Die Schwarzen stürmen das Kino, nach diesem Erfolg findet er einen Verleih – und der Rest ist Geschichte.

So unverschämt wie die echten Blaxploitation-Filme ist auch diese Hommage. Kostüme und Dekorationen sind einfach genial. Während des Festivals sind sie in einer Sonderausstellung zu sehen, was die Freude an dieser gelungenen Komödie noch erhöht. Gerade für die Weißen, die noch nie etwas von Rudy und Dolemite gehört haben. Einziger Wermutstropfen: Es ist ein Netflix-Film. Er wird in Deutschland nicht ins Kino kommen, ist aber ab 25. Oktober streambar.

Andrea Dittgen

 

Seberg gegen Garland

Früher waren Starporträt-Spielfilme chronologisch und meistens das ganze Leben umfassend. Das ist heute nicht mehr so, meistens beschränkt man sich auf einen Teil des Lebens. Wie bei den beiden Frauenporträts, die beim Toronto International Film Festival  zu sehen waren: „Seberg“ und „Judy“. Man erkennt unschwer, dass es sich um die Schauspielerin Sean Seberg (1938-1979) und die Sängerin und Schauspielerin Judy Garland (1922-1969) handelt. In beiden geht es um Fakten, die man so nicht weiß. Beide spielen 1968 und zeigen Frauen, die um ihre Leben kämpfen.

Sean Seberg, die kurzhaarige Ikone der Nouvelle Vague,  war in ihren letzten Lebensjahren Sympathisantin der Black Panther, sie traf sich mit Hakim Jamal, einem Black-power-Aktivisten, in den Endsechzigerin in den Staaten war, sie hatte eine Affäre mit ihm, sie spendete den Black-Panther-Stiftung Geld – und wurde für all das angefeindet, selbst von einem Teil der Schwarzen, die sie unterstützte. Benedikt Andrews Film zeigt Sean Seberg (Kirsten Stewart) als streitbare Nonkonformistin, die sich durchsetzt. Was in 1968 Jahren nicht selbstverständlich war.

Kirsten Stewart als Sean Seberg. Foto: Courtesy of TIFF

Kirsten Stewart als Sean Seberg. Foto: Courtesy of TIFF

Was den Film so spannend macht ist, dass er alles aus zwei Perspektiven zeigt: der von Seberg und der des FBI, das sie überwacht, kaum dass sie bei ihrer Ankunft in New York sich mit den Black-Panther-Leuten zusammen fotografieren lässt. Kirsten Stewart ist fantastisch gut als Seberg, Yvan Attal als ihr französischer, viel älterer Ehemann (sie war damals mit dem Schriftsteller Romain Gary verheiratet) ist eher eine farblose Nebenfigur, ebenso wie fast alle Figuren jenseits von Seberg und dem FBI-Agenten Jack Solomon, der zwar verheiratet ist, aber wohl auch heimlich verliebt in Seberg. Die beispiellose Hetzkampagne des FBI unter ihrem Chef Edgar J. Hoover stürzt Seberg schließlich in tiefe Depressionen, von den sie sich nie wieder erholt. Eine wichtige und sehr interessante Episode aus Sebergs Leben.

Renée Zellweger als Judy Garland. Foto: courtesy of TIFF

Renée Zellweger als Judy Garland. Foto: Courtesy of TIFF

So viel politisch Aufregendes bietet „Judy“ von Rupert Goold nicht. Wieder geht es um die letzten Jahre – hier um die Alkoholsüchtige Judy Garland (von Renee Zellweger großartig verkörpert, sie singt auch selbst und gut), die pleite ist. Deshalb sagt sie zu, als man sie 1968 in London fünf Wochen für einen täglichen Auftritt in einem Theater buchen will – auch wenn sie dafür ihre geliebte Tochter in den Staaten bei einem Freund zurücklassen muss. Der Film ist das Dilemma eines gefallenen Stars, und wenn er nur das ausgespielt hätte, wäre er überzeugendes. Aber immer wieder gibt es Rückblicke zu der kleinen Judy aus dem „Wizard von Oz“ und anderen früheren Episoden. Die sind nicht nötig und zerreißen den Film unnötig. Wie Seberg versinkt  auch Garland eine depressive Phase, von der sie sich nicht wiederholt. Vor allem sind da die Auftritte, in denen sie betrunken auf der Bühne hinfällt, aber auch schöne intime Moment mit einem schwulen Verehrer, aber das große stimmige Ganze dieser Theateradaption fehlt leider.

Andrea Dittgen

 

Nina, die Große

Nur vordergründig geht es in „Das Vorspiel“, dem neuen Film von Ina Weisse darum, einen jungen Musikschüler nach Art von „Whiplash“ (2014) so zu traktieren, dass er alles aus sich herausholt. Filme mit Musiklehrerinnen aus Deutschland sind eher Filme über die Lehrerin, sei es in „Prélude“, der vor einigen Wochen angelaufen ist – oder wie hier in „Das Vorspiel“, der beim Toronto Film Festival seine Uraufführung feierte.

Nina Hoss als Musiklehrerin in der großen Lebenskrise. Foto: Corutesy of TIFF

Nina Hoss als Musiklehrerin in der großen Lebenskrise. Foto: Corutesy of TIFF

Nina Hoss (44) spielt die strenge Geigenlehrerin Anna, die ein junges Talent gegen der Rat ihrer Kollegen an der Musikhochschule annimmt. Der etwa 14-jährige Alexander ist für sie die Hoffnung, ihn und damit auch ihre eigenes Leben zu formen, das aus den Fugen geraten ist. Denn sie hat einen zehnjährigen Sohn,  der bei einer Kollegin (Sophie Rois) Geigenunterricht hat, gleichzeitig aber auch Eishockey spielt, was nichts für die zarten Geigenhände ist. Anna forciert ihn, mit Alexander zusammenzuspielen, es geht nicht gut aus.

Dafür macht Alexander langsam Fortschritte unter Annas strenger Schule mit harten Taktübungen. Aber das geht Anna nicht schnell genug – und mit ihrem Privatleben ist sie auch unzufrieden. Sie lebt mit einem Geigen- und Cellobauer zusammen, lässt sich aber auf eine Affäre mit einem Lehrerkollegen ein, der sie dazu bringt, nach langer Zeit wieder in einem Kammerensemble mitzuspielen. Auch das geht nicht gut – und beim entscheidenden Vorspiel taucht Alexander nicht auf. All das ist durch die Augen von Anna gefilmt, die über ihr wahren Gefühle und Wünsche nicht spricht, weil sie selbst nicht weiß, was sie will.

Dieses Porträt  einer zerrissenen Frau in ihre 40ern, die irgendwann ausrastet,  spielt Nina Hoss als mitreißende One-Woman-Show, der man stundenlang zusehen könnte. Aber Neues erfährt man nicht, weder thematisch (da werden die Vorurteile vom Musiklehrer bestätigt, der zu viel will), noch optisch oder strukturell, den die anderen Charaktere bleiben doch sehr schwach.

Aber die Musik ist gut, die Rivalität, Eifersucht und Schadenfreude unter den Musiklehrern hat man im Kino selten so schöne herausgearbeitet gesehen. Wogegen die Tatsache, dass es mehrsprachig zugeht – Annas Mann ist Franzose  – milieutypisch ist und auch den zweiten Film mit Nina Hoss in Toronto betrifft, den bereits beim Festival von Venedig gezeigten Horrorfilm „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Beide Filme haben noch keinen deutschen Starttermin.

Andrea Dittgen

Der Mann mit dem romantischen Gesicht

Der Mann mit dem romantischen Gesicht

90 Minuten Publikumsgespräch mit einem Star – beim Festival von Toronto ist das seit einigen Jahren schon eine feste Reihe. Neuerdings wird sie kuratiert von Christoph Straub,  einem Rheinland-Pfälzer, der in Mainz studierte. Der lud den spanischen Schauspieler und Oscar-Preisträger Antonio Banderas (59) ein, damit er über seine Karriere und sein Leben spricht. Das tat er auch. Er sprach Englisch mit starken spanischen Akzent. Was er sagte, muss irgendjemand in Windeseile in den Computer eingetippt haben, denn mit nicht mal einer Minute Verzögerung erschienen seine Worte auf der Leinwand hinter ihm – eine in dieser Form auch für Toronto neue Form der Inklusion für die Hörgeschädigten.

Antonio Banderas (rechts) beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Antonio Banderas (rechts) mit Eugene Hermandez beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Banderas, der mit den Filmen von Pedro Almodóvar bekannt wurde, erzählte, wie sie zueinander fanden. Banderas war schon ein professioneller Schauspieler am spanischen Nationaltheater, und Almodóvar noch eine unbekannter Regisseur, der gerade seinen ersten Film im Kino hatte. Almodóvar kam in die Kneipe, schaute mich an und sagte: „Du hast eine romantisches Gesicht. Du solltest Filme machen“. Zwei Wochen später war er in Nationaltheater, sah Banderas auf der Bühne, kam nach der Vorstellung zu ihm und gab ihm ein Drehbuch: „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982). Banderas las es und sagte zu.

Es war ihr erster gemeinsamer Film, er sorgte für einen Skandal, weil sich darin zwei Homosexuelle küssen, was im katholischen Spanien damals schlimmer als jemanden zu töten, wie Banderas erklärte. „Es war ein Film, der viele Regeln brach“. Auch die nächsten Filme des Gespanns wurden kontrovers aufgenommen, „erst mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) sei Almodóvar im Mainstream angekommen. Und er Banderas, auch.

Banderas war 31, als er nach Hollywood ging und mühsam die Sprache lernte, wie er bekannte. Er sei in Hollywood immer in der spanischen Community geblieben – bis er vor kurzem wieder nach Spanien, in seine Geburtsstadt Málaga zurückkehrte, wo er ein Theater kaufte und renovierte, das am 14. November eröffnet mit „A Chorus Line“. Banderas wird den Direktor spielen.

Andrea Dittgen

Nicht ohne meine Tochter!

Das große Thema bei den Frauenfilmen im Toronto International Film Festival heißt: Mutter und Tochter. Dabei finden sich erstaunliche Konstellationen: Nach der Astronautin mit der kleinen Tochter in „Proxima“, kam in „My Zoe“ von und mit der Francoamerikanerin Julie Delpy (49) eine Mutter, die hilflos ansehen muss, wie ihre sechsjährige Tochter an einer Gehirnschädigung stirbt. Sie fiel auf den Kopf, als Isabelle, die Mutter, nicht da war, sondern nur das Kindermädchen, das diesen Vorfall verschwieg, weil es dachte, es sei nicht schlimm.

Isabelle (Juli Delpy) liebt ihre Tochter Zoe (Sophia Ally) abgöttisch. Foto: Courtesy of TIFF

Isabelle (Juli Delpy) liebt ihre Tochter Zoe (Sophia Ally) abgöttisch. Foto: Courtesy of TIFF

Isabelle (Julie Delpy, eine Chemikerin, also wie in „Promixa“ eine Wissenschaftlerin) und der von ihr getrennt lebende ausländische Vater James (Richard Armitage, auch das ist wie in „Proxima) sind verzweifelt. In der Klinik in Köln (auch „Proxima“ spielt teilweise da) macht eine Ärztin (Nina Kunzendorf,  in einer kleinen markanten Rolle) ihnen Hoffnung, die Eltern wachen abwechselnd am Bett, wo die im Koma liegende Zoe liegt. Als der Hirntod feststeht, müssen sie sich entscheiden, ob sie Organe zur Transplantation freigeben (was er will, sie nicht und sie streiten so heftig wie in „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman), vor allem aber entnimmt die Mutter der toten Tochter am Arm zwei Hautplättchen. Die bringt sie nach Moskau zu einem deutschen Arzt (Daniel Brühl, der überraschend hart ist), von dem sie gehört hat, dass er Klonversuche unternommen hat. Zuerst lehnt der Arzt entrüstet ab, dann macht er es doch. Isabelle, schon über 40, bekommt den Klon ihrer Tochter eingepflanzt, aber sie erleidet eine Fehlgeburt. Deshalb wird der zweite geklont Embryo von einer Leihmutter ausgetragen.

Eigentlich hätte der Film große Entrüstung auslösen müssen, denn das Klonen von Menschen im realistischen täglichen Leben ist neu im Kino (im Science-Fiction dagegen werden schon lange Menschen geklont) und überall verboten. Doch das passierte nicht. So wie Delpy spielt und inszeniert geht es vor allem um Mutterliebe, die alle Grenzen sprengt, um eine so große Liebe, zu der Männer nicht fähig sind, wie Isabelle einmal James vorwirft. Erst im Letzten Drittel des Films kommt das Klonen und die verrückte Mutter – als Nachfolgerin des verrückten Wissenschaftlers Dr. Frankenstein – mehr in die Blickwinkel. Und die ethnische Diskussion, denn die Frau des Arztes ist auch alles andere als begeistert über die illegalen Dinge, die ihr Mann macht. James auch. Doch nichts kann die Mutter von ihrem Plan abbringen. Dass der dazu noch total egoistisch ist, wird jedoch nicht diskutiert. Kein leichter Film, manchmal sogar ein Film, der einem richtig auf die Nerven geht, weil er lange so unsicher hin und her schwenkt, aber ein Film, der der Mutter-Tochter-Bindung neue Impulse gibt. Am 14. November kommt er ins Kino.

Andrea Dittgen

Die Astronautin

Sandra Die Französin Alice Winocour (43) begann die Recherchen für ihren neuen Spielfilm „Promixa“, der am 7. September beim Festival von Toronto seine Uraufführung feierte, in Deutschland. In Köln. Dort befindet sich das European Astronaut Center, das Astronauten fit macht für die Missionen der European Space Agency (Esa).  Und Astronautinnen, das ist wichtig, denn die Astronautin Sarah (Eva Green) steht im Mittelpunkt. Sie ist Französin, hat eine etwa siebenjährige Tochter, Stella (Zélie Boulant-Lemesle). Von Stellas Vater Thomas (Lars Eidinger), dem deutschen Physiker, der am Kölner Astronautenzentrum arbeitet, hat sie sich getrennt, weil der nur seine Arbeit im Kopf hat. Ausgerechnet er muss nun ran und Stella betreuen, als Sarah ausgewählt wird, mit dem Russen Anton und einem Amerikaner Mike (Matt Dillon) ins All zu fliegen.

So lange sich Sarahs Training in Köln abspielt, ist alles noch einfach, doch die letzten Monate wird vor Ort in Baikonur (Kasachstan) trainiert, der russischen Weltraumraketenbasis. Das ist zu weit für Stella und so lange der Schule fernbleiben kann sie auch nicht. Damit ist schon das Hauptproblem des Films umrissen: die Karrierefrau und die Tochter, um die sie sich gerne mehr kümmern würde, es aber nicht kann. Ein klassisches Frauenfilmthema.

Sarah, die Astronautin (Eva Green) kann ihre kleine Tochter nur durch die Glasscheibe zuwinken. Foto: Cortesy of TIFF

Sarah, die Astronautin (Eva Green) kann ihre kleine Tochter nur durch die Glasscheibe zuwinken. Foto: Courtesy of TIFF

Aber Winocour macht daraus eine spannende Geschichte mit quasi-dokumentarischen Szenen, die Sarah und ihre Kollegen beim Schwerelosigkeitstraining, beim unter Wasser simulierten Gang in den Weltraum für Reparaturarbeiten und anderen körperlich anstrengenden Übungen zeigt. Sie sind der ruhige Part des Films. Immer wenn es um Sarah und Stella geht, ist die Ruhe dahin. Der stets etwas hilflos wirkende Thomas (Eidinger versucht mit Green Französisch zu sprechen, was nur leidlich klappt, das kleine Mädchen hat mit dem Sprachenwechsel dagegen keine Probleme) wird von Stella nicht so richtig akzeptiert, dafür die Betreuerin der Esa (Sandra Hüller, auch mit mühsam klingendem Französisch), die hilft, dass Vater und Tochter die Mama besuchen können.

Wenn Stella auf der Raumstation rumturnt und Sarah sie in den Arm nehmen kann, ist alles gut. Aber diese Momente sind rar. Was Stella nicht gefällt und Sarah auch nicht. Sie fühlt sich einsam und freundet sich mit Mike an, der der gleiche Typ wie Thomas ist und immer über irgendwelchen Berechnungen brütet, aber zur ihrer Überraschung viel Verständnis für ihre Situation hat. Dennoch sieht man Sarah immer mit sich ringen: Soll sie den Weltraumtrip aufgeben? Oder ihre Tochter? Immerhin findet Winocour eine schöne Lösung für alles. Gerade weil sie nur selten auf die Tränendrüse drückt, und auch die Perspektive des Kindes zeigt, wird alles glaubhaft und emotional fesselnd zusammengehalten von der wunderbar zurückhaltenden Musik von Ryuchi Sakamoto.

Doch wer denkt, dass die Mutter-Kind-Geschichte von „Promixa“ (so heißt die Weltraummission) aus der Luft gegriffen sei, wird beim Abspann eines Besseren belehrt: da sind man Astronautinnen der vergangenen 50 Jahren mit ihren Kindern. Und man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: dass es schon so lange Astronautinnen gibt, von denen man nie etwas gehört hat – oder dass sie Mütter sind.

Andrea Dittgen