„Versuche nicht, jedem zu gefallen!“

In der Independent-Szene ist sie ein Star: die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die Schwester von Jake Gyllenhaal. Die 1977 geborene Tochter des Regisseurs Stephen Gyllenhaal und der Produzentin und Autorin Naomi Foner, war schon als Kind öfter am Set, wie sie im Publikumsgespräch beim Filmfestival von Toronto bekannte. „Obwohl ich es heute hasse, Filmsets zu besuchen, an denen ich selbst nicht arbeite.  Da ist nie Zeit. Aber ich beobachte gerne andere Schauspieler beim Dreh.“ Bevor ihr Vater ihr mit 15 die erste kleine Rolle in „Waterland“ gab („praktischerweise war mein Rollenname auch Maggie“), habe sie schon geschauspielert. Und im nächsten Film ihres Vaters „A Dangerous Woman“ (1993) spielt sie zusammen mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Jake.

Maggie Gyllenhaal (links) im Gespräch mit der Journalistin Alicia Malone. Foto: Dittgen

Maggie Gyllenhaal (links) im Gespräch mit der Journalistin Alicia Malone. Foto: Dittgen

Doch als ihre erste richtige Rolle sieht sie „The Photographer“ (2000) an. „Er entstand am College in New York, ein Indie-Film. Indie-Filme waren eigentlich schon immer mein Geschmack.“ Der John-Waters Film „Cecil B. Demented“ habe ihr Spaß gemacht, aber hier wie auch bei „Donny Darko“, wo sie wieder zusammen mit ihrem Bruder spielte, „habe ich noch nicht wirklich etwas von Film verstanden“. Bei „Secretary“ (2000), ihren bislang größten Erfolg, war das schon anders. Da habe sie dem Regisseur vorgeschlagen, dass man sieht, wie ihre Hände und die von James Spader (er spielt den Boss, der die Sekretärin zur Sexualität nötigt) sich in einer Großaufnahmen berühren, um zu zeigen, dass sie durchaus hinter dieser Beziehung steht – und der Vorschlag wurde angenommen.

Zu „Crazy Heart“ (2009), der ihr ihre bislang einzige Oscar-Nominierung einbrachte, meinte sie lachend: „Damals war ich Jeff Bridges verliebt“. „Die Nominierung war eine Überraschung“, aber sie habe von vornherein auch gewusst, dass sie den Oscar (als beste Nebendarstellerin) nicht bekommt, sondern Mo‘Nique in „Precious“. Sie habe oft für Rollen vorgesprochen, erzählte Gyllenhaal, die beklagte, dass „wir in einer Männerwelt leben und es für Frauen nicht einfach ist, sich zu behaupten und weiblich zu sein“. Das Vorsprechen sei hart, „meistens merkt man erst hinterher, was für eine Anstrengung es ist.“ Sie rät jungen Schauspielern, beim Vorsprechen immer daran zu denken, dass man es für sich selbst tut. „Versuche nicht, jedem zu gefallen.“

Unter Frauen habe sie habe Solidarität erfahren. „Julia Roberts war sehr nett zu mir in ,Mona Lisas Lächeln‘, sie hat Tipps gegeben, sie ist eine Frau, die führt.“ Maggie Gyllenhaal spielt fast nur in Indie-Filmen – aber auch in Fernsehserien wie „The Deuce“ (die auch in Deutschland zu sehen ist), ihre Rollen suchte sie manchmal auch danach aus, wer mitspielt. So nahm die Angebot an, in „Frank“ (2014) zu spielen, weil „ich unbedingt mit Michael Fassbender zusammenarbeiten wollte, er ist einer der besten“.

Andrea Dittgen

„Gib niemals auf!“

Sie träumte schon mit acht Jahren davon, Schauspielerin zu sein, verriet die zweifache Oscar-Gewinnerin Hilary Swank beim Festival von Toronto bei öffentlichen Stargespräch. Das ist eine eigene Festivalsektion mit dem Titel „Conversation“ die Zuschauer bezahlen 28 Dollar, um zuzuhören. Die aus armen Verhältnissen stammende Amerikanerin erzählte vor allem von ihren Anfängen. Als Kind lebte sie mit ihrer Mutter in einem Trailerpark (Wohnwagen-Dauercamping). Und ihre Mutter habe alles getan, dass sich ihr Wunsch erfüllt.

Hilary Swank (links) im Gespräch mit Theresa Scandiffio, der Leiterin der Sektion Conversation. Foto: Dittgen

Hilary Swank (links) im Gespräch mit Theresa Scandiffio, der Leiterin der Sektion Conversation. Foto: Dittgen

Nach den ersten Erfolgen bei Schulaufführungen zog sie mit der 16-jährigen 1990 nach Los Angeles,  wo sie in der High School in Stücken spielte und zum Film wollte. „Aber da braucht man eine Agentur, eine Agentin“, erzählte Swank. Sie zu bekommen, ist nicht einfach. Ihre Mutter habe Agenturen im Telefonbuch gesucht und zu ihr gesagt. „Ruf an.“ Das habe sie getan, irgendwann habe sich die Mühe gelohnt, und eine Agentin habe sie eingeladen. Beim Vorsprechen  sollte in einer McDonald’s-Werbung spielen. Das klappte und danach hatte sie ihre Agentin, eine Kinder-Agentin. Und machte noch mehr Werbespots. Bis sie 21 war und zu einer anderen Agentin kam, immer dem Ansporn ihrer Mutter folgend: „Gib niemals auf!“.

„Ich weiß nicht mehr, für wie viele Rollen ich vorsprach, ein paar hundert“, schätzt Swank. Auf die erste Nebenrolle in dem Horrorfilm „Buffy, der Vampirkiller“ (1992) folgte eine Hauptrolle in „Karate Kid IV – Die nächste Generation „ 81994), da sah man sie kämpfen mit den Fäusten und mit dem Bogen. Es war der erste ihrer physischen Filme, meint die Schauspielerin, die seitdem fast immer Rollen spielte, in denen Frauen versuchen, ihren Traum zu verwirklichen, obwohl alles dagegen spricht.

Der nächste wichtigste Film war „Boys Don‘t Cry“ (1999), wo sie eine Frau spielt, die ein Mann sein will und ihre Brüste abbindet (erster Oscar). Drei Wochen nach dem Vorsprechen bekam sie schließlich die Rolle, für die sie auf der Straße genau das trainierte, was sie später im Film tat, wie sie erzählte. Zu ihrer härtesten Rolle, der Boxerin in „Million Dollar Baby“ von und mit Clint Eastwood (2004, ihr zweitem Oscar) meinte sie nur: „Mit Clint Eastwood zu arbeiten, war ein Traum, und ich war gerade 29 Jahre alt. Er ist einschüchternd, aber am Set hat er alles getan, dass wir uns wohlfühlten. Er ist ein richtiger  Teddybär! Und sehr lustig.“ Jungen Schauspielerin empfiehlt sie, sich immer perfekt vorzubereiten, nicht nur auf die Rollen, sondern auch auf Vorsprechen – und ihr wichtigster Rat: „Gib niemals auf!“.

Andrea Dittgen

 

Der zahme Rassist

„Man muss auch seine Feinde kennen“, sagte Thom Powers, der beim Festival von Toronto die Dokumentarfilme aussucht, vor der Vorstellung von Erol Morris‘ Film über Steve Bannon: „American Dharma“. Die Sache mit den Feinden ist richtig, aber Oscar-Preisträger Morris hat sich mit diesem Film keinen Gefallen getan, kommt der Rechtpopulist darin doch viel zu gut weg. Bannon leitete von 2012 bis Anfang 2018 die Website Breitbart News Network, zwischendurch war er Berater von Donald Trump in dessen Wahlkampf und 2017 auch sein  Chefstratege, als Trump Präsident wurde. Er ist durch rassistische  Äußerungen aufgefallen und zählt zu den alternativen Rechten und Wirtschaftsnationalisten und hat sich in Deutschland schon mit AfD-Mitgliedern getroffen und unterstützt in Europa nationale rechte Bewegungen und Regierungen. Doch Bannons politische Gesinnung kommt in der Doku kaum rüber, er bleibt erstaunlich vage, ist freundlich, nichtssagend, und gibt sich filmaffin.

Man sieht Bannon in einer Art Militärjacke in einem Militärhangar, der exakt so aussieht wie n dem US-Kriegsfilm „Der Kommandeur“ („Twelve O’Clock High“ ,1949) mit Gregory Peck, einem von Bannons Lieblingsfilmen, aus dem auch Ausschnitte gezeigt werden. Ebenso wie aus anderen Bannon-Favoriten wie „Die Brücke am Kwai“ (1957) und dem Western „Der schwarze Falke“ („The Searchers“ ,1956) mit John Wayne. Er Bannon sitzt am Tisch Morris gegenüber und erklärt, welche amerikanische Werte und Helden er schätzt und dass man seine Pflicht tun müsse. Auf Morris‘ Bemerkung, er sehe einen guten Bannon und einen bösen Bannon, reagiert der 64-jährige Rechtspopulist nicht, der sonst so gerne von der Macht des weißen Amerika spricht. Hier gibt er sich zahm oder vielmehr oft so abstrakt wie ein Wissenschaftler, der Gedankengebilde aufbaut, die man nicht versteht. Im Fall von Bannon sind es oft Worthülsen.

Steve Bannon in Militärjacke im nachgebauten Hangar aus dem Kriegsfilm "Twelve O'Clock High". Foto: Courtesy of Tiff

Steve Bannon in Militärjacke im nachgebauten Hangar aus dem Kriegsfilm „Der Kommandeur“. Foto: Courtesy of Tiff

Manchmal versucht Morris, kritisch zu sein und fragt Bannon konkret, was er, der die Nato abschaffen will, denn stattdessen haben will. Doch da hat er keine Ideen. Ebenso wenig konkretisiert er die Revolution, die er in Europa einleiten will. Immerhin kommt die Selbstherrlichkeit Bannons durch, die durchaus mit der von Trump vergleichbar ist – und Bannosn Fehler, die dazu führten, dass erst Trump und später Breitbart News ihn rauswaren. Morris nimmt dazu Twitter-Posts, Zeitungs- und Internetschlagzeilen. Doch die lässt er so schnell durchlaufen, dass man sie nicht richtig lesen kann. Und Morris verschafft Bannon einen Hollywood-Abgang. Am Ende wird der eigens für das Interview errichtete Hangar angebrannt und Bannon geht als einsamer Held über die leere Rollbahn. Ein erhellender Dokumentarfilm ist das wirklich nicht.

Andrea Dittgen

Herzog – Gorbatschow

Herzog-Gorbatschow

„Meeting Gorbachev“ war quasi eine Auftragsarbeit vom deutschen und britischen Fernsehen: Ein Interview mit Michail Gorbatschow, dem früheren Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (1985-1991) und dem Staatspräsidenten (1990-1991). Doch wer den Dokumentarfilmer Werner Herzog kennt, der weiß, dass mehr als ein Gespräch herauskommt. „Ich wollte etwas von seiner russischen Seele einfangen“, sagte Herzog in Toronto. Das ist nicht so leicht bei einem 87-jährigen. Doch die beiden fanden schnell einen Draht zueinander. „Ich bin Deutscher – und der erste Deutsche, den Sie sahen, wollte sie wohl töten“, sagt Herzog und blickt Gorbatschow direkt in die Augen. Doch der erzählt gar keine Kriegsgeschichte, sondern die vom Nachbarhof der Kolchose im Kaukasus, wo er aufwuchs. Die Leute dort machten tolle Ingwerplätzchen, sagt Gorbatschow. Es waren Deutsche. „Leute, die so gute Ingwerplätzchen machen, können nicht schlecht sein“, sagte Gorbatschow langsam.

Szene aus "Meeting Gorbachev" mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Szene aus „Meeting Gorbachev“ mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Später, als Herzog auf den Kalten Krieg und auf die Wiedervereinigung Deutschlands zu sprechen kommt, sagt Gorbatschows auch etwas Unerwartetes. „Der Beginn der Gespräche zur Wiedervereinigung war denkbar schlecht, Helmut Kohl verglich den russischen Staatschef mit Goebbels. Doch dann nahmen die Gespräche einen guten Verlauf“. Herzog sitzt Gorbatschow gegenüber und fragt auf Englisch, der antwortet auf Russisch. Langsam und bedächtig, ob wegen des Alters oder weil er die Worte genau abwägt, weiß man nicht.

Zu dem Interview kommen Archivaufnahmen, die Herzog suchen ließ und die sein Co-Regisseur André Singer, ein Brite, mit der schon 30 Jahren zusammenarbeitet, dann fand: Wie der senile Staatspräsident Breschnew Gorbatschow ehrt, nicht mehr seinen Namen weiß (er wird ihm zugeflüstert), dann nicht mehr weiß, wofür er Gorbatschow die Medaille geben soll und der laut und vernehmlich sagt: „Kanal“ (er hatte gerade einen wichtigen Kanal fertiggestellt). Archivaufnahmen zeigen den jungen Gorbatschow und nacheinander die immer nach demselben Ritual ablaufenden Beerdigungen von Breschnew, Andropow, Tschernenko, den Staatschefs (Herzog nennt sie Fossile), die innerhalb von nur drei Jahren alle starben – bevor Gorbatschow der letzte Präsident der UdSSR werden sollte.

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

„Perestroika stand ganz oben auf meiner Liste“, erinnert sich Gorbatschow an seine erste Zeit im neuen Amt. Fernsehausschnitte zeigen, wie gut Gorbatschow im Westen ankam (die Amerikaner machten ihn zu einem Maskottchen, dem guten Sowjet, kommentiert Herzog mit seiner markanten Erzählerstimme). Herzog fragt auch Aktuelles, etwa zur Krim-Annektierung. Die findet Gorbatschow gut „die Menschen dort haben sich immer als Russen gesehen, nicht als Ukrainer“, zu Putin sagt er nichts.

Dreimal kommt Privates durch, als Herzog (er ist seit 25 Jahren mit einer Russin aus Sibirien verheiratet) ihn nach seiner Frau Raissa fragt (Gorbatschow: „Als sie starb, war mein Leben zu Ende“) und einmal, als er Archivaufnahmen aus einem Film von Vitali Mansky einfügt, die Gorbatschow im Jahr 2000 zeigen, als er kurz in seinen Heimatort zurückkehrt, wo alles leer ist und er im Garten des Elternhauses als Steingefäße im Hof öffnet. Und am Ende des Films zitiert Gorbatschow ein Gedicht von Michael Lermontov über das Leben. Da hat Herzog sie wirklich gefunden, die russische Seele.

Doch der Clou des Films ist eigentlich etwas Nebensächliches: Die Öffnung des Eisernen Vorhangs, der Zaun zwischen Österreich und Ungarn wird zerschnitten. Das ist in den Nachrichten des österreichischen Fernsehen aber nur die kleine Meldung: Wichtiger und ausführlicher wird dargelegt, wie man Nacktschnecken mit Bier bekämpfen kann. So etwas gibt es nur bei Herzog.

Dem langen Applaus nach der Filmpremiere folgt tags drauf eine öffentliche Talkrunde mit Herzog. Da erklärt er, dass er Gorbatschow dreimal interviewte, im Oktober und Dezember 2017 und auf Gorbatschows Wunsch noch einmal im April 2018. Kurz nach seinem Geburtstag, die Gäste bringen ihm einen Diabetiker-Schokoladenkuchen mit, bei dem während des Transports der Buchstabe G von Gorbatschow der Kuchendekoration abgebrochen ist. Gorbatschow lacht darüber nur. Zu diesem letzten Treffen habe sich der 87-jährige extra aus dem Krankenhaus fahren lassen – und hinterher wieder zurück. Herzog hat wohl wirklich einen Draht zu ihm gefunden. Drei Tage habe er an dem Film geschnitten, verrät er. Das ginge bei ihm immer schnell, seit er digital arbeitet und höchstens dreimal so viel dreht, wie er braucht.  Inzwischen habe er noch einen weiteren Dokumentarfilm fertig geschnitten und einen Spielfilm, den er in Japan auf Japanisch drehte, erklärt der 76-Jährige.

Werner Herzog, der Kultur-regisseur gibt seinen Fans ganz altmodishc Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Werner Herzog, der Kultregisseur gibt seinen Fans auf der Straße ganz altmodisch Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Die Kanadier verehren Herzog. Als Herzog aus dem Haus auf die Straße tritt, sind sofort Fans mit Plakaten seiner Filme da und bitten richtig altmodisch um Autogramme. Das gefällt ihm. Herzog ist freundlich, unterschreibt und stellt sich auch für Selfies vor die Kamera. Das passiert ihm in Deutschland nicht. Aber hier in Kanada (und auch in Amerika, wo er seit Jahrzehnten lebt) ist er ein Star. Der größte deutsche Regisseur.

Andrea Dittgen

Thelma & Louise & Co.

Noch eine Doku über Frauen im Filmgeschäft und wie schwer sie es haben! Muss das sein? Ja. Eigentlich kann man nicht oft genug darauf hinweisen. Und bezeichnenderweise ist auch „This Changes Everything“ (Das verändert alles) von einem Mann, Tom Donahue, der lange vor der Metoo-Debatte mit seinen Aufnahmen für den Film begann.

Das Neue, was er herausfand: Zur Stummfilmzeit gab es mindestens so viele Frauen im Filmgeschäft vor und hinter der Kamera wie Männer. Erst der Tonfilm sorgte für die Männerdominanz, die es heute noch gibt, so Donahue. Er bezieht sich nur auf Hollywood und hat fast nur Frauen interviewt, vor allem prominiente Schauspielerinnen wie Jessica Chastain, Reese Witherspoon, Cate Blanchett, Rachel Portman und Meryl Streep, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen, Regisseurinnen. Gut zwei Dutzend bekannte Frauen ergreifen Partei.

Die nennen gerne einen Schlüsselfilm: „Thelma & Louise“ (1991), geschrieben von einer Frau, Callie Khouri, inszeniert von einem Mann (Ridley Scott). Der Film habe gezeigt, dass es andere Frauenrollen als die Sexbombe, die Mutter, die Geliebte und die Hausfrau gibt, so Khouri. Eine der beiden Hauptdarstellerinnen in dem Film war Gena Davis, die neben ihrer Schauspielkarriere (sie bekam 1989 einen Oscar), 2004 das Geena Davis Institute on Gender in Media gründete, das dafür kämpft, dass Frauen in den Medien stärker vertreten sind. Davis sammelt Daten und sagt. „Wenn Frauen kontinuierlich nur vorkommen in Nebenrollen, Stereotypen, als Sexobjekt, und wenn sie keine Hauptrollen haben oder schlicht nicht vorkommen, dann ist das eine sehr klare Botschaft: Frauen und Mädchen sind nicht so wichtig wie Männer und Jungs. Das hat eine Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft“. Zum Beispiel diese: 1979 wurden nur 0,5 Prozent aller Filmregie-Jobs in Amerika an Frauen vergeben wurden.

Meryl Streep ist eine der Frauen, die Forderungen stellen. Foto: Courtesy of Tiff

Meryl Streep ist eine der Frauen, die Forderungen stellen. Foto: Courtesy of Tiff

Es ist ein Redefilm, die Aussagen wechseln im Minutentakt. So sagte Resse Witherspoon: „Unser ganzes Leben wird von den Bildern bestimmt, die wir als Kind sehen. Und das sind  vor allem Jungs und Männer.“

Selbst in den Animationen, ist das so, wie Davis herausgefunden hat. Cate Blanchett: „Um das gegenwärtige System zu ändern, muss die Inklusion her. Jeder muss mitmachen. Und es muss sofort passieren.“ Es ist eine der wenigen kämpferischen Aussagen in dem Film. Die meisten Frauen bleiben höflich, sagen ruhig, was sie fordern und schimpfen nicht auf ein Studio oder bestimmte Studiochefs, sondern bleiben allgemein. Und dann gibt es einen Vorzeige-Mann, einen Fernsehchef, der sich die Sache vor ein paar Jahren schon zu Herzen nahm: John Landgraf, der Chef von NX Networks. Er ordnete an, dass mehr Frauen beschäftigt werden sollen. Woraufhin in einem Jahr knapp fünf Prozent mehr Frauen beschäftigt wurden. Was Landgraf entsetzte. Nun dringt er noch stärker drauf, „aber von 50:50 sind wir noch weit entfernt“, meint er ernüchternd.

Andrea Dittgen

Wie Stalin die Fake News inszenierte

„Ich wollte den Film so gestalten, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, zwei Stunden in der UDSSR des Jahres 1930 mitzuerleben: den Moment, wenn die staatliche Terrormaschine in Gang gesetzt wird, die Josef Stalin erfunden hat“. Sagt Sergej Loznitsa, der in der Ukraine aufgewachsene 54-jährige Wahl-Berliner (seit 2001) aus Russland, der sich zu einem der wichtigsten Spiel- und Dokumentarfilmregisseur ist, zu seinem neuen Film. Den er nicht gedreht, sondern nur geschnitten und produziert hat. Weil das Material, das er fand, als er über Stalins Schauprozesse recherchierte, so ungeheuerlich war. Loznitsas „The Trial“ (der Prozess) wurde von Arte koproduziert.

Der Schauprozess: Blick in den Gerichtssaal. Foto: Courtesy of Tiff

Der Schauprozess: Blick in den Gerichtssaal, wo das Publikum das Geschehen verfolgt. Foto: Atoms & Void

Stalin initiierte Gerichtsprozesse mit vorgeblichen Anti-Revolutionären, um die Unzulänglichkeiten des neuen Staates zu kaschieren und Gegner einzuschüchtern. Wer in einem der Prozesse angeklagt, musste mit einer hohen Strafe, meistens der Todesstrafe rechnen. Ob er schuldig war, spielte keine Rolle. Es ging nicht um die Wahrheit, es ging um Politik und Diktatur. Stalin ließ bei den Gerichtsprozessen filmen, nicht nur einige Szenen. Loznitsa fand, dass der wichtigste Prozess, der „Industrie-Partei-Prozess“ 1920 komplett von A bis Z mitgefilmt wurde – mit Ton. Angeklagt des Hochverrats waren Chefs der Versorgungsunternehmen, ein Uniprofessor und wichtige Ingenieure. Sie sollen mit ihren Aktionen dafür gesorgt haben, dass die schlecht Versorgungslage der Bevölkerung noch schlechter wurde, dass Maschinen nicht mehr laufen – und sie sollen sich in Berlin mit dem französischen Regierungschef Raymond Poincaré getroffen haben, um eine Invasion der Franzosen vorzubereiten, den Kapitalismus wieder einzuführen und die UdSSR in der bestehenden Form zu zerstören.

Der Zeugenstand im Schauprozess. Foto: Cortesy of Tiff

Der Zeugenstand im Schauprozess. Foto: Atoms & Void

Alle Angeklagten bekennen sich schuldig und reuig. Sie machen lange Aussagen darüber, was sie getan haben, dass es falsch war und das sie – falls ihr Leben verschont wird – nur noch für die Sowjetunion und die Revolution arbeiten wollen. Die handelnden Personen sind echt, aber der Prozess ist es nicht. Sie haben die Taten nicht begangen, sie agierten wie Schauspieler. Fake News, 1930 inszeniert von Stalin. Natürlich erkennt man heute sofort, dass das etwas nicht stimmen kann. Es wirkt es heute lächerlich, wenn die hochgebildeten Männer plötzlich alle kleinlaut werden und kuschen, aber damals hat es wirklich abschrecken gewirkt. Aber der Prozess ist spannend und lebendig, Hollywood hätte es nicht besser gekonnt, dass man gebannt davorsitzt. Loznitsas komprimierte Montage des Found Footage ist faszinierend. Er kombiniert sie mit Straßenszenen, in der die Massen demonstrieren und auf Transparenten die Todesstrafe für die Verräter fordern. Und den Jubel der Menschen im Gerichtsaal, als fünf der neun Angeklagten die Todesstrafe bekommen (die anderen müssen für fünf und zehn Jahre hinter Gittern). Im Nachspann zeigt Loznitsa, wie das Leben der Angeklagten wirklich weiterging. „Der Prozess ist ein einzigartiges Beispiel eines Dokumentarfilms, in dem man 24-mal pro Sekunde nur Lüge sieht“, macht Loznitsa deutlich – und zerstört damit auch ein Dogma, das Jean-Luc Godard 1960 auf die simple Formal brachte: „Film ist die Wahrheit, 24-mal pro Sekunde“.

Andrea Dittgen

Auf dem Land

Die Felder bei Monrovia, Indiana. Foto: Courtesy of TIFF

Die Felder bei Monrovia, Indiana. Foto: Courtesy of TIFF

Für seinen 42. Film ist der 88-jährige US-Dokumentarfilmer Frederick Wiseman aufs Land gegangen: nach „Monrovia, Indiana“. So der Titel des Films über einen Flecken mit 1000 Einwohnern fernab der Großstädte. Es sind Bauern, die da leben. 76 Prozent haben Trump gewählt. Doch um Parteipolitik geht es Wiseman nicht – und den Morovianern auch nicht. Zweieinhalb Stunden zeigt er das Leben in einer Kleinstadt. Da wird im Gemeinderat ellenlang diskutiert ob man eine Bank oder zwei Bänke vor der Bücherei finanzieren soll. Wenn später festgestellt wird, dass die Stadt eigentlich nicht gerettet werden kann, wenn es mal brennt, weil es zwar Hydranten gibt, die aber offenbar nicht ans Wassernetz angeschlossen, sondern nur ein einziger Tankwagen mit Löschwasser bereit steht, sind alle nur der Meinung, dass sich das bessern müsse und man am besten mal die Bezirksregierung drum bittet.

Wie tickt eine so kleine Stadt in der Provinz, wo zwei Drittel der Bevölkerung über 70 zu sein scheint? Die Kirche ist wichtig. Der Zuschauer ist bei einer Trauung dabei, die ziemlich konservativ abläuft, bis eine farbige Sängerin Schwung in die Sache bringt. Und bei einer Beerdigung einer 70-jährigen Hausfrau und Mutter, wo der Pfarrer 20 Minuten nur Plattitüden erzählt, was Wiseman komplett, ungeschnitten zum Abschluss der zweieinhalb Stunden in Monrovia stehenlässt bevor er sich mit einem Schwank über die Gräber auf dem Friedhof verabschiedet.

Der Gemeinderat von Monrovia tagt. Foto: Courtesy of TIFF

Der Gemeinderat von Monrovia tagt. Foto: Courtesy of TIFF

„Du kannst hier nicht dieselben Segnungen wie in der Großstadt erwarten, das wusstest du, bevor du aufs Land gezogen bist“, sagt der Bürgermeister zu dem Mann, der die Sache mit dem Hydranten vor seinem Haus entdeckt hat. Die anderen Gemeinderatsmitglieder nicken. Und lehnen es schließlich ab, ein Neubaugebiet mit 150 Wohnungen auszuweisen, für das zwar genug Platz wäre, und das auch nötig wäre, damit die Stadt wachsen kann. Doch es wird schnell klar, dass die Ratsglieder gar nicht wollen, dass ihre Stadt wächst. Denn dann kämen mehr Fremde, man müsste mehr investieren, mehr arbeiten. Es ist wie immer bei Wiseman: Die Diskutierenden scheine zu vergessen, dass er mit seiner Kamera mitten unter ihnen ist. Sie reden nicht gekünstelt, kritische Themen werden nicht ausgelassen. So ist es auch, wenn er die Friseurin des Ortes bei der Arbeit filmt, den Bartschneider, den Lebensmittelhändler, die jungen Leute in der Pizzeria und die routinierte Tätowiererin (ja, einen Tattoo-Landen gibt es auch). Zwischen den stummen Bildern zwischen Kirche, Hauptstraßen und den weiten Maisfeldern geht das dörfliche Leben seinen Gang. Landwirtschaftliche Wägen aller Art werden versteigert, es gibt ein dreitägiges Stadtfest mit Buden, wo Frauen selbstgehäkelten Deckchen und selbstgebackenen  Kuchen verkaufen, zwei alte Männer Countrysongs zur Gitarre singen, begleitet von einem dritten, der mit Sonnenbrille eher unwirsch dabeisitzt und Geige spielt. Einen Stand der Republikaner gibt es auch und einen der Kirche.

Doch dann gibt es doch etwas, das man so noch nicht gesehen hat: die Freimaurerloge ehrt einen der ihren, der seit 50 Jahren im Beruf ist. Wiseman filmt das komplette Zeremoniell, die Herrn in ihren Freimaurerschürzen, mit ihren typischen Ketten und Anhängern, dem Zimmer mit den vielen Symbolen. Die Rituale. In einer deutschen Doku würde so etwas nicht auftauchen, bei uns sind die Freimaurer zugeknöpfter und lassen sich nicht bei ihren Versammlungen filmen.

Die Hauptstraße von Monrovia. Foto: Cortesy of TIFF

Die Hauptstraße von Monrovia. Foto: Cortesy of TIFF

Es gibt spannendere Filme von Wiseman, dem ältesten und besten oder zweibesten Dokumentarfilmer (der andere ist der 76-jährige Werner Herzog, von dem in Toronto auch ein neuer Film läuft), keine Frage, auch bessere Sozialstudien wie „In Jackson Heights“ (2015), aber da filmte er immer einen Mikrokosmos, keine ganze Stadt und kein so unspektakuläres Leben. Doch das gemächliche Leben der alten Bauern zwischen Kühen und Korn hat Wiseman  eigentlich perfekt einfangen. Am Ende weiß man zwar immer noch nicht; warum die Morovianer Trump gewählt haben, aber man sieht, dass das Leben im ländlichen Amerika doch anders als das in den ländlichen Gebieten der Pfalz.

Andrea Dittgen

 

Trump und Hitler

Michael Moore, der Oscar gekrönte Dokumentarfilmer, erklärt in seinem neuen Film „Fahrenheit 11/9“ endlich den wahren Grund, warum Donald Trump Präsident werden wollte: Als er noch seine Show beim Fernsehsender NBC hatte, fand er heraus, dass Gwen Stefani für ihre dortige Serie mehr Geld bekam als er. Er begann zu verhandeln – nun, wie es ausgeht, weiß man. Weil er viele Unterstützungsaktionen hatte, als er rausflog, beschloss er, seine Popularität zu nutzen. So einfach ist das. Natürlich hat Moore hier sofort die Lacher auf seiner Seite – und auch noch als er ein altes Foto von sich mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner zeigt, der 2007 Moores Party zur Premiere seines Films „Sicko“ (2007) über die Malaisen das US-Gesundheitssystem sponserte, weil er das Thema gut fand. Das ist Geschichte. Dass Michael Moore richtig vorhersagte dass Trump gewinnen würde, während so ziemlich alle anderen im Vorfeld meinten, dass könne nicht sein – kommt in „Fahrenheit 11/9“ (auch ein Zitat, „Fahrenheit 9/11“ hießt Moores Film über den Terror von 2004) natürlich auch vor. Aber es geht nicht nur um Trump.

Michael Moore und Trump-Schwiegersohn Jared Kushner 2007. Foto: Courtesy of TIFF

Michael Moore und Trump-Schwiegersohn Jared Kushner der den Filmemacher 2007 unterstützte. Foto: Courtesy of TIFF

Zwischendurch schweift Moore ab und erzählt, wie in seiner Heimatstadt Flint, Michigan, der korrupter Gouverneur und Parteifreund Trumps, Michael Snyder, dafür sorgte, dass das Trinkwasser nicht mehr aus dem sauberen nahen Vulkansee, sondern aus dem schmutzigen Flint gewonnen wurde, solange wie die zweite Wasserpipeline zum See gebaut wird, an der der Senator und seine Freunde kräftig verdienen. 10.000 Kinder wurden dadurch lebenslang geschädigt. Moore habe von Synder gelernt, wie man mit beharrlichem Leugnen und Vetternwirtschaft Politik macht, behauptet Moore.

Michael Moore kippt dem Gourveneur von Flint, das dreckige Trinkwasser in seinen gGarten. Foto: Courtesy of TIFF

Michael Moore kippt dem Gouverneur von Flint das dreckige Trinkwasser in seinen Garten. Foto: Courtesy of TIFF

Das ist das eine, Moore erzählt auch vom Streit der Lehrer in West Virginia für höhere Löhne, der landesweit Schlagzeilen machte und den Lehrern und anderem Schulpersonal die ersehnte Erhöhung. Was insofern mit Trump zu tun hat, als es auch in seine Regierungszeit fällt.

Doch dann kommt, was wohl kommen muss: Moore vergleicht Trumpf mit Hitler. Er nimmt Archivmaterial von Hitler, synchronisiert eine seiner Reden neu mit Trump-Worten und meint, dass damals in Deutschland auch niemand vorausgehen hätte, dass Hitler gewinnt. Und dass beide eint, dass sie zum Zeitpunkt der Kandidatur von Politik keine Ahnung gehabt hätten, sehr wohl aber von massenwirksamen Aktionen. Was so natürlich nicht stimmt, aber für Lacher gut ist. Auch der letzte lebende Ankläger der Nürnberg-Prozesse, der 98-jährige Ben Ferencz (über den es später bei dem Festival noch eine eigene Doku gibt), kommt zu dem Thema noch zu Wort.

Außerdem sieht man, dass Trump seine Tochter Ivanka von klein auf immer wieder in der Öffentlichkeit küsste – und dass ein halbes Dutzend seiner Berater wegen sexueller Belästigungen aktenkundig ist. Was alles nichts daran ändert, dass Trump immer noch Präsident ist und für weitere vier Jahre antreten will. „Es geht den Amerikanerin nicht um die Wahrheit, es geht darum, dass die Menschen Trump für glaubwürdig halten“, sagt eine Geschichtsprofessorin zu Trumps Zukunft.

Kurzum: Bis auf Gwen Stefani und die Wasservergiftung bringt der Zweistundenfilm keine neuen Erkenntnisse. Er wirkt wirr, nicht stringent, aber – wie immer – wie eine unterhaltsame Collage. Der Film hat schon einen deutschen Verleih, aber noch keinen Starttermin.

Andrea Dittgen

Filmen ist Frauensache!

Regisseurinnen, die Tolles geleistet haben? Es gibt so viele, dass sie nur mühsam in eine 16-Stunden-Dokumentaton reinpassen. „Woman Make Film: A Road Movie Through Cinema“ heißt die Doku, die gleich am ersten Tag des Torontio International Film Festival lief. Das heißt: zu sehen waren vier Stunden, mehr sind noch nicht fertig, Ende 2019 soll der Film komplett sein. Doch allein diese vier Stunden sind besser als ein Semester Filmwissenschaftsstudium – auch wenn die Sache aus feministischer Sicht einen dicken Makel hat. Den Film machte ein Mann, der 53-jährige Ire Mark Cousins. Er hätte einen Oscar verdient – so viel kann man nach vier Stunden schon sagen. Etwa 150 Filmausschnitte von Regisseurinnen aus 30 Ländern sind zu sehen, dazu die Erzählstimme von Tilda Swinton (die nächsten vier Stunden soll Jane Fonda erzählen) und zwischendurch immer wieder Fahrten auf Landstraßen in aller Welt. Wer sie gedreht hat weiß man nicht, es steht nicht im Nachspann. Es gibt (noch) kein Presseheft, keine Infos, keine Fotos. Es gibt nur diese ersten vier Stunden – ein Work in Progress.

Dass Alice Guy-Blaché, die allererste Frau, die Filme drehte (1896 begann sie mit Kurzfilmen, und Studiochefin von Gaumont in Amerika war, darin vorkommt, ist klar. Mit einer irrwitzigen Verfolgungsjagd durch die Stadt, mitten durch Wohnungen und mit Kollateralschäden. Dass man einiges davon in „Gefährliche Brandung“ (1991) von Kathleen Bigelow wiederfindet, der einzigen Spielfilmregisseurin, die je einen Oscar bekam, überrascht dann aber doch. Cousins erzählt nichts Biografisches über die Frauen, er zeigt Ausschnitte aus Filme, Momente für die Ewigkeit, weil sie so ungewöhnlich sind, dass man sie nicht vergisst. Fünf Regisseurinnen kommen besonders häufig vor. Bigelow, Kinuyo Tanaka (1910-1970, sie war Schauspielerin bei Ozu und Mizoguchi und wurde erst mit 52 Jahren Regisseurin), die in Rumänen geboren und in der Ukraine arbeitende Kira Muratowa (1934-2018), Ida Lupino (1918-1995), die erste Frau, die in Hollywood drehte und als erste Frau in die amerikanische Filmakademie aufgenommen wurde, und schließlich die Französin Agnès Varda (geboren 1928). Tanaka, hierzulande kaum bekannt, drehte Fahrten, die sogar von eleganten und komplexer waren als die von Max Ophüls. Muratowa fand ungewöhnliche Wege, Figuren einzuführen, Bigelow machte Actionfilme, die viel zu schnell geschnitten sind, als das die Augen folgen können. Lupinos Gangster- und Liebesdramen hatten einen sehr weiblichen Touch und Varda erfindet immer wieder neue Montagen, Fahrten und Figuren.

Die Liste der unbekannten und vergessenen Regisseurinnen ist lang. Haben Sie schon mal etwas von Malvina Ursianu gesehen, die Filme im Stil von Ingmar Bergman drehte? Oder von Ava DuVernay? Wendy Toye? Wanda Jakubowska? Barbara Kopple (die US-Dokumentarfilmerin hat schon zwei Oscars). Oder von Maren Ade? Na ja Maren Ade kennt man in Deutschland. Sie ist gleich mit drei Szenen aus „Toni Erdmann” vertreten. Andere Deutsche sind Helma Sanders-Brahms („Deutschland, bleiche Mutter“), Sonja Heiss („Hedi Schneider steckt fest“), natürlich die Scherenschnittfilm-Pionierin Lotte Reiniger und Leni Riefenstahl.

Die Auswahl der Ausschnitte ist subjektiv, natürlich, die Einteilung in 40 Kapitel von „Der Anfang des Films“ über „Die Einführung von Figuren“, „Fahrten“ und „Reisen“ (elf Kapitel sind in den ersten vier  Stunden drin) ebenso. Aber sie sind so erhellend gewählt, dass man sehr viel übers Filemachen lernt. Und eben, dass Frauen mindestens so tolle Bilder drehten und ungewöhnliche Techniken erfanden wie Männer.

„Es gibt nicht mal annähernd genug Filmemacherinnen, nie. Die Filmindustrie ist sexistisch, es ist ein Männerverein“, sagt Tilda Swinton zu Beginn dieses Films, an dem Mark Cousins – mit weiblicher Beratung natürlich – seit vier Jahren arbeitet. Er hilft, unbekannte und vergessene Regisseurinnen und ihre Leistungen ins Bewusstsein zu bringen. Er könnte der beste Lehrfilm über Film werden  – besser noch als Cousins 15-stündige „History of Film: An Odyssey“, die 2011 beim Festival von Toronto Premiere hatte.

Andrea Dittgen

Das radikale Vorbild der „Dogma“-Bewegung

Da denkt man, die dänische „Dogma“-Bewegung mit ihren klaren Regeln, die Lars von Trier & Co. 1995 ins Leben gerufen hatte, wäre die erste Gruppendynamik. Doch dem ist nicht so. Bei „Dogma 95“ verpflichteten sich (anfangs) vier Regisseure, zehn Regeln einzuhandeln und die Filme nicht mit ihrem Namen zu zeichnen. Zwischen 1998 und 2003 hielt der Pakt, bei dem fast jeder stets mindestens eine Regel brach. Das war das Vorbild konsequenter, das beim Festival von Bologna vorgestellt wurde.

Polizist in Kampfausrüstung

Polizist in Kampfausrüstung

Im wilden Jahr 1968, als in Paris die Studenten auf die Straße gingen, um für besser Arbeitsbedingungen protestieren und es zu Straßenschlachten kam, wurde die französische Bewegung „Ciné-Tracts“ gegründet. Von den filmischen Wortführern der Proteste: Jean-Luc Godard, Alain Resnais, Chris Marker & Co. als Kollektiv. Aus Solidarität, aus Revolte, als Aktion und spezielle Form, den Protest in weiteren Kreisen bekannt zu machen.

Wurfbereite Pflastersteine

Wurfbereite Pflastersteine

Zu dem Inhalt kam die Form: Kurze Dokumentarfilme, alle mit derselben Länge: 2 Minuten 44 Sekunden, länger war eine 16-mm-Rolle nicht, und 16-mm. Sie Filme waren schwarzweiß und stumm, es waren Fotoromane, also abgefilmte Fotos von den Demonstrationen, dazu Plakate, Sprüche, handgeschriebene Gedanken. Und anonym sollten die Filme sein. Es gab mehr Regeln als bei Dogma und sie wurden eingehalten. Wenn man nicht selber drehte, wurden Zeitungsfotos gefilmt.

Straßenschlacht

Straßenschlacht

Die Filme waren schnell geschnitten, ein Polizist mit rundem Helm und Brille in Großaufnahme taucht besonders oft auf, ebenso ein einsamer Streit mit Gewehr im Halbnebel, die zum Werfen bereit liegenden Berge von Pflastersteinen, Demonstranten in fest geschlossenen Reihen, die Schriftzüge der Fabrik von Renault. Mit ihren agitatorischen Bild-Text-Montagen waren eine Fortsetzung der Plakate und der Parolen, die man im Mai 1968 den Häuserwänden lesen konnte. Es war Filmpolitik. Die 40 bis 50  „Ciné-Tracts“ – wie viele es gab, ist unklar, zumal die Nummerierung nicht stringent war und erst bei Nr. 106 endete – wurden auf Demonstrationen, Versammlungen und in Fabriken gezeigt.

Die Regeln

Die Regeln

Sie waren anonym, aber die Urheber kann man durchaus erkennen. Vor allem Godard. Von ihm sind die Filmen mit den handgeschrieben Wörtern, die oft sprachspielerisch auseinanderrissen sind, die Filme mit den meisten Zwischentiteln und den längsten Zitaten (Nr. 1, 7, 8, 9, 10, 12, 13, 24, 15, 16, 23, 40). Wenn es nur wenige Zwischentitel gibt, sauber gesetzt und es eher Fragen als Antworten und Aufrufe gibt, selbst aktiv zu werden, dann war der Film wohl von Chris Marker. Marker hatte die Idee zur dieser Bewegung und der Form. Obwohl die Regisseure alle jung waren, hatten sie schon die Handschrift, für die sie später berühmt waren. Auch das macht diese „Ciné-Tracts“ von 1968 (es gab sie nur in diesem Jahr als begrenzte Aktion) so interessant. Vor allem Godard (die anderen Mitstreiter sind inzwischen verstorben) hat das Prinzip der Text-Bild-Collagen bis heute beibehalten und auf Langfilme übertragen.

Sieht man ein Dutzend oder noch mehr dieser Kurzfilme hintereinander, fallen die vielen Wiederholungen der Bilder auf, die natürlich auch eine Wirkung haben und immer noch zum Nachdenken anregen. Heute fallen die Filme unter das Etikett „Experimentalfilm“ – und ähnliche Übungen sind inzwischen an den Filmhochschulen üblich – nicht nur in Frankreich.

Andrea Dittgen