Das Tennis-Doppel

Zwei neue Tennis-Spielfilme auf einmal hat das Festival von Toronto programmiert. So etwas gab es noch nie. Nicht nur, weil bislang keine Spielfilme nach historischen Tennis-Ereignissen fürs Kino gedreht wurden, sondern auch, weil beide Filme so mitreißend sind. Einmal Frauen, einmal Männer, einmal 1973, einmal 1980. Die Fans wissen sofort, worum es geht.

"Borg McEnroe" mit Shia LaBeouf (links) als John McEnroe und Sverrir Gudnason als Björn Borg. Foto: Courtesy of TIFF

„Borg McEnroe“ mit Shia LaBeouf (links) als John McEnroe und Sverrir Gudnason als Björn Borg. Foto: Courtesy of TIFF

Zuerst die Männer, weil der Film schon zur Eröffnung des Festivals lief: „Borg McEnroe“ von (dem Dänen) Janus Metz ist vor allem ein schwedisch-nordsicher Film was heißt, dass der Fokus auf dem Schweden Björn Borg (Sverrir Gudnason, der ihm sehr ähnlich sieht) liegt. Kurz vor Wimbledon 1980 war John McEnroe (Hollywoodstar Shia LaBeouf), der junge wilde Amerikaner, das große Talent, dem man es zutraute, Borg den fünften Wimbledonsieg zu nehmen. Die Rivalität der beiden, oder vielmehr die unterschiedlichen Charaktere – der gefühlskalte Eisblock und der emotionale Rebell – werden sehr schön rausgearbeitet. Der Film springt zwischen den beiden Lagern hin und her, zeigt die Spieler in ihrem Umfeld – das heißt, sie sind meistens allein. Das ist das einzige, was sie eint.  Sie haben zwar ihre Berater und Borg auch seine Freundin, die er im Begriff ist zu heiraten, aber Freunde haben sie eigentlich nicht. Also geht es um die Selbstzweifel, die der Champion hat, denn er merkt, dass er zurzeit nicht in Form ist – und um die hohen Erwartungen, mit denen der Nachwuchsmann kämpft, der es hasst, sich an irgendwelche strengen wie die von Wimbledon zu halten und schon mal einfach so allein durch die Stadt und die Kneipen streift.

Bis dahin ist alles europäisches Kunstkino. Der Film kippt erst – er wird schneller, auch die Schnittwechsel zu den beiden Hauptfiguren, wenn es zu dem Finale Borg gegen McEnroe. Wer nicht mehr weiß, wie die diese tolle Schlacht ausgegangen kann, für den wird es spannend. In Schüben, denn immer wieder zeigen kurze Rückblicke, was die beiden Helden so denken. Doch so typisch heldenhaft wie ein Hollywood-Sportfilm sind die zwei Stunden mit „Borg McEnroe“ nicht – genau das macht den Film auch für Nicht-Tennisfans so interessant. Deutschlandstart: 19. Oktober.

Wer stand 1980 in Wimbledon bei den Frauen im Finale? Um diese beiden geht es nicht. Auch nicht um Wimbledon, sondern um die Frau, die es1980 nur noch bis ins Viertelfinale schaffte, aber wohl die historisch wichtigstes Frau für das Tennis war, und um ihr epochales Tennismatsch, die „Battle of the Sexes“, der Kampf der Geschlechter, von 1973. So heißt auch der Film von Valerie Faris und Jonathan Dayton, ein Hollywoodfilm. Es geht um Billie Jean King (Emma Stone). Sie setzte es durch, dass die Frauen im Tennis nicht mehr nur 30 Prozent der Gage im Vergleich zu den Männern bekamen, sondern auch 100 Prozent. Damals argumentierten die Tennis-Turnierveranstalter (allesamt Männer natürlich), dass nur ein Drittel so viele Zuschauer zu den Spielen der Frauen kämen. Die Amerikanerin King – wieder  so ein rebellischer US-Tennis-Typ wie später McEnroe – damals die Nummer eins, boykottierte die von den Männern organisierten Turnier, stellte eine Tournee mit allen US-Tennis-Spitzenspielerinnen auf die Beine, die hohe Wellen schlug.

"Battle of the Sexes". Vor dem Match geben sich Billie Jean King (Emma Stone) und Bobby Riggs (Steve Carrell) siegessicher. Foto: Courtesy of TIFF

„Battle of the Sexes“: Vor dem Match geben sich Billie Jean King (Emma Stone) und Bobby Riggs (Steve Carrell) siegessicher. Foto: Courtesy of TIFF

Nun argumentierten die Männer, dass die Frauen längst nicht so gut Tennis spielen. So kam es zur „Battle oft he Sexus“ dem Spiel Mann gegen Frau.  Das bekannteste Spiel fand am 20. September 1973 in Houston statt: Der  55-jährigen Bobby Riggs (Steve Carrell), der vor 34 Jahren Wimbledon gewonnen hatte und als schlimmer Frauen-gehören-an-den-Herd-Vertreter galt, forderte die damals 29-jährige Billie Jean King heraus. Sie gewann das Match glatt in drei Sätzen und wird seitdem als Ikone des Frauentennis gefeiert. Doch diese Rivalität ist nur die eine Geschichte des Films, die andere ist das Porträt von Billie Jean King. Die verheiratete Frau wurde im Vorfeld dieses Kampfes unfreiwillig als lesbisch geoutet, was damals im prüden Amerika wahrscheinlich die größere Zumutung war, zumindest kommt es so in diesem Film rüber. Billie Jean stürzt in eine psychologische Krise und verliert ein paar Spiele und sogar ihren Rang als Nummer 1. Also wieder eine gebrochene – Heldenfigur wie Borg in anderen Film. Und wie Bord schafft es dann, sich im entscheidenden Match wieder zu großer Form aufzulaufen. Hier wird mehr diskutiert als in „Bord McEnroe“ und weniger Tennis gespielt, aber weniger spannend ist er nicht. Dafür viel humorvoller, denn Emma Stone und Steve Carrell, die beiden  Top-Schauspieler, liefern sich auch wunderschöne Duelle mit Worten und Gesten jenseits des Platzes (Deutschlandstart: 23. November).

Das Traurige daran: Auch heute noch bekommen Männer meist eine 20 Prozent höhere Gage als Frauen – nicht mehr im Tennis, aber in Hollywood-Filmen, wie die letztjährige Oscar-Gewinnerin Emma Stone erklärte.

Andrea Dittgen

 

The Great Udo

Es ist Mitternacht. Nach der Vorstellung von “Brawl in Cell Block 99“ (Schlägerei im Zellenblock 99) kündigt der Moderator in Toronto dem Publikum den Gast mit den drei Worten an: „The Great Udo!“ Gemeint ist – natürlich – Udo Kier. Es gibt nur zwei Film-Deutsche, die schon seit Jahrzehnten in Amerika leben und dort sowie in Kanada Kultstatus genießen: Werner Herzog (75) und Udo Kier (72). Beide drehen seit über 50 Jahren Filme. Sie werden geliebt wegen ihrer Filme – und wegen ihrer witzig-trockenen Art, wenn sie dem Publikum gegenübertreten.

Udo Kier in Toronto. Foto: Courtesy of TIFF

Udo Kier in Toronto. Foto: Courtesy of TIFF

Herzog war letztes Jahr (mit zwei Filmen)  beim Toronto International Film Festival, jetzt ist Kier dran. Auch mit zwei Filmen. In besagtem B-Picture-Horror-Slasher-Film (Hauptrolle Vince Vaughn, Kier hat eine Nebenrolle, ebenso Don Johnson) des Amerikaners S. Craig Zahler und in der Komödie „Downsizing“ (Schrumpfen) von Alexander Payne. Er spielt jeweils eine Nebenrolle, in „Downsizing“ hießt er Konrad und ist der beste Freund des Mannes, der sich zur Größe des Däumlings schrumpfen lassen will, weil dann das Leben viel billiger rund schöner ist und man die Umweltressourcen mehr schont. Konrad sitzt auf dem Sofa in der Villa und gibt den netten Playboy, der eine Yacht hat, auf die er seine Freunde mitnimmt. Im zweiten Film steckt Kier als „Placid Man“ (gelassener Mann) in einem eleganten Anzug und spielt den Helfershelfer des Oberschurken. Seltsamerweise kommt er in beiden Filmen nicht – wie sonst üblich – ums Leben.

Der erste Film ist besser als der zweite, wie man sich denken kann, aber das ist unerheblich, denn Kier ist in erster Linie Kier. Dafür sorgt der starke deutsche Akzent, mit dem er Englisch spielt, sein nicht ganz wegzukriegender leicht tuntiger Einschlag und seine strahlendblauen Augen. All das kommt in diesen neuen Filmen zur Geltung. Während der erste Film eine Komödie ist, macht Kier bei seinem amüsanten Auftritt auch aus dem zweiten ein. Ein bisschen O-Ton: „Ich habe den Film gestern schon gesehen und heute noch einmal das Ende: Er ist so wunderbar brutal! Wenn er den Kopf abschlägt, yeah, das mag ich, und dann wenn er den Arm bricht, yeah. Ich finde Vince Vaugh ganz toll in dem Film. Mit Zahler bin ich inzwischen befreundet, ich glaube, ich spiele jetzt in all seinen Filmen mit. Ich spiele in seinem neuen Film „The Puppetmaster: the Littelst Reich“ mit, ich habe einen Zahler-Film mit Mel Gibson gedreht und hoffe, dass wir noch viele Filme zusammen machen.

Aber als mir Zahler die Rolle anbot, meinte ich: ,Das kann ich nicht sagen. Mein Boss will jemanden töten. Er will die Arme und Bein des Fötus im Bauch deiner Frau abschneiden. Und dann wirst du ein kleines Paket bekommen.‘ Das kann ich doch nicht sagen! Ich habe schon jede Menge Bösewichter gespeilt, von Dracula bis Frankenstein, aber in einem Film, der heute spielt, so etwas zu sagen  – das gefällt mir! Nach den Vorführungen  kommen oft Frauen zu mir und sagen: „Du bist so böse“. Ich bin ein Schauspieler, der so böse ist, dass Frauen davon einen Orgasmus bekommen. Wunderbar. Ich bin glücklich. Ich habe noch einen Film hier, „Downsizing“. Ich habe zwei Filme hier, ist das nicht toll? Ich komme aus Palm Springs, müde, und mache hier das Frage-und Antwort-Spiel. Wenn man nicht die Hauptrolle hat, sondern eine Nebenrolle spielt, muss man etwas tun, an das sich jeder erinnert. Den Freund der Hauptfigur zu spielen ist schrecklich. Wenn ich ein Drehbuch bekomme – und egoistisch wie ich bin, lese ich zuerst meine Rolle, dann das ganze Drehbuch mit meiner Rolle, dann denke ich. Da muss ich nicht mitspielen, es ändert nichts, aber dann mache ich es doch. Ich mache schon seit  50 Jahren Filme, ich habe schon mit den Regisseuren der Welt gearbeitet, aber was zählt: Ich will Spaß haben. Und dieser Film hat mir viel Spaß gemacht! Ich war schon ein paarmal in Toronto, vor langer Zeit drehte ich hier auch einen Film mit Regisseur Richard Longo und mit Keanu Reeves („Johnny Mnemonic“, 1995), aber ich habe ein Problem: ich verwechsele Toronto und Vancouver. Die Städte sehen sich so ähnlich. Wo war noch mal das japanische Sushi-Restaurant? Nein, das war in Vancouver. Morgen früh um 4.30 Uhr muss ich aufstehen, um 8 Uhr startet der Flieger, um mich nach Hause zu bringen. Ich habe einen Hund und eine Ranch, die von Bergen umgeben ist, ich bin Linkshänder, also werde ich dann in meiner linken Hand ein Glas Wein halten und einen Lizard und einen Roadrunner sehen – mit dem Toronto-Lächeln.“

Andrea Dittgen

Abschied von Eric Clapton

Nein, er ist nicht heimlich gestorben. Aber beim Festival von Toronto verkündete der 72-jährige Musiker, dass er aufhören will. „Ich gebe noch vier Konzerte, dann ist alles vorbei. Und das sage ich schon seit ich 17 bin“. In der Tat hat der Dokumentarfilm über ihn, der in Toronto Premiere hat, etwas von Abschied. Nicht nur, weil er einem Nachruf: Clapton sitzt traurig da und erinnert an den gerade verstorbenen B.B. King (1925-2015), sein Vorbild. Dennoch:  „Eric Clapton: A Life in 12 Bars“ (Ein Leben in zwölf Takten) endet mit seinem glücklichen Senior inmitten seiner Familie mit seinen kleinen Kindern. „Im letzten Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich – wenn ich aufhöre, mit anderen zusammen Musik zu machen – gut leben kann, wenn ich einfach nur Musik höre. Das reicht mir“, so Clapton weiter, der (nach Jimi Hendrix) als zweitbester Rockgitarrist aller Zeiten angesehen wird.

Eric Clapton verausgabt sich. Foto: Courtesy of TIFF

Eric Clapton verausgabt sich. Foto: Courtesy of TIFF

Zu dem heute so genügsamen glücklichen älteren Mann passt das Happy End in dem zweistündigen Dokumentarfilm von Lili Fini Zanuck: Da sitzt der seit 2002 in zweiter Ehe mit der 31 Jahre jüngeren Melia McEnery verheiratet mit seinen drei kleinen Töchtern im Wohnzimmer und lächelt.  Dabei war  Claptons Leben vorher alles andere als harmonisch. Das fing schon damit an, dass seine erst 16-jährige Mutter das Baby nicht wollte und Eric bei den Großeltern aufwuchs. Selbst etwa zehn Jahre später, als seine Mutter, die von Großbritannien zu Erics Vater nach Kanada zog, auf Besuch in Europa war, wollte sie ihn nicht, sondern nur ihre beiden neuen Kinder. Das hat ihn sehr verletzt, erzählt er im Off. Wahrscheinlich hat es ihn auch zum Außenseiter gemacht, der viel zeichnete und anfing, Gitarre zu spielen. „Er war ganz allein und hatte keine andere Wahl, als zu singen und zu Gitarre zu spielen, um seinen Schmerz zu verdrängen“, sagte seine Tante, die neben seiner Großmutter und Mitmusiker wie Steve Winwood zu Wort kommen (aber nur auf dem Off, zu sehen sind sie nicht).

Eric Clapton. Foto: Courtesy of TIFF

Eric Clapton. Foto: Courtesy of TIFF

Das Porträt, das Clapton initiierte, weil er es sehen wollte, solange er noch lebt, wie er bei der Pressekonferenz sagte, handelt die bekannten Karrierestationen ab, die vielen Bands, in denen er mitspielte (die Yardbirds, Cream, Blind Faith und die Clapton Band  werden ausführlich behandelt),  insofern ist er konventionell. Aber das Wunderbare daran ist, dass es zu allen Stationen Bilder und rare Tondokumente gibt (auch von verstorbenen Mitmusikern wie George Harrison von den Beatles)  gibt, selbst aus seiner Kindheit sind viele Fotos da – mit einem Jungen, der Flugzeuge und Autos in Comic-Manier zeichnet, mit der ersten Gitarre spielt. Später kommen die unscharfen Super-8-Aufnahmen von Auftritten der Yardbirds. Heute mutet es seltsam an, zu hören, dass er die Band verließ, weil sie ihm zu kommerziell wurde, will doch jeder Musik eigentlich nur das: Viel Geld mit seiner Musik verdienen. In raren Aufnahmen sieht man Clapton im Studio, ganz in sich gekehrt und nur auf die Gitarre konzentriert, egal, aus welchem Jahrzehnt die Aufnahmen sind. Natürlich sind etliche Konzertaufnahmen dabei, allerdings nicht die berühmten.

Regisseurin Lili Fini Zanuck. Foto: Courtesy of TIFF

Regisseurin Lili Fini Zanuck. Foto: Courtesy of TIFF

Über die Musik sind seine privaten Probleme gelegt: seine lange Jahre lang unerfüllte Liebe zu Patti, die mit seinem Freund George Harrison verheiratet war und in Surrey im Cottage nebenan lebte, später seine Heroinsucht und danach seine viel schlimmere Alkoholsucht (auch seine Bühnenausfälle, wo er sich rassistisch äußert, werden nicht ausgespart). Der apathisch auf in seinem Anwesen Hurtwood Edge in Surrey umhergehende Süchtige wirkt wie ein Geist. Der wenig später wie ein Phoenix aus der Asche aufsteigt, als er völlig unerwartet Vater wird, was sein Leben verändert. Er lernt Verantwortung zu tragen. Von all den Songs, die er schrieb, wird nur einer in voller Länge gezeigt: „Tears in Heaven“, die Ballade, die er schreibt, nachdem sein Sohn im Alter von vier Jahren aus einem Hochfenster fiel uns starb und heute sein bekanntester Song ist (sie ist in dem Spielfilm „Rush“ von 1991 zu hören, Lili Fini Zanucks Regiedebüt). Seitdem macht er nur Musik zur Erinnerung an seinen kleinen Sohn, sagt er in diesem ungewöhnlichen, sehr persönlichen Dokumentarfilm, der keine der bei Rockmusikern üblichen Beweihräucherungen ist und nicht einmal alle wichtigen Musiktitel enthält (auch nicht seine Preise, die 17 Grammys), sondern ein überraschend schonungsloses Porträt eines der einflussreichsten Gitarristen ist, mehr ein Hintergrundbericht, aus Claptons Sicht wohl auch eine Rechtfertigung – und eben ein Abschied.

Andrea Dittgen

Der Kannibale mag Disney-Filme

Die Geschichte ist so  schrecklich, dass man sie in einem Spielfilm nicht erzählen könnte: 1981 tötete der damals 32-jährige japanische Medizinstudent Issei Sagawa in Paris eine Mitstudentin, die seine Liebe nicht erhörte. Danach vergewaltigte er die Leiche und aß Teile von ihr auf. Zwar wurde er geschnappt, aber für unzurechnungsfähig erklärt und  nach Japan zurückgeschickt. Dort lebt er noch und erzählt von seiner Tat, auch dem Regisseurs-Paar Véréna Patarel und Lucien Castaing-Taylor. Das  für seine Experimentalfilme (die schon bei der Berlinale zu sehen waren) bekannte Duo machte daraus „Caniba“, einen 90-minütigen Film, der Dokumentarisches und Experimentelles mischt und ein größerer Schocker ist als die meisten Horrorfilm. Denn alles, was Issej Sagawa und sein Bruder Jun erzählen, ist wahr. Es begann irgendwann in der Pubertät mit der erwachenden Sexualität: der Wunsch, die Geliebte auch aufzuessen. Doch es dauerte eine Weile, bis aus dem in schönster Harmonie mit seinem Bruder aufwachsenden Issei (das zeigen alte Fotos) jener Mann wurde, der zum Kannibalen wurde. Er mochte die freundlichen Zeichentrickfilmmärchen von Walt Disney und Hayao Miyazaki, sagte er. Und wohl auch die deutschen Gedichte der Romantik, die seine Mitstudentin Renée in Paris in seinem Apartment übersetzte. Aber sie wollte ihn nicht als Liebhaber. Was den sexbesessenen Issei durchdrehen ließ. Er wollte sie ganz, erzählt er ganz langsam, in ruhigen Worten. Genauso ruhig erzählt er, wie er sie tötete und begann ihr Fleisch zu essen. Er sagt aber auch, dass er selbst von Renée gegessen werde wollte.

Das Gesicht des Kannibalen wird immer verfremdet gezeigt. Foto: Courtesy of TIFF

Das Gesicht des Kannibalen wird immer verfremdet gezeigt. Foto: Courtesy of TIFF

Auch später noch hatte er den Wunsch, das zarte Fleisch von Frauen zu essen, erzählt er. Über seine Gefühle beim Essen von Menschenfleisch spricht er jedoch nicht. Über Moral auch nicht. Stattdessen  zeigt er die Bilder, die er davon gezeichnet hat, denn er machte aus seiner perversen tat ein Manga, einen Comic, in Farbe, ziemlich drastisch.  Mit dem Messer schneidet er erst ein Stück aus der Pobacke, dann eins aus der Brust, aus dem Arm.  Während der erzählt, zeigen die Regisseure, die keine Fragen stellen und nichts kommentieren, den Täter nicht einfach frontal, wie üblich: Sie verfremden das Gesicht, indem sie nur Ausschnitte zeigen: nur die Augenpartie, nur den linken Teil, sie legen das Gesicht dazu noch waagerecht, lassen es immer im Halbdunkeln, machen es unscharf. So wie auch Issei seine Tat unscharf sieht, er sagt, dass er verrückt sei, das wisse er. Das Einsseinwollen mit der geliebten Frau habe bei ihm eben nur funktioniert, indem er sie aß.

Die Schweizer Regisseurin Véréna Patarel. Foto: Courtesy of TIFF

Die Schweizer Regisseurin Véréna Patarel. Foto: Courtesy of TIFF

Es ist vor allem die Ruhe, mit der Issei (heute ein alter Mann, der Zucker hat und einen Herzinfarkt, in einem Vorort von Tokio lebt und von seinem Bruder betreut wird) die einen als Zuschauer so an die Nerven gehen, was durch die provozierenden, anstrengenden Bilder noch verstärkt wird, die trotz ihn trotz allen mehr als Mensch, denn als Monster zeigen. Aber oft sieht man Issei, wie er kauend die Lippen bewegt. Was zusätzlich schockt, denn die schlimmsten Bilder entstehen bekanntlich erst im Kopf des Betrachters. Es ist wohl der verschreckende, ungewöhnlichste und zugleich nachdenklichste Film, den das Festival von Toronto in diesem Jahr zu bieten hat.

Der britische Regisseur Lucien Castaing-Taylor. Foto: Courtesy of TIFF

Der britische Regisseur Lucien Castaing-Taylor. Foto: Courtesy of TIFF

Andrea Dittgen

Konzert beim Fimfest

Von Timo Benß

Anna Loos auf dem Roten Teppich in Ludwigshafen. Foto: Kunz

Anna Loos auf dem Roten Teppich in Ludwigshafen. Foto: Kunz

Musik und Film gehören einfach zusammen. Und dass eine Band auf ein Filmfest passt, hat der Auftritt von Silly am Sonntagabend noch einmal bestätigt.

Die Doku von Sven Halfar „Silly – Frei von Angst“ feierte auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen Premiere. Statt eines klassischen Filmgesprächs, wie es bei anderen Filmen des Festivals üblich ist, gibt es ein Unplugged-Konzert der Band. Doch über den Film gesprochen wurde trotzdem.

Viel geredet wurde zum Beispiel über die Teilung Deutschlands. Silly wird ja noch oft genug als „Ost-Band“ wahrgenommen. Anna Loos setzt da entgegen: „Ich bin Wossi!“ Und wie es scheint, mit Stolz. Die Band wirkt beim Gespräch wie die gelungene Wiedervereinigung in Person.

Für den Film hat Sven Halfar die Band rund um die Uhr mit Mikrofonen ausgestattet und mit handlichen Kameras gefilmt – die Musiker bemerkten sie irgendwann nicht mehr, sagte Loos. Und es sei komisch gewesen, wenn sie mal nicht dabei gewesen seien. Insesamt mussten für den Schnitt 200 Stunden Material gesichtet und ausgewertet werden. Für Cutterin Eva Kohlweyer keine leichte Aufgabe, wie sie verriet.

Überraschung mit Helene

41 deutsche (Co-)Produktionen sind beim Festival von Toronto  (TIFF) zu sehen, mehr als bei irgendeinem anderen internationalen Festival. Und spätestens am ersten Festivalsonntag treffen sich viele der Beteiligten beim deutschen Empfang, den German Films, die Organisation, die deutschen Filmen im Ausland hilft (auch finanziell) in einer Kneipe mit dem schönen Namen „Peter Pan“ ausrichtet. Oder davor.

Regisseur Robert Schwenkte stand rauchend davor mit seinem Schweizer Hauptdarsteller Max Hubacher (ihr Film „Der Hauptmann“, der im zweiten Weltkrieg spielt, hatte in Toronto Premiere) und der deutschen Autorin und Regisseurin Helene Hegemann „Axolotl Overkill“). Hegemann hat gar keinen Film in Toronto. Sie war mit ihrem Spielfilmdebüt ja schon im Januar beim US-Festival in Sundance. Aber sie war sogar die letzten zwei Monate in Toronto, weil sie ein Stipendium des Festivals bekommen hatte. Sie war der erste German Resident des Festivals, oder besser eine Austauschstudentin des TIFF Residency Exchange Programme in Zusammenarbeit mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Vorher kam der Kanadier Andrew Cividino (Sleeping Giant“) nach Berlin. Nun war die Berlinerin Helene Hegemann in Toronto. „Es ist keine Bedingung, dass man hinterher ein Script abgibt, aber ich habe viel geschrieben“, sagt sie. Die Stadt gefällt ihr, aber so viel sei sie dort gar nicht unterwegs gewesen, verrät sie.

Die "Hauptmann"-Crew mit (von links) Rgeisseur Robert Schwentke und den Schauspielerin Max Hubacher, Alexander Fehling und Frederick Lau beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Die „Hauptmann“-Crew mit (von links) Rgeisseur Robert Schwentke und den Schauspielerin Max Hubacher, Alexander Fehling und Frederick Lau beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Auch Schwentke hat noch nicht so viel gesehen, sein Film hatte am Tag vorher hier seine Uraufführung. Und nach Toronto wird er noch beim Festival von San Sebastian laufen, als Europa-Premiere, sagt der gutgelaunte Regisseur. Er zeigt seinen Film gerne in Toronto, weil die Leute hier vorurteilsfrei an einen deutschen Film und ein deutsches Thema wie den Zweiten Weltkrieg rangehen, erklärt er. Warum er, der seit über zehn Jahren nur in Amerika drehte, nun wieder ein Deutschland einen Film gemacht hat, frage ich den Mann aus Stuttgart mit dem Vollbart: „Man muss da drehen, wo das Geld ist“, meint er lapidar. In diesem Fall also nicht in Amerika, sondern in Deutschland, Polen, Portugal Frankreich (sein Film ist eine Co-Produktion). Die stellenweise schockierende Geschichte von einem Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg die Uniform einen Hauptmann anzieht und fortan zum strengen Offizier wird, der vor Erschießungen nicht zurückschreckt, wird erst 2018 in Deutschland ins Kino kommen, meint Schwentke.

Die Autorin und Regisseurin Helene Hegemann erzählt von ihrem TIFF-Stipendium. Foto: Dittgen

Die Autorin und Regisseurin Helene Hegemann (rechts) erzählt von ihrem TIFF-Stipendium. Foto: Dittgen

Schwentkes Hauptdarsteller Max Hubacher, der in Wirklichkeit noch jünger aussieht als im Film  – er ist 23, verrät er der nicht viel älteren Helene Hegemann (sie ist 25) – findet es schade, dass er am Abend wieder nach Deutschland zurück muss. Aber er ist ja eigentlich noch Schauspielschüler  (an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater) und dort ist man nicht sehr erbaut, wenn die Studenten lange wegbleiben. Aber vorher noch werden Hubacher und die anderen aus der „Hauptmann“-Crew von German-Films-Chefin Mariette Rissenbeek – nun wieder im Innern der Kneipe – offiziell vorgestellt. Alexander Fehling ist dabei – und Frederick Lau, der doppele Lola-Preisträger (zuletzt für „Victoria“), der nicht nur im „Hauptmann“ zu sehen ist, sondern auch in dem Luxemburger Film „Gutland“. Die Regisseure Valeska Grisebach („Western) und  Barbara Albert („Licht“) und der junge deutsch-türkische Filmemacher Hüseyin Tabak („The Legend oft he Ugly King“, eine Doku über den Regisseur Yilmaz Güney) werden auch noch vorgestellt, um nur einige zu nennen. Der Empfang ist locker, man redet in der Kneipe, auf der Terrasse und eben auch vor der Tür weiter – bis zum nächsten Film. Das Schöne: Hier, so fern der Heimat, kommt man sich viel schneller und ungezwungener näher.

Andrea Dittgen

 

„Dark“, die erste deutsche Netflix-Serie

Der Ort Winden aus der ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“ ist nicht das Winden in der Südpfalz! Leider. Oder Glücklicherweise.  Er hätte die Pfalz sonst in die Schlagzeilen gebracht: als Horrorort mit Kernkraftwerk, dunklen Wäldern und gleich zwei verschwundenen Kindern. „Dark“ hatte am Samstagabend beim Festival von Toronto Premiere. Natürlich nicht die  ganze Serie – die im Winter bei Netflix herauskommt – sondern wie bei Filmfestivals inzwischen üblich, die ersten zwei Folgen, zweimal 45 Minuten. Der Saal war voll, rausgerannt sind nur drei Zuschauer, die Stimmung war gut und hinterher standen der (Schweizer) Regisseur Boran bo Odar („Who Am I“), seine Drehbuchautorin Jantje Friese und Hauptdarsteller Louis Hofmann  den Zuschauern Rede und Antwort.

„Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft  ist nur eine Illusion, ein Satz von Albert Einstein,   steht als Motto am Anfang nach den Vorspann mit Fotos aus der Stadt, die sich wein Rohrschachtest auffalten. In der Kleinstadt Winden ist ein Kind verschwunden. Das ist Gesprächsthema im Ort. Selbst bei den Teenagern, die schon mal gerne im Wald raumtreiben. Sie stehen im Mittelpunkt, vor allem Jonas, der nach zwei Monaten Abstinenz (er war in einer Anstalt in Behandlung, weil er immer vom Selbstmord seines Vaters träumt, offiziell beim Schüleraustausch in Frankreich) wieder in die Stadt zurückkommt und genauso wenig Bescheid weiß wie die Zuschauer,  also ein gute Identifikationsfigur ist. Neben den üblichen Eifersüchteleien, dem Kräftemessen der Jungs und den ersten Liebesaffären sind die neugierig und treiben sich im Wald rum. Dabei verschwindet das nächste Kind, denn der kleine Bruder, auf den einer Teenager aufpassen soll, ist plötzlich auch verschwunden. Und der Jammer in der Familie groß. Die Polizistin des Orts ist ratlos, alle anderen auch, bis die Teenager im Wald eine Tür finden, die nur zum KKW führen kann. Doch trotz Durchsuchungsbefehl lassen die Leute vom KKW die Polizei nicht rein – obwohl die Schließung des KKWs bereits beschlossen ist und in den nächsten Jahren erfolgten soll. Und dann ist da noch der Umschlag, den Jonas Vater bei seinem Selbstmord hinterließ – auf dem steht: nicht vor dem 4. November um 22.13 Uhr öffnen. Am Ende der zweiten Folge ist es soweit, der Umschlag wird geöffnet, aber was in dem Brief steht, erfährt man nicht.

Jonas (Louis Hofmann) auf verbotenen Pfaden im Wald. Fotzo: Courtesy of TIFF

Jonas (Louis Hofmann) auf verbotenen Pfaden im Wald. Foto: Courtesy of TIFF

Soweit die ersten zwei Folgen.  Die sind so angelegt, wir bei Serien üblich. Viele Figuren werden eingeführt – es sind über 70, wie Friese verriet – verschiedene Handlungsstränge beginnen und so genau weiß man noch nicht, was Sache. Was man jedoch nach zwei Folgen schon sagen kann: Die Figuren sind schon typisch deutsch, aber die Atmosphäre ist es eher nicht. Trotz sehr deutsch aussehender Schule und Straßen. Da gibt es dunkle Wälder und geheimnisvolle Häuser. Doch gedreht wurde nicht irgendwo auf dem Land, sondern in Berlin, wie der Produzent verriet. Doch höchsten ein, zwei Straßenzüge und eine stattliches Haus sehen aus wie Berlin, der Rest könnte überall spielen. Das Dark (dunkel) aus dem Titel ist wörtlich zu nehmen, viele Szenen spielen im Dunkeln, das Schaurig-Mysteriöse, das sich schon nach zehn Minuten einstellt, wird unterstrichen durch die oft ins Ohr schneidende Musik (von Ben Frost). Die ersten zwei Folgen sind spannend, sie machen Lust auf mehr, denn geschickt wird angedeutet, dass mehr als nur eine der Personen etwas zu verbergen hat.

In Toronto (von links). Drehbuchautorin Jantje Friese, Regisseur Boran bo Odar und Hauptdarsteller Louis Hofmann. Foto: Dittgen

In Toronto (von links). Drehbuchautorin Jantje Friese, Regisseur Boran bo Odar und Hauptdarsteller Louis Hofmann. Foto: Dittgen

Was beim Publikumsgespräch herauskam: Odar und Freise bekannten sich dazu, Kinder der 80er zu ein und Serien wie „Twin Peaks“ zu mögen. Weshalb eine der drei Ebenen von „Dark“ ins Jahr 1986 zurückgeht, eine weite ins Jahr 1953. Und es soll ein Mix sein aus, aus Thriller, Mystik über Übernatürlichen, verrät Odar. 10 Folgen hat die erste Staffel, die natürlich nicht nur für den deutschen Markt gedreht ist, sondern international vermarktet wird. Netflix war vor zwei Jahren auf Odar zugekommen und wollte eine Serie im Stil von Odars Kinofilm „Who Am I“ (2014, sie hatte auch in Toronot Premiere). Doch Odar wollte sich nicht wiederholen und erinnerte sich an die Geschichte von „Dark“, die schon seit fünf Jahren in der Schublade lag. Gedreht wurde 150 Tage innerhalb von sechs Monaten.

Andrea Dittgen

 

Überraschungsgast Julia Jentsch

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Julia Jentsch und Regisseur Florian Hoffmeister. Foto: ütz

Von Susanne Schütz

Stars kann man auf der Ludwigshafener Parkinsel beim 13. Festival des deutschen Films auch mal unverhofft begegnen. Zum Beispiel Julia Jentsch. Die Schauspielerin hatte überraschend doch Zeit, um ihren Film „Die Habenichtse“ vorzustellen, in dem sie ungewohnt sanft und weich eine Grafikerin spielt, die sich etwas zu schnell in eine Ehe stürzt und ihrem Mann nach London folgt, wo sie nicht richtig Fuß fassen kann. Weiterlesen

Der grausame Junge

Die „Drei Zinnen“ aus dem Titel des zweiten Films von Jan Zabeil könnten auch für die drei Personen stehen, um die es in diesem Kammerspiel. Aaron, seine Freundin Lea und deren achtjähriger Sohn Tristan verbringen die Ferien in einer einsamen Berghütte in den Dolomiten. Sie sind eine Patchwork-Familie, auch akustisch: Alle drei sprechen Deutsch. Französisch und Englisch, wie es gerade passt. Weiterlesen

Arme Ritter auf der Parkinsel

Von Susanne Schütz

Der Zug war zweieinhalb Stunden verspätet, und so sind Regisseur Lars Jessen und sein Drehbuchautor/Hauptdarsteller Heinz Strunk erst mitten während der Premiere ihrer liebenswert-skurrilen Komödie „Jürgen  – Heute wird gelebt“ zum 13. Festival des deutschen Films auf die Ludwigshafener Parkinsel gekommen – und ins volle Kinozelt geplatzt, als so ziemlich das gesamte Publikum gerade prustend lachte. Weiterlesen