So erinnert man sich richtig!

Er ist über sich hinausgewachsen. Pedro Almodóvar drehte diesmal keinen schrillen, witzigen, dialogreichen, superschwulen Film. „Leid und Herrlichkeit“, im Wettbewerb von Cannes, ist einer der schönsten (autobiografischen) und kunstvollsten Filme über das Älterwerden und das Sich erinnern seit Fellinis „Achteinhalb“ (1963). Dabei keine Tränen zu vergießen, ist nicht einfach, denn Almodóvar inzwischen 69, macht vor, wie man sich den Erinnerungen nähert. Antonio Banderas als sein alter Ego ist ein Filmregisseur, der nicht mehr dreht, weil sein Körper so viele Leiden hat, dass er das nicht mehr durchstehen würde. Als dieser Mann namens Salvador Mallo gebeten wird zu seinem größten Erfolgsfilm, der restauriert wurde und wiederaufgeführt wird, zu sprechen, denkt er an seinen ersten Lover Alberto, der damals die Hauptrolle spielte, schlecht spielte, wie er fand.

Antonio Banderas (rechts) als Regisseur Salvador und Asier Exteandria als Schauspieler Alberto treffen sich nach 30 Jahren wieder. Foto: FDC

Antonio Banderas (rechts) als Regisseur Salvador und Asier Exteandria als Schauspieler Alberto treffen sich nach 30 Jahren wieder. Foto: FDC

30 Jahre hat er nicht mehr mit ihm geredet, doch nun sieht er die Sache anders, und fährt zu ihm. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten klappt die Versöhnung, nicht zuletzt weil der Freund von früher Salvador Heroin anbietet.  Das ist das eine. Immer wieder sieht Salvador seine vor vier Jahren gestorbene Mutter vor sich, die er verehrte und die in seinen Filmen mitspielte. Zwar gibt es eine Frau, eine Art Freundin, die sich um Salvador kümmert, aber die kann seine Mutter natürlich nicht ersetzen, die Salvador immer wieder vor Augen hat – als alte Frau und als ganz junge (Penélope Cruz), die in Valenzia am Fluss Wäsche wäscht und ein besseres Leben für ihren Jungen will. Bis in die Kindheit gehen die Rückblenden. Die ersten schwulen Erlebnisse sind dabei. Die ersten Filmerfolge Und dann wird auch Salvador von einem schwulen Freund, seiner großen Liebe, die ihn irgendwann verlassen  hat, und den er auch jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat. Alles zusammen gibt ihm die Kraft und den Wusch wiedereinen Film zu drehen. „Drama oder Komödie?“ fragt der Arzt, der ihn operiert. „Das  „Das weiß man erst am Ende“, sagt er und meint damit sein ganzes Leben.

Mal ist es ein altes Plakat, das die Erinnerung ins Rollen bringt, mal eine Geschichte, die er vor länger Zeit schrieb, und wie wagte, sie zu veröffentlichen, weil sie zu persönlich war. Mal ist es die Einladung zu einer Ausstellung mit einem Aquarell, das in seiner Kinderzeit gemalt wurde, das Salvador in Rückblicken durch seine Leben führt und ihn in der Gegenwart endlich wieder aktiv werden lässt, nachdem er sich schon aufgegeben hatte. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass der Film immer poetischer und persönlicher wird, ohne in die üblichen Klischees und Sentimentalitäten zu fallen. So wie Almodóvar möchte man sich selbst auch gerne an die Vergangenheit erinnern (können), schießt es einem irgendwann durch den Kopf.  So einen ruhigen und melancholischen Film hat man Almódovar (der schon einen Oscar als Drehbuchautor hat) ganz bestimmt nicht zugetraut. Man spürt sofort, dass man ein Meisterwerk sieht. Einen Favoriten auf die Goldene Palme. Die fehlt ihm noch (Kinostart: 25. Juli).

Andrea Dittgen

Laurie im Wunderland

 

Wenn sie lacht, sieht die Frau mit dem Topf-Hütchen aus wie ein Schulmädchen, dabei ist sie 71: Laurie Anderson. Amerikanerin, Musikerin, Komponistin, Filmemacherin, Kultstar. Sie ist in Cannes, um drei Virtual-Reality-Arbeiten in der Sektion Quinzaine des Realisateurs vorstellen. Mit dem Koreaner Hsin-Chien Huang („er ist mein Gehirn“, sagte Anderson bei der Eröffnung) entstanden nicht einfach nur drei VR-Filme, sondern ein ganzer Kosmos. Die Basis sind Buchstaben und Wörter. Schwarz auf Weiß, hat Laurie Anderson den Gang im Künstlerhaus von Cannes mit Wörtern und Sätzen bemalt. Das sieht aus wie bei den jungen Streetart-Künstlern, die „The Haus“ in Berlin bemalten, also auch den Boden, die Decke, die Wände, alles.

Laurie Anderson und Hsin-Chien Huang bei der Eröffnung der VR-Installation in Cannes. Foto: Dittgen

Laurie Anderson und Hsin-Chien Huang bei der Eröffnung der VR-Installation in Cannes. Foto: Dittgen

In „Chalkroom“ (Kreideraum) setzte sich die Bemalung logisch fort. Der VR-Film ist auch schwarze-weiß. Beschreiben Blöcke tun sich wie Hochhäuser, Straßen und Schluchten mit schwarzem Himmel vor dem Besucher auf. Der sitzt im Sessel mit einer überraschend leichten VR-Brille mit integrierten Kopfhörern und kann sich gut bewegen. Denn er kann selber zeichnen mit einem Joystick, woraufhin Ketten von Wörtern an die Wand gemalt werden. Er kann bestimmen, ob er in den Wald will, ans Wasser, ins All, ob er fliegen will, er kann die Buchstaben zu Staub machen, so dass sie sich auflösen und den Prozess wieder umkehren. Alle Wörter und Sätze zu lesen, ist unmöglich. Diese wie die anderen beiden VR-Erfahrungen werden nach zwölf Minuten abgebrochen, obwohl man ganze Tage darin verbringen könnte. So faszinierend ist die interaktive Welt der beiden Avantgarde-Künstler, die nicht auf der Erde bleiben.

In „Aloft“ sitzt der Besucher virtuell ganz allein in einem Flugzeug, das sich immer mehr in seine Bestandteil auflöst wie bei einem Crash. Während man im Weltall herumtreibt fliegen Gegenstände  auf einen zu: eine Muschel, eine Box, ein Kugel, ein Stein, ein Handy. Mit zwei virtuellen Händen, die erscheinen, wenn man seine echten Hände ausstreckt, kann man versuchen, sie zu greifen und hört dann Szenen von den Besitzern. Die andre erzählt von der Mutter, die andere ruft ihr Kind. Nicht unbedingt wie bei den letzten Minuten vorm Sterben, eher fröhlich und lebendig.

„To the Moon“ ist wieder schwarzweiß. Ein Flug durch ein fantasievolles Weltall, in dem es zwar Sterne gibt, als auch Eisberge, DNS-Strukturen und kristallartige Gebilde. Bis man auf dem Mond landet und wieder interaktiv werden kann. In alle Himmelrichtungen kann man fliegen, schnell oder langsam, man hat es in der Hand. Und irgendwann tauchen auch die Buchstaben wieder auf. Nur Menschen gibt es in den VR-Arbeiten nicht.

„Es ist die einzige Kunstform, in dem man fliegen kann, das begeistert mich daran§, erklärt Laurie  Anderson (letzter Kinofilm „Heart of a Dog“ 2015) ihr vor zwei Jahren erwachtes Interesse an VR. Die Installationen sind meistens in Museen zu sehen, aber auch bei High-Tech-Treffen und Festivals wie jetzt in Cannes. Wer kann, sollte sie sich unbedingt ansehen, sie sind ähnlich brillant wie es 2017 in Cannes die VR-Installation „Carne y Arena“ von Alejandro González Iñárritu war, der von realen Menschen, von Flüchtlingen handelte.

Andrea Dittgen

„Rocketman“ hält die Balance

 

Kongenial: Tager Egerton als Elton John in "Rocketman". Foto: FDC

Kongenial: Tager Egerton als Elton John in „Rocketman“. Foto: FDC

Natürlich hätte das Blockbuster-Biopic „Rocketman“ die Premiere in Cannes nicht gebraucht. Dass der Film ein Hit wird, egal wie gut oder schlecht er ist, ist von vornherein klar. Denn jeder kennt und liebt mindestens einen Song von Elton John und ist angetan von diesem schrillen Paradiesvogel der Unterhaltungsmusik. Dexter Fletcher (53), der als Ersatz-Regisseur schon das Biopic „Bohemian Rhapsody“ (2018) über Freddie Mercury rettete, was vier Oscars zur Folge hatte, schafft es erneut, eine stimmige Balance zwischen Mythos, Show, Musik und den privaten Katastrophen zusammen zu mischen.

Am Anfang sitzt Elton John als reuiger Sünder im roten Teufel-mit-Flügeln-Kostüm in einer Sitzung der anonymen Alkoholiker und erzählt sein Leben. Rückblenden also, episodenhaft. Aber signifikant, beginnend mit dem Steppke, der von seinem nicht geliebt wird und seiner Mutter eher gleichgültig ist, der sich als Klaviertalent entpuppt und ein Stipendium am königlichen Konservatorium bekommt. Wunderschöne Szenen erklären, wie Elton sich seinen Namen gab und wie die wunderbare lebenslange Freundschaft zu seinem Texter Bernie Taupin (Jamie Bell, sehr überzeugend) entstand: zwei Jungs Anfang 20 treffen sich in einem Café, weil Elton die Texte mehr zufällig von einem Produzenten in die Hand gedrückt bekam, und dem Musikgenie fallen sofort die Noten dazu ein. So einfach kann es sein. War es vielleicht sogar. Alles, in diesem Film ist irgendwie echt und so geschickt nachgestellt, dass man oft staunend dasitzt.

Der Clou sind immer die Elemente, die man nicht unbedingt erwartet. Wie der Start der US-Tour des noch völlig unbekannten Talents im Club „Troubadour“ in L.A., wo Elton Schiss hat aufzutreten, weil Stars im Publikum sitzen. Bernie muss den schüchternen Jungen erst aus der Toilette herausholen.  Solche Momente sind einfach genial. Die Songs von Elton John sind es auch, selbst wenn sie nur angespielt werden. Dass ausgerechnet zwei ruhige wie „Border Song“ aus den Anfängen und „Your Song“ komplett vorkommen, zeigt, dass Fletcher sich bemüht, zu zeigen, dass die Brillen- und Kostümticks nur Fassade sind und Elton John helfen, sich von seinen Problemen abzulenken. Von den Drogen und den Problemen mit seiner Homosexualität. Seine kurze Ehe mit der deutschen Tontechnikerin Renate Blauel ist dabei, die Liebesbeziehung mit seinem Manager, mehrere Drogenexzesse. Im Sauseschritt geht es durch sein Leben – wobei die Songs zeitlich nicht immer hundertprozentig passen, aber das ist künstlerische Freiheit. Wichtig ist, dass kein Playback zu hören ist, sondern der britische Hauptdarsteller Taron Egerton (28) selbst singt. Sehr gut singt. Geradezu kongenial verkörpert er den Star. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er dafür keinen Oscar bekommt.

Doch so unterhaltsam, atmosphärisch mitreißend  und musikalisch überzeugend der Film auch ist: Er  schafft es nicht, emotional packend zu sein, also so brillant zu sein, dass man an nichts anderes mehr denkt als an das, was man auf der Leinwand sieht. Das liegt an Elton John selbst. Der x-fach Prämierte lebt ja noch – nun 72 Jahre, glücklich mit einem Mann verheiratet und mit zwei kleinen Kindern –  und er ist der ausführenden Produzent. Was auch bedeutet, dass er natürlich nicht zulassen kann, dass ein Film über ihn besser ist als er selbst. (deutscher Kinostart: 30. Mai)

Andrea Dittgen

Der Paketboten-Horror

 

Das Leben der Paketboten ist hart. Sie können eigentlich gar nicht schnell genug ausliefern, um nicht bestraft zu werden. Der britische Regisseur Ken Loach (82, zwei Goldene Palmen hat er schon) schildert in dem Wettbewerbsfilm „Sorry We Missed You“ (Entschuldigung, wir haben Sie nicht angetroffen) das Leben eines Paketboten in Newcastle. Wie immer bei Loach geht es um die Arbeiterklasse. Ein Ehepaar, Ricky und Abby, um die 40, mit zwei Kindern hat Schulden. Sie arbeitet als Pflegerin, die alte, kranke Menschen zu Hause betreut. Er ist länger arbeitslos und versucht sich als Paketbote. „Es gibt keinen Arbeitsvertrag“, macht ihm sein Chef beim Einstellungsgespräch klar. Ricky muss als Franchise-Nehmer, als selbständiger Subunternehmer, arbeiten.

Damit Ricky sich einen (gebrauchten) Lieferwagen kaufen kann, verkauft Abby für die Anzahlung von 100 Pfund ihr kleines Auto und fährt mit dem Bus zu ihren Klienten, was sie mehr Zeit kostet. Vor 21 Uhr ist sie nicht mehr zuhause. Aber Ricky auch nicht, 14 Stunden arbeitet er, um 170 Pfund am Tag zu verdienen. Wenn er ausfüllt und keinen Ersatzfahrer beschafft, muss er 100 Pfund Strafe zahlen. Wenn er Pakete zu spät ausliefert, kostet das auch Strafe. Wenn er den Scanner verliert, in dem seine Fracht, Termine und die Unterschriften der Empfänger gespeichert werden, kostet das sogar 1000 Pfund Strafe. So hält man die Paketboten gefügig.

Das Leben des Paketboten Ricky wird zum Horrortrip für die ganze Familie. In Zeiten, da immer mehr Leute bei Amazon bestellen, ohne zu ahnen, was sie damit anrichten, ist Loachs Film wichtig und dringender denn je. Natürlich ist er vor allen Dingen ein indirekter Appell, keine Pakete mehr zu bestellen, wenn man noch ein bisschen Herz für die – oft notgedrungen – in der Paketbranche Arbeitenden hat.

Beeindruckend: Kris Hitchen als Paketbote Ricky. Foto: FDC

Beeindruckend: Kris Hitchen als Paketbote Ricky. Foto: FDC

Zwar kommt Ricky mit der harten Arbeit klar, aber er sieht Frau und Kinder kaum noch. Sohn Sebastian ist ein Teenager, der die Schule schwänzt, lieber mit seinen Sprayer-Freunden für neue Graffiti sorgt und stiehlt. Die elfjährige Tochter Liza, kann schlecht schlafen und macht ins Bett. Was für ein Leben! Loach schöpft aus den Vollen, die sozialen Ungerechtigkeiten schreien zum Himmel. Obwohl alles täglich schlechter wird, geben Ricky und Abby nicht auf. Bis Ricky zusammengeschlagen wird, Pakete gestohlen und sein Scanner zertrümmert wird, trotzdem will er – auf einem Auge blind und beide Hände bandagiert, weiterarbeiten, weil er sonst nie aus den Schulden rauskommt.

Loach zeigt das ganze Elend dieser Familie in vergleichsweise ruhigen Bildern. Es dauert lange, bis Ricky angesichts seines  missratenen Sohns ausrastet, schreit und ihn schlägt. Und ihm sein Handy wegnimmt und damit sein Leben, wie Abby ihm erklärt. Danach hat Ricky sofort Gewissensbisse. Die Familie zerfällt immer mehr, die vier kommunizieren vor allem übers Telefon (seltsamerweise habe alle recht teure I-Phones), und die Probleme wachsen. Eine Lösung gibt es nicht, Ricky wird immer weitermachen, suggeriert Loach in diesem Film, in dem er wie immer die Gesellschaft anklagt, die solche unmenschlichen Zustände zulässt. Sein Film ist packend und quasi dokumentarisch, aber nicht so nervig und brillant wie sein Sozialhilfeempfänger-Drama „I, Daniel Blake“, mit dem er vor drei Jahren in Cannes gewann.

Andrea Dittgen

 

Ab in die neue VR-Welt!

Foto: epicscapes.com

Foto: epicscapes.de

Eine ganze Abteilung in der großen Filmmesse von Cannes ist der Zukunft des Kinos vorbehalten oder sagen wir lieber, eine Zukunft der bewegten Bilder: Virtual Reality, kurz VR. 52 Filme wurden ausgewählt, diese Zukunft zu dokumentieren. Zwei deutsche sind dabei. Um sie zu sehen, muss man im Internet ein Zeitfenster buchen. 30 Minuten. Man sitzt bequem auf einem Stuhl der sich drehen kann, bekommt die VR-Brille mit Kopfhören und kann die „Conscious Existence“ – so der Titel des VR-Stücks von Marc Zimmermann – erfahren. Ein kleines Mädchen (man hört es nur) erzählt auf Englisch, was es sieht, und was es sich so vorstellt.

Das ist enorm, es fängt mit den Spielsachen im Kinderzimmer an, erstreckt sich über wunderschöne Naturszenen mit Wald und Meer und Landschaften und endet mit wunderschönen, fragilen Gebilden aus dem All, die leuchten. Die Gebilde sind 360 Grad um einen herum, auch unten und oben. Die Mischung aus Poesie, Sprache und Musik ist geglückt, Menschen sieht man nicht. Man taucht ein in diese neue Welt, die gar nicht so fremd erscheint. Zimmermann, 1990 in Dresden geboren, studierte an der Filmakademie Württemberg und bekam für sein Zwölf-Minuten-Werk von 2018, das einfach nur schön ist – nicht kritisch, nicht nachdenklich, nicht politisch, nicht philosophisch, einfach nur schön – schon mehrere Preise. Vorgeschmack gefällig:

 

„Das Totale Tanz Theater“ (2019) von Maya Puig dagegen, auch zwölf Minuten lang, ist streng geometrisch, architektonisch, massig. 400 Menschen wurden als Tänzer engagiert und in eine Art Rüstungskostüm gesteckt, das sich Oskar Schlemmer vom Bauhaus einst erdacht hat. Es entstand zum Jubiläum 100 Jahre Bauhaus.

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Dekorative Massenszenen sind kombiniert mit langen Tänzerreihen auf drei Ebenen, die in- und übereinander greifen und die Schlemmers Kollege Walter Gropius erfunden haben könnte. Dreh man den Kopf nach oben, blickt man in einen scheinbar endlosen Turm, dessen Struktur sich permanent wandelt bis zum Zerfall. Und auch die Gitter, auf denen sich die Tanzfiguren – viel Menschliches haben diese Wesen nicht mehr – bewegen, verschieben sich in alle Richtungen und sind plötzlich verschwunden. Getanzt wird zu „Si Takka Lumi“ von den Einstürzenden Neubauten, einer kalten, metallischen Musik, die ganz gut zu dem Ambiente passt. Puig, 1981 in Berlin geboren, studierte an der London Filmschool, ist aber nur ein Rädchen in diesem komplexen Gebilde. Da gibt es noch den Choreographen, den Komponisten, die Co-Autorin und weitere VR-Kreatoren, es ist also ein Gesamtkunstwerk, das viel mit Performance zu tun hat und für eine andere Richtung der VR steht. Man kann es im Netz sehen,  bei Arte (https://www.arte.tv/sites/de/webproductions/das-totale-tanz-theater-360/?lang=de) und beim www.das-totale-tanztheater.com mit einem Making-Of, das erklärt, wie es entstand.

Foto: Interactive Media Foundation

Foto: Interactive Media Foundation

Zusammen sind die Stücke eine gute Einführung in das, was aktuell mit VR möglich ist. Auch für solche neue Erfahrungen ist das Festival von Cannes gut.

Andrea Dittgen

Kunstvolle Zombies

Tilde Swinton schwingt das Samurai-Schwert gegen die Zombies. Foto: FDC

Tilde Swinton schwingt das Samurai-Schwert gegen die Zombies. Foto: FDC

„Das wird nicht gut ausgehen“, sagte Adam Driver als US-Kleinstadtpolizist immer wieder in Jim Jarmuschs Zombiekomödie „The Dead Don’t Die“ (Die Toten sterben nicht). Dem Eröffnungsfilm (im Wettbewerb) des 72. Filmfestivals von Cannes. Bill Murray, seinem Partner im Polizeiauto, gefällt der Satz nicht. Dabei sagt ihn Driver so stoisch, trocken, lässig und cool, wie es sonst Murrays Sache ist. Die beiden sind ein kongeniales Duo. Und Jarmuschs Komödie unterhaltsam und voller Anspielungen. Als Pfälzer schmunzelt man natürlich über die Abwandlung eines Paketdienstes in WU-PS, was ein bisschen wie ein Autokennzeichen aussieht. Aber der Paketwagenfahrer hält sich recht lange, bevor ihn die Zombies erwischen.

Die kommen aus den Gräbern, weil die Erdachse infolge der Energiegewinnung durch Fracking nicht mehr stabil ist, was die US-Regierung die Fernsehansagen verneinen lässt. Erst gibt es keine Tiere mehr, nicht mal die liebe Hausmiezekatze ist noch da. Alle flüchten. Dann wird es abends nicht mehr dunkel. Und dann krabbeln zuerst zwei Tote aus dem Grab, die sich im Diner über den Kaffee hermachen. Einer ist der Rocksänger Iggy Pop. Immer mehr und immer aggressiver werden die Zombies, die harmlose Menschen töten und anfressen. Die aufgeklärten Leute in der Kleinstadt wissen: der Kopf muss ab, nur dann sterben die Untoten. Mit Gewehr, Zange und Schwert wehren sich die Einwohner von Centerville, was vergnüglich anzusehen ist, denn aus dem Kopf der Getroffenen kommt schwarzer Staub, Asche zu Asche, Staub zu Staub, gewissermaßen. Die coolen Polizisten haben noch eine junge Kollegin (Chloe Sevigny), die sich mal übergibt und mal in Panik gerät, „das wird nicht gut ausgehen“, ahnt man schon.

Der Clou ist – wie kann es anderes sein – eine starke Frau. Tilda Swinton mit langen dünnen blondem Haar spielt die örtliche Bestatterin, die aufs Beste mit einem Samurai-Schwert umgehen kann (besser noch als die blonde Uma Thurman in Quentin Tarantinos „Kill Bill“) und die Untoten schneller vom Kopf trennt, als die gucken können. Sie überlebt auch, aber nicht auf der Erde, soviel sei verraten. Iggy Pop als Zombie und Tom Waits als zur Unkenntlichkeit Verwandelter (man erkennt ihn natürlich an der Stimme) sind schöne Figuren. Die Geschichte ist schräg, mit wenig typischen Zombie-Szenen und so viel Gesellschaftskritik, dass man sie beim ersten sehen gar alle erfasst. Da geht es um Trump, um die Diskriminierung von Schwarzen, um die Fake News, um  Energiepolitik, um Zitate aus einem Dutzend Zombiefilmen, um das Morbide der Countrymusik, die im bürgerlichen Lager so beliebt ist. Der Titel passt auch zu Cannes, wo – symbolisch gesprochen – viele Tote, sprich alte Männer – im Wettbewerb sind: Jarmusch ist auch schon 66, Ken Loach 82 …

Jarmusch erfindet auch Neues: in der schönsten Szenen schwanken die hirnlosen Zombies durch die Nacht,  alle mit leuchtenden Handys in der Hand und „Wifi“ murmelnd. der Film kommt am 13. Juni in die deutschen Kinos.

Andrea Dittgen

Zwischen Angst und Presselenkung

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Am 23. Februar 2019 demonstrierten die Gelbwesten auf der Croisette. Und wenn sie das auch beim Filmfestival tun? O weh! Damit das nicht passiert, gibt es noch mehr Gitter und noch weniger freie Stellen, an denen man als Fußgänger die Prachtstraße, die Croisette, überqueren kann. Und es ist sicher kein Zufall, dass die neue Fußgängerzone in der Parallelstraße der Croisette bis zum Festival nicht fertig wurde und man mit noch mehr Stangen und Laufstegen und Hindernissen durchgeleitet wird. Die Angst vor Terror- und Gelbwesten mag real sein, aber man verbietet nicht, dass die Tretroller durch die Fußgängerzonen sausen. Verkehrte Welt? Trotz der Taschenkontrollen und Tore wie am Flughafen habe ich heute, Dienstag, am Tag der Festivaleröffnung, an dem noch besonders gewissenhaft kontrolliert wird, einen Joghurt, etwa fruchtzwerggroß, problemlos durch alle Schleusen gebracht. Das ist das eine.

Das andere ist, dass man als Filmkritiker im Vorjahr schon gegängelt wurde – man darf die Filme nicht mehr vorab sehen, damit vor der Gala keine schlechten Filmkritiken dem Festpublikum und den Filmschaffenden die Laune verdirbt. Dieses Jahr setzt das Festival noch eins drauf. Statt um 8.30 und 19 Uhr, wie jahrzehntelang (!) üblich, sind die Pressevorführungen nun um 17 und 22 Uhr, wobei um 22 Uhr Filme bis zu vier Stunden Länge laufen. Als Nachtmensch würde ich da nicht zwangsläufig jammern. Wer um 2 Uhr morgens nicht müde und mürbe ist, schreibt vielleicht online sofort die Kritik und schläft morgens aus. Aber wer liest das um 3 oder 4 Uhr nachts? Vor dem nächsten Morgen wohl kaum einer, also hat das Festival noch mehr Zeit vor den Verrissen gewonnen. Zumindest in Europa, denn für Amerika und Asien ist diese Zeitverschiebung irrelevant. Cannes denkt also anti-europäisch. Das ist neu. Und den Filmkritikern in Europa bleibt nichts anderes üblich, als sich (zeitlich) in die Schranken weisen zu lassen. Denn in Printmedien wie der RHEINPFALZ können die Kritiken nicht mehr am Folgetag erscheinen, sondern erst zwei Tage danach. Das nennt man Presselenkung. Wie groß muss die Angst sein, schlechte Filme eingeladen zu haben, dass man zu solchen Mitteln greift? La grande nation, das wichtigste Filmfestival der Welt?  Das war einmal. Übrigens: Ganz so konsequent ist das Festival dann doch nicht, es rudert in gewisser Weise wieder zurück. Fernsehkritiker (die zeigen immer die schönen Filme mit den Stars auf dem  Roten Teppich) und ausgewählte überregionale Medien, die über besonders viele Filme in den Vorjahren berichteten (DIE RHEINPFALZ gehört da nicht dazu), bekommen einen Zusatz-Ausweis, mit der sie die Wettbewerbsfilme – wie früher – am Tag vor der Premiere um 8.30 Uhr sehen können. Was dem ohnehin ungerechten Ranking der Pressevertreter in fünf Gruppen eine sechste hinzufügt. Souverän ist das auch nicht gerade.

Andrea Dittgen

Jane bleibt Jane!

Wie ein Star sieht sie nicht gerade aus: kein Kleid, sondern ein grüner Rollkragenpullover mit dicker Perlenkette, grün gemusterte Hose, lockige schulterlange Haare. So kommt Jane Fonda bei ihrer Master Class auf die Bühne. Tags darauf, bei der Pressekonferenz, im  schwarzen Pullover zur schwarz gemusterten Hose, wirkt sie noch schlichter und eleganten. Wie 81 Jahre sieht sie nicht aus, eher wie 60. Sie ist beim Festival Lumière in Lyon, weil sie den Preis „Lumière“ bekommt, eine Plakette für Lebenswerk. Fünf Tage ist sie in der Stadt.

Jane Fonda  bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Jane Fonda bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Sie spricht nicht Englisch, sie spricht Französisch. Sehr gut sogar, ohne groß nachzudenken, mit amerikanischem Akzent. Von 1964 bis 1972 lebte die Amerikanerin in Frankreich, drehte mit Jean-Luc Godard und René Clément, spielte in vier Filmen ihres damaligen Ehemannes Roger Vadim. Nur selten fällt sie zurück ins Englische. Wenn ihr ein Wort oder eine Wendung gerade nicht einfällt oder ein Filmtitel. Sie erzählte, dass sie seit 50 Jahren nicht mehr in Lyon war, und damals auch nur kurz, „der Liebe wegen“. Sie lacht. Vor allem aber sagt sie: „Ich bin eine Aktivistin.“ Immer noch. Die Ereignisse vom Mai 1968 in Paris waren für sie ein Anstoß, sich der Politik zuzuwenden. Und dass die USA den Vietnam-Krieg begannen, „Das hat sogar Roger aufgeregt, der sonst auch nicht politisch interessiert war.“ Sie ging nach Hanoi. „Für eine Weile wollten die Studios mich nicht mehr beschäftigen, das war zurzeit von Edgar J. Hoover, dem Chef der FBI. Ich habe die Studios verklagt und gewonnen – mit der ACLU, der American Civil Liberties Union.“ Danach drehte sie auch politisch motivierte Filme und bekam ihre zwei Oscars (für „Klute“ 1971, und „Coming Home“ 1978, weitere fünf Mal war sie nominiert).

„Die Karriere stand nie an erster Stelle. Nie. Aber ich habe entdeckt, dass es sehr gut ist, wenn man Aktivist ist, dass man eine Karriere hat und berühmt ist. Die Leute hören einem dann mehr zu, m wenn man militant ist. Deshalb will ich weiter Filme drehen und präsent sein, damit ich eine bessere Aktivistin sein kann.“  Sie ist überzeugt: „Man kann etwas bewirken, wenn da etwas ist, das von Herzen kommt.“ Sie arbeite, um Geld für ihre politischen Aktivitäten zu haben. Auch ihre Workout-Bücher  und -Videos gingen in diese Richtung. „Dabei habe ich gespürt, was der frühere US-Präsident Thomas Jefferson sagte: Revolution beginnt in den Muskeln“, sagte sie und lacht.  Von Lee Strasberg, dem Schauspieler-Lehrer habe sie eher das Gegenteil gelernt: sich zu entspannen. „Zurzeit interessiere ich mich sehr fürs Schauspielen. Ich bin 81 Jahre alt und glücklich, dass ich in diesem Alter einen festen Job habe.“ In Deutschland ist sie gerade in „Book Club“ im Kino zu sehen, in Amerika lief er gut. „Er kam raus, als ich gerade eine Petition auf den Weg brachte, um ein Gesetz zu ändern. Das hat der Petition sehr geholfen.“

Die bekennende Feministin analysiert, dass in den USA das Patriarchat ein Comeback versucht, gepaart mit Rassismus. „Make America great means make Amercia white”. Donald Trump sei gefährlich, man müsse gegen ihn kämpfen. Dabei sieht sie ihn auch als Opfer. „Es ist nicht einfach jung zu sein und ein Mann zu sein, denn die Gesellschaft raubt den Männern ihre Menschlichkeit, sie zwingt sie, immer stark zu sein. Aber wenn die Männer älter werden und Testosteron verlieren, werden sie sanfter. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Ich bin froh, dass ich kein Mann bin – und ich bin froh, dass ich alt bin. Ich arbeite, um Geld zu verdienen für die Barrikaden!“

Andrea Dittgen

 

Der bessere Ton

an merkt ihn nur, wenn er scheppert oder Löcher hat: den Ton. Beim Festival Lumière in Lyon kann jeder Besucher  für drei Euro Eintritt in einer Master Class, warum der Ton heute bei restaurierten Filmen gar nicht mehr so schlecht ist, sondern oft so, dass man ihn nicht merkt. Drei Experten, André Labbouz von Gaumont, Léon Rousseau von Diapason und Ronald Boullet von Eclair erläuterten in verständlichen Worten, was sie tun. Mit Filmbeispielen natürlich.

Mit Beginn des Tonfilms also Ende der 20er Jahren wurde der Ton direkt auf den Filmstreifen gebracht, man nennt es Lichtton. Auf dem Filmstreifen sieht an links in Schwarzweiß auf einem 2,5 mm) die Tonspur mit dicken und dünnen Zacken. Ton heißt: Sprache, Geräusche, Musik. Die drei Positionen werden getrennt aufgenommen, gemischt und in dieser Mischung unveränderbar auf die Filmkopie gebracht. Nachteil: Der Ton wird genauso abgenutzt wie das Bild. Je öfter man den Film spielt, umso schlechter wir die Tonqualität (und auch die Bildqualität). Der Ton ist fest mit dem Bild verknüpft, schon im Negativ, ihn zu verändern ist schwer.

Die Referenten der Master Class zur Tonrestaurierung machten eine komplizierte Materie anschaulich. Foto: Dittgen

Die Referenten der Master Class zur Tonrestaurierung machten eine komplizierte Materie anschaulich. Foto: Dittgen

n den 40er Jahren kam der Magnetton auf. Nun wurde der Ton wurde separat aufgezeichnet, es gab eine eigene Tonkopie. Das Magnetband mit dem Ton kam erst später auf die Kopie, und wurde erst einen Arbeitsschritt später in die Lichttonzacken umgewandelt. Das ist beim Restaurieren besser: Es gibt eine eigene Tonkopie, auf die man unabhängig vom Bild zurückgreifen kann. Wenn man sie findet, denn sie wurde oft nicht beim Verleih, sondern beim Tonstudio aufbewahrt, das den Ton mixte. Und dieses Tonstudio existiert meiste nicht mehr (dann muss man auf den üblichen Ton auf der Kopie zurückgreifen und der Vorteil ist wieder dahin).

Um die Jahrtausendwende kam die digitale Abtastung des Tons auf, die heute Standard ist und seit 2003 bei Diapason und Eclair verendet wird – für alle Filme der französischen Produktions- und Verleihfirma Gaumont, wie zu erfahren war. Der Filmstreifen – ob Lichtton oder Magnetton – läuft durch ein Gerät und wird dabei digitalisiert. So kann er besser nachbearbeitet werden. Hört man auf der 35-mm-Kopie noch laute Nebengeräusche und Kratzer, sind sie nach der Restaurierung verschwunden, da man sie herausfiltern kann, was man vorher nur konnte, wenn man die Magnettonkopie noch hatte. Und die Stimmen klingen auch besser. Denn früher wurde der Ton für die Filmkopie so abgemischt, wie man es für die großen Kinosäle brauche, also etwas verfremdet: kontrastreicher, energischer und dynamischer.

Doch die ersten Tonrestaurierungen wurden nicht fürs Kino, sondern ab den 60er Jahren fürs Fernsehen gemacht, wo der Ton für die kleinen Wohnräume wieder etwas zurückgenommen wurde. Daran änderte sich im Prinzip auch nichts, als Video und DVD aufkamen. Erst mit der Möglichkeit, den Ton von der Filmkopie digital abzutasten, waren die Unterschiede hinfällig, denn für die Vermarktung der restaurierten Filme der Ton muss auf verschiedenen Medien  gleichzeitig und gleich gut funktionieren. Wenn heute alte Filme restauriert werden, kann man also davon ausgehen,  dass der Ton mit der bestmöglichen Dynamik, Klarheit und der Entfernung zu lauter Hintergrundgeräusche restauriert wird.

Andrea Dittgen

Die Welt im Jahr 2028

„2028“ steht als Jahr der Handlung über den ersten Bildern, die Jean Renoir 1927 gedreht hat. Er blickte also 100 Jahre in die Zukunft für seinen stummen Kurzfilm „Sur un air de Charleston“. Der Film, der beim Festival Lumière in Lyon als einer der Höhepunkte morgens um 9 Uhr bei vollem Saal aufgeführt wurde, war weder verschollen, noch schlecht erhalten, trotzdem war er im Kino jahrzehntelang nicht zu sehen. Nun ist er frisch restauriert und 90 Jahre nach seiner Entstehung kann man über die Fantasie über 2028 staunen. Eine Kugel auf die Erde. Darin sitzt ein Erforscher (Johnny Higgins), altmodisch gekleidet und blickt mit dem Fernrohr nach draußen, kaum dass seine Kugel auf dem Dach einer Litfaßsäule in Paris gelandet ist. Er sieht ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen (Catherine Hessling) tanzen. Es tanzt Charleston, wie einem Zwischentitel zu entnehmen ist. Es tanzt, um dem einzigen anderen Menschen weit und breit, einem falschen Schwarzen zu zeigen, wie man Charleston tanzt. Viel mehr passiert in den 24 Minuten auch nicht. Zumindest nicht auf der Leinwand. Aber das ist hübsch anzusehen und bekommt durch die Nebeneffekte (Regisseur Renoir, Produzent Pierre Braunberger und Mitautor André Cerf tauchen mit ihren Köpfen über Poesie-Engelbildchen auf, als würden sie vom Himmel auf die Erde blicken) die Klavierimprovisation – die alles andere als Charleston war – einen Verfremdungstouch. Und natürlich ist er eine Hommage an Georges Méliès mit seinen Tänzerinnen, Engeln und umgekehrten Weltraumreisenden.

Dass der Film kaum bekannt ist, liegt daran, dass er zu spät kam, erläuterte Serge Bromberg von Lobster Film vor der Vorführung, 1927 drehten andere schon Tonfilme. Renoir wollte unterhalten und vor allem Catherine Hessling zeigen, die Frau, die er liebte und deretwegen er überhaupt erst anfing, Filme zu drehen, wie man erfuhr. Doch ein Jahr später, nach dem anderen stummen Kurzfilm „La petite marchande d’allumettes“ trennte sie sich von Renoir – der glücklicherweise weiter Filme drehte. Das Mädchen mit den Streichhölzern nach dem Andersen-Märchen, das Hessling mehr Entfaltungsmöglichkeiten bot, wurde in derselben Vorstellung gezeigt, aber so wie man es eigentlich nicht tun sollte: mit einem Pianisten, der improvisierte, obwohl es eine Tonspur gibt. Denn der Film wurde im Nachhinein vertont, 1928 war auch in Frankreich der Tonfilm angesagt und stumm hätte er keine Chance gehabt.  Doch wie so oft bei sogenannten Stummfilm-Events lässt man den Pianisten (oder das Orchester) spielen, den man nun mal da hat anstatt den Film so zu präsentieren, wie die Zuschauer ihn damals erlebten. Das ist bei einem Festival, das es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich den klassischen Kino zu widmen, ein Unding.

Andrea Dittgen